WILDE ist ein typischer Vertreter des Dandyismus,
für den ein gewandter Konversationston, eine gleichgültig-überlegene,
auch arrogante Haltung in jeder Lebenssituation und die Neigung zur Ästhetisierung
des Lebens typisch waren. Nach seinen literarischen Erfolgen reiste er
zu Lesungen durch ganz England und in die USA. 1895 wurde er jedoch wegen
seiner Homosexualität zu zwei
Jahren Gefängnis verurteilt. Seine letzten Lebensjahre verbrachte
er in bescheidenen Verhältnissen in Paris, wo er alkoholkrank am
30. November 1900 starb. Kurz vor seinem Tod trat er zum Katholizismus
über.
Literarisches Schaffen
WILDE gilt als herausragender Vertreter des Ästhetizismus in England. Dieser Begriff bezeichnet eine Geisteshaltung, die dem ästhetischen
Erleben, d.h. dem Schönen in Natur und Kunst, einen absoluten Vorrang
vor anderen Werten einräumt. In diesem Sinn versucht die Hauptfigur
seines einzigen Romans The Picture of Dorian Gray sein Leben selbst als
Kunstwerk zu gestalten, scheitert aber an seinem Gewissen. Der Roman machte
WILDE in der literarischen Avantgarde berühmt - erhielt aber von
der viktorianischen Presse verheerende Kritiken.
In WILDEs kunstvollen Märchen werden gesellschaftliche Missstände romantisch eingekleidet und gleichzeitig
sozialkritisch enthüllt - so z. B. in The Happy
Prince and Other Tales (1888, dt. Der glückliche
Prinz und andere Erzählungen). In der Novelle The
Canterville Ghost (1887, dt. Das Gespenst von
Canterville) parodiert WILDE die beliebten Schauerromane (gothic novels).
In der ausgesprochen witzigen Geschichte geht es um ein englisches Schlossgespenst, das von den neuen amerikanischen Besitzern des Schlosses ziemlich respektlos behandelt wird. Seinem Spuk entgegnen sie mit Spott und Sachlichkeit, indem sie ihm zum Beispiel gegen sein nächtliches Kettengerassel ein Schmieröl anbieten, als es sie nachts auf dem Flur erschrecken will.
WILDE kehrt die Furcht vor Geistern einfach um, da sich hier das Gespenst
vor den Menschen zu fürchten beginnt.
WILDEs erfolgreiche Gesellschaftskomödien gelten als Höhepunkt seines Schaffens und knüpfen an die englische
Tradition der Comedy of Manners an,
einen Komödientyp des 17. Jahrhunderts, in dem zeitgenössische
Sitten und Anschauungen satirisch überzeichnet dargestellt werden.
WILDES Komödien leben vom geschliffenen
Dialog und geistreichen Witz, mit dem sie Denk- und Verhaltensmuster des Viktorianischen Zeitalters
aufs Korn nehmen, so zum Beispiel seine bekannteste Komödie The
Importance of Being Earnest (1895). Sie handelt von Verwirrungen und Verwechslungen,
die WILDE mit Aphorismen und einzigartigem
Wortwitz ausschmückt.
Das Drama Salomé (1891) wurde 1905 von RICHARD STRAUSS vertont und als Oper ein Welterfolg.
Es machte STRAUSS zum führenden Musikdramatiker. Nachdem die einzige Tragödie WILDEs in England zunächst
verboten wurde, fand die Uraufführung 1896 in Paris statt. Zur englischen
Erstaufführung kam es erst im Jahr 1905. WILDE verdichtet in einem
einzigen Akt die biblische Geschichte von HERODES, SALOMÉ und JOHANNES
DEM TÄUFER (hier Jochanaan). Im Mittelpunkt stehen die Verführung
Salomés und ihre Hassliebe zu Jochanaan, dessen Kopf sie von Herodes fordert.
In seiner Schrift The Soul of Man Under Socialism (1891, dt. Der Sozialismus und die Seele des Menschen) wendet sich WILDE gegen das Privateigentum und entwirft die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft freier, sich unbeschränkt verwirklichender Individuen. Seine Gefängniserfahrung verarbeitete WILDE in der Ballad of Reading Gaol (1898, dt. Die Ballade vom Zuchthause zu Reading). Der Grund seiner Verurteilung, sein Verhältnis zu LORD ALFRED DOUGLAS, kommt erst in dem bekenntnishaften Brief De Profundis (1895/97) zur Sprache, der erst nach dem Tod WILDEs veröffentlicht wurde. Beide Texte legen Zeugnis von seinem persönlichen Leid ab und beschreiben die unmenschlichen Haftbedingungen.
Werke (Auszug)
Dramen
Lady Windermere`s Fan (1892, dt. Lady Windermeres Fächer)
A Woman of No Importance (1893, dt. Eine Frau
ohne Bedeutung)
An Ideal Husband (1899, dt. Ein idealer Gatte)
Gedicht
Ravenna (1878)
Märchen
A House of Pomegranates (1891, dt. Das
Granatapfelhaus)