Vor der Einführung von MTV ist ein Aufwand an Marktforschung getrieben worden, wie es ihn in der Musikbranche nie zuvor gegeben hatte. Auslöser waren Ende der 1970er-Jahre beträchtliche Umsatzeinbußen im Tonträgergeschäft und der Versuch, mit dem Medium Fernsehen neue Käuferschichten für die Musik zu erschließen. Der Ansatz bestand (und besteht nach wie vor) darin, Musik als Bestandteil eines Konsum und Marken basierten Lebensstilkonzepts zu präsentieren. Der automatische Sendebetrieb wurde noch im ersten Jahr durch eine moderierte Programmform ersetzt.
Entwicklung von Music Television
Trotz anfänglicher Verluste setzte sich diese um die Musikvideos
aufgebaute Fernsehform rasch durch. 1983 erhielt sie mit der von Thorn-EMI,
Virgin Records und Yorkshire Television in London betriebenen Music Box ein westeuropäisches
Gegenstück, dem im gleichen Jahr, ebenfalls von London aus operierend,
der analog aufgebaute Sky Channel des australischen
Großverlegers RUPERT MURDOCH folgte.
In den USA expandierte Music Television im
Januar 1985 zu den MTV Networks, als mit VH-1 ein zweiter Kabelkanal nach dem Modell von MTV eingerichtet wurde, der mit seiner Videoauswahl auf den Musikgeschmack
junger Erwachsener zielte. Das Gesamtunternehmen ging Ende 1985 an den
Fernsehprogrammdienst Viacom International. Viacom
International lizenzierte 1987 das MTV-Programm an die Mirror-Gruppe
des Londoner Verlegers ROBERT MAXWELL, von der es gemeinsam mit der British
Telecom seit August 1987 als MTV Europe in die Kabelnetze Westeuropas und Skandinaviens einspeist wird. Music
Box und Sky Channel mussten diesem europäischen
Ableger von MTV ebenso weichen wie analoge Musikvideo-Kanäle in anderen
Ländern. Mit MTV Asia (1995) und MTV
Africa (1996) wiederholte sich dieser Prozess auch in anderen Weltregionen.
In Deutschland entstand als nationales Gegenstück zu MTV
Europe 1993 der von den hier Markt führenden Tonträgerfirmen Time-Warner, Sony, PolyGram (heute Universal)
und EMI Ende 1993 ins Leben gerufenen Kölner
Sender VIVA (Bertelsmann, der ebenfalls
in diesen Kreis gehört, verfügt als Eigentümer von RTL
über eigene TV-Interessen und musste sich zudem aus kartellrechtlichen
Gründen von VIVA fernhalten.)
MTV Europe reagierte mit einem deutschsprachigen
Programmblock - MTV Goes Deutsch, aus dem 1997
eine deutschsprachige Version von MTV wird.
Auch VIVA erhielt mit VIVA
2 ein zweites Standbein, das der experimentierfreudigen Indie-Szene gewidmet war, allerdings scheiterte und 2002 von VIVA
Plus, einem ähnlich ausgerichteten Format wie VH-1, abgelöst wurde.
Als 2004 schließlich auch VIVA und VIVA
Plus in die von Viacom International betriebenen MTV Networks integriert wurden,
war aus diesen ein global agierendes Unternehmen mit einer Vielzahl von
musikspezifischen Spartenprogrammen geworden z. B. MTV
Español, VH-1 Classic, VH-1 Soul, Country Music Network, die alle denkbaren Aspekte des Musikfernsehens in allen Regionen der Welt
abdecken.
In Deutschland besteht das Musikfernsehen
unter der Ägide von Viacom International/MTV
Networks aus vier Programm-Kanälen: MTV
, MTV Pop, VIVA und VIVA Plus.
Musik (fern)sehen
Obwohl das Musikfernsehen schon lange nicht mehr ausschließlich aus Musikvideos besteht, sondern
vielmehr zu einem Jugendfernsehen gewordenen
ist, das die unterschiedlichsten Aspekte des Alltags und der Freizeit
Jugendlicher abdeckt, nimmt der Videoclip - der elektronisch bebilderte Song - noch großen Raum ein und macht
die Attraktivität dieser Form des Fernsehens aus.
Die eigentliche Funktion des Musikfernsehens ist allerdings Werbung - mit den ausgestrahlten Videos für die dazugehörigen Produkte
der Tonträgerindustrie und mit den permanent dazwischen geschobenen
Werbespots für die entsprechenden Produkte der Konsumgüterindustrie.
Das drückt sich nicht zuletzt auch in der Programmgestaltung aus, die nach einem Rotationsprinzip aufgebaut ist, d. h. Videoclips wie
Werbespots werden nach einem bestimmten Schlüssel bis zu einem Mal
stündlich (Heavy Rotation) wiederholt,
bei wöchentlichem Wechsel von sechs bis zehn der sich im Programm
in Rotation befindlichen 60 bis 70 Musikvideos.
So umstritten der Werbezusammenhang auch sein mag, Music
Television reagiert auf die sich insgesamt verändernden Fernsehgewohnheiten, die auch dieses Medium in beiläufige Rezeptionszusammenhänge
stellen. Musikfernsehen ist überwiegend ein Nebenbei-Fernsehen, worauf
sich sowohl die Programmgestalter wie die Clip-Designer einstellen mussten.
Die Folgen
Mit den elektronisch bebilderten Songs - der Visualisierung von Musik
im Videoclip - hat das Musikfernsehen zu weitreichenden Veränderungen
der Musikkultur geführt.
Musik ist damit insgesamt nicht mehr nur eine Angelegenheit des Hörens
allein, sondern in weit stärkerem Maße als früher zu einem
alle Sinne ansprechenden Event geworden
- und das gilt nicht nur für die Popkultur. Im Videoclip haben populäre
Kultur (Musik, Film, Fernsehen, Werbung) und die Sprach-
und Formexperimente der künstlerischen
Avantgarde (visuelle Musik, abstrakter Film, gegenstandslose Malerei
und Fotografie) zu einer Synthese gefunden, die die Ästhetik dieser neuartigen Existenzform von Musik nachhaltig geprägt hat.
Dabei sind vielfältige Vorläufer zum Tragen gebracht worden,
deren Spuren sich in den Videoclips leicht finden lassen.
Schon während der Swing-Ära in den 1930er-Jahren wurden für
die Vorprogramme der Kinos Kurzfilme zu den populärsten Swing-Titeln hergestellt. Sie zeigten die Interpreten
in Aktion und waren mit choreografischen und anderen Einlagen durchsetzt,
um für den Zuschauer attraktiv zu bleiben.
Eine Fortsetzung fand das in den Jukebox-Filmen der 1950er-Jahre - Endlosfilmschleifen, die die abgespielten Schallplatten illustrierten; eine Praxis, die in
den sechziger Jahren in den USA mit der Entwicklung von Videodisc-Automaten
fortgesetzt wurde.
Mit dem Einzug der Rockmusik ins Fernsehen kamen die Promotionfilme auf.
Penny Lane (1967) und Strawberry
Fields Forever (1968), die die BEATLES gemeinsam mit dem schwedischen
Avantgarde-Filmmacher PETER GOLDMAN produziert hatten, sind die bekanntesten
Beispiele dafür.
Noch bevor es das Musikfernsehen gab, wurde es Ende der 1970er-Jahre üblich, Clubs mit Musikvideos zu bespielen,
wofür sich eine eigene Videofilm-Industrie etablierte, von der dann
auch das Musikfernsehen profitierte.
Mit dem Musikfernsehen erfolgte dann die endgültige Festlegung des
Musikvideos auf die Funktion eines Werbemediums für den Tonträger,
womit es in Zusammenhänge geriet, die seiner Gestaltung genau fixierte
Grenzen setzten. So bildete sich in Abhängigkeit von den zugrunde
liegenden Songs mit ca. drei bis vier Minuten Länge ein Standardformat heraus, das zudem noch dem Zwang unterliegt, als Bestandteil eines Image-Konzepts den Star bzw. die Gruppe auf eine bestimmte Weise ins Bild zu setzen.
Musik ist damit nicht nur in die die Abhängigkeit visueller Medien
geraten - über den Erfolg entscheidet nicht mehr nur, wie sich Musik
anhört, sondern nicht minder auch, wie sie sich anschaut. Waren jedoch
die Musikclip-Kompilationen auf Videokassette noch eine reine Begleiterscheinung der Popmusik, so hat sich die Musik-DVD als Medium, Musik anzuschauen, inzwischen in allen Bereichen der Musik
durchgesetzt.
In gewisser Weise ist die Musikentwicklung mit dem Musikfernsehen auf
dem heutigen technischen Niveau damit wieder an jenen Punkt der Entwicklung
zurückgekehrt, an dem das Musikerlebnis noch ein Erlebnis aller Sinne
war, bevor mit der Technologie Klangaufzeichnung und dem Tonträger
(Schallplatte) der Prozess der Verselbständigung des Hörens
einsetzte.
Historischer Kurzabriss
| 1981 | In den USA geht der Kabelfernsehkanal MTV (Music Television) auf Sendung. |
| 1985 | MTV Networks entstehen. |
| 1987 | Der europäische Ableger des amerikanischen Music Television, MTV Europe, startet. |
| 1993 | In Köln geht VIVA, das deutsche Gegenstück zu MTV, auf Sendung. |
| 1993 | MTV Europa sendet mit MTV Goes Deutsch einen Programmblock in deutscher Sprache. |
| 1995 | Der asiatische Ableger des amerikanischen Music Television, MTV Asia, startet. |
| 1995 | VIVA 2 nimmt den Sendebetrieb auf. |
| 1996 | Der afrikanische Ableger des amerikanischen Music Television, MTV Africa, startet. |
| 1997 | Mit MTV Central startet eine deutschsprachige Version von MTV. |
| 1998 | MTV 2, die Internet-Version von MTV, startet. |
| 2002 | VIVA 2 wird in VIVA Plus umgewandelt. |
| 2004 | Viacom International, der Eigentümer von MTV, übernimmt VIVA. |