

Irland wird europäisch
Als frisch gegründete Republik hatte Irland erhebliche Mühe,
sich aus dem Schatten des mächtigen Großbritanniens herauszulösen.
Es mag zwar verwundern, dass sich Irlands wirtschaftliche Bestrebungen
erst nach 1949 vermehrt zum Europäischen Kontinent ausrichteten.
Aber das komplexe Geflecht aus historischen Ereignissen bis zur Mitte
des 20. Jahrhunderts, den nach dem Ende des zweiten Weltkrieges entstandenen
internationalen Bündnissen, sowie das jahrhundertealte Dasein als
britische Kolonie machten den Blick über Englands Schulter hinweg
erst jetzt zur konkreten Chance für einen wirtschaftlichen Aufschwung.
Der Beitritt in die Europäische
Staatengemeinschaft 1973 (damals EG, heute
European Union) war für Irland der Beginn
einer neuen politischen und wirtschaftlichen Ära. Irland tat dies
nun als eigenständiger Staat, zum ersten Mal in seiner Geschichte
bot sich dem Land die Möglichkeit, sich auf internationaler Bühne
zu bewegen und gleichzeitig von den verfügbaren EU-Fördermitteln
Gebrauch zu machen. Die finanzielle Unterstützung, die Irland nun
aus Brüssel erhielt, trug somit wesentlich zu einer Verbesserung
der wirtschaftlichen Lage im damals ärmsten Land Europas bei.
Zunächst einmal wurde die heimische Produktion angekurbelt, die Infrastruktur
verbessert und ausgebaut, und auf sozialer Ebene wurde das Geld aus den
Töpfen der EU in den Wohnungsbau
und die Ausbildung gesteckt. Auch wenn
es noch weitere zwanzig Jahre dauern sollte, bis Irland in den vollen
Genuss wirtschaftlichen Wachstums kam, die Einbindung in die EU (später
gefolgt vom Beitritt in die europäische Währungsunion, den Großbritannien
bisher noch nicht vollzogen hat) bedeutete die entscheidende Wende für
die wirtschaftlichen Verhältnisse Irlands.
Heutzutage stehen viele Iren der Politik der Europäischen Union kritisch gegenüber. Der mittlerweile ratifizierte Vertrag von Lissabon wurde bei der ersten Volksbefragung am 12. Juni 2008 abgelehnt. Erst nach massivem Druck durch die Europäische Kommission und gleichzeitige Zugeständnisse an Irland wurde der neue EU-Verfassungsvertrag im zweiten Referendum (2. Oktober 2009) vom Volk angenommen.
Der Celtic Tiger: Die Entstehung
Irland ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ein
recht kleines Land mit einer geringen Bevölkerungszahl von heute
knapp 4 Millionen. Bis in die 1980er-Jahre war die Auswanderung insbesondere
in die USA - oft verbunden mit einer wirtschaftlichen Katastrophe (die
größte davon war die Hungersnot
1845-1849 -The Great Famine-, bei der Millionen
Iren ihr Leben verloren) - eine übliche Reaktion auf die schlechten
Verhältnisse im eigenen Land. Irland kann keine besonderen Rohstoffvorkommen
aufweisen und war somit, abgesehen von einigen industriellen Standorten
gerade im Bereich der Ostküste, doch immer recht abhängig von
der Landwirtschaft und England als
Absatzmarkt für seine Produkte.
Im Zeitalter des Fernverkehrs wuchs dann auch langsam eine Tourismusindustrie
heran. Diese war jedoch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
noch nicht besonders ausgeprägt: für das wirtschaftliche Überleben
Irlands nach 1949 waren ausländische Investitionen in den heimischen
Markt unabdingbar. Das erkannten auch die Wirtschaftsexperten der irischen
Regierungen nach 1949 und bemühten sich um Irlands Einbindung in
die internationalen Finanzmärkte: 1957 wurde Irland Mitglied der
Weltbank und des Internationalen Währungsfonds. Zudem schuf eine
begünstigende Gesetzgebung im Rahmen der sogenannten Foreign
Direct Investment (FDI) Strategie viele finanzielle Vorteile für
ausländische Firmen, sich in Irland anzusiedeln. Doch erst die globalen
Entwicklungen auf dem Technologiemarkt, und ganz besonders der Informationstechnologie
(IT) sollten das kleine Irland zu einem wichtigen Standort für die
Entwicklung von Computersoftware in den 1990er-Jahren machen. Hier nun
gewinnt auch Irlands über Jahrhunderte entwickeltes Verhältnis
zu den USA an Bedeutung: dort leben viele Iren bzw. Nachkommen irischer
Einwanderer, sodass die Bindung an das wirtschaftlich stärkste Land
der Welt durch eine gemeinsame Vergangenheit und einem daraus resultierenden
und auch nicht zu unterschätzenden (finanziellen) Wohlwollen der
USA Irland gegenüber recht stark ist. Darüber hinaus bot Irland
Ende des 20. Jahrhunderts, anders als andere Länder der EU,
gerade amerikanischen Firmen ein großes Potenzial hochqualifizierter,
Englisch sprechender Arbeitskräfte, sodass die Verständigung
keine Probleme darstellte. Zudem gab es eine niedrige Besteuerungsrate,
verhältnismäßig geringe Löhne und staatliche Zuschüsse
für ausländische Firmen. Mit der Ansiedlung von Softwareherstellern
in Irland erlebte die Insel innerhalb kürzester Zeit einen wirtschaftlichen
Aufschwung, der in seinem Umfang nur mit dem einiger ostasiatischer Länder
vergleichbar ist. So wurde der dort als Asian Tiger
bezeichnete Wirtschaftsboom für Irland kurzerhand in Celtic
Tiger umgetauft.
Der Celtic
Tiger: Folgen, Unterbrechungen und Probleme
Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich Irland dank des Celtic Tigers zu
einem der reichsten Länder Europas. Mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze und anwachsenden Löhnen verringerte sich nicht nur die Arbeitslosenzahl
um ein erhebliches Maß, auch das Konsumverhalten der Iren änderte sich drastisch: teure Autos oder Designerware waren
ein Jahrzehnt zuvor noch für die meisten unerschwinglich gewesen, nun
konnten sie sich viele Iren leisten. Innerhalb kürzester Zeit stieg
somit auch die Inflationsrate während die Staatsverschuldung immer
weiter zurückging. Der irischen Regierung war es nun möglich,
in die Verbesserung der Infrastruktur zu investieren, denn die engen Straßen
insbesondere um die Hauptstadt Dublin können den vielen Autos nicht
genug Platz bieten.
Und auch das Gesicht der größeren Städte wurde modernisiert.
Dies hatte zur Folge, dass die heimische Industrie gerade auf dem Bausektor einen enormen Aufschwung erlebte, nicht nur im Bereich des Straßenbaus,
sondern auch bei Gebäuden und Wohnhäusern, denn der Kauf eines
Eigenheims, in Irland aus historischen Gründen ganz besonders ausgeprägt,
war für viele Iren nun möglich geworden. Der zunehmenden Urbanisierung gerade im Raum Dublin versucht die irische Regierung mit einer gezielten
Entwicklung der ländlichen Regionen entgegenzuwirken (National
Development Plan).
Durch den Aufbau der Softwareindustrie (mittlerweile verzeichnete Irland
den weltweit höchsten Export, noch vor den USA) machte sich das Land
jedoch abhängig vom weltwirtschaftlichen Geschehen. Der globale Abwärtstrend
im Bereich der Informationstechnologie Ende der 1990er-Jahre und der daraus
resultierende Börsencrash betrafen auch das Wirtschaftswachstum auf
der grünen Insel. Viele Fabriken wurden geschlossen oder bauten radikal
Stellen ab. Nach dem 11.September 2001 war zudem Irlands Tourismusindustrie hart von den Auswirkungen der Terroranschläge von New York betroffen.
Amerikanische Touristen, Haupteinnahmequelle in der Branche, blieben aus
Angst vor Langstreckenflügen weitestgehend aus.
Zudem verpasste der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche einige Monate später der Tourismusindustrie einen zusätzlichen
Rückschlag und trug maßgeblich zum erheblichen Umsatzverlust
bei.
Was die Softwareproduktion anging, hatte Irland aufgrund der stetig ansteigenden
Löhne und Versicherungsprämien an Konkurrenzfähigkeit verloren:
einige Länder Osteuropas und China boten vielen Investoren günstigere
Bedingungen.
Seit der wirtschaftlichen Erholung der USA und der IT-Industrie weltweit
ab 2004 befindet sich die Wirtschaft Irlands wieder im Aufwärtstrend.
Nichtsdestotrotz hat die Regierung aus den Jahren der Rezession gelernt:
es soll verstärkt in die heimische Industrie investiert werden. Eine
weitere positive Entwicklung in den Beziehungen zwischen Nordirland und der Republik gibt es zu verzeichnen: die jahrzehntelangen Friedensverhandlungen haben nicht nur Südirland zu einem interessanten Wirtschaftsstandort
für ausländische Investoren gemacht. Allmählich beginnt die
gesamte Insel, vom wirtschaftlichen Aufschwung zu profitieren.
Allerdings ist Irland von der Finanzkrise seit 2008 eines der am stärksten betroffenen Länder Europas. Die geplatzte Immobilienblase hat zur Folge, dass eine Vielzahl der irischen Haushalte stark verschuldet ist.