Wie geht man beim Lesen vor?
Das
Lesen fremdsprachlicher Texte
Um einen Text zu verstehen, reicht das
Sprachwissen
allein nicht aus. Es muss außerdem
Weltwissen
vorhanden sein, also Wissen über Dinge, die mit der Kultur der Zielsprache
zu tun haben. Wenn man nicht weiß, dass London die Hauptstadt Großbritanniens
ist, kann man einen Text, in dem es um London geht, nicht gänzlich
verstehen. Sprachliches Verstehen findet immer auf der Grundlage von
Vorwissen
statt. Je mehr Vorwissen - sowohl sprachliches als auch Weltwissen - bereits
im Gedächtnis gespeichert ist, desto leichter fällt es uns, neue
Information zu verarbeiten und zu verstehen.
Außerdem kann man sich die Informationsaufnahme durch den Einsatz
verschiedener Lesemodi erheblich erleichtern.
Der Lesemodus
Die Auswahl eines Lesemodus ist von zwei Faktoren abhängig:
- Mit was für einem Text habe ich es zu tun? Handelt es sich beispielsweise
um einen längeren oder einen kurzen Text? Schon aufgrund der Länge
würde man z. B. einen Roman nicht so detailliert lesen wie einen
Zeitungsartikel, der nur drei Spalten hat.
- Was erwarte ich von der Lektüre des Textes? Welche Informationen
soll der Text vermitteln? Texte haben oft eine Hauptinformation und
verschiedene Nebeninformationen. Geht es mir nur um einen bestimmten
Fakt oder bin ich allgemein an einem Thema interessiert?
Nach diesen beiden orientierende Fragen kann man aus folgenden Möglichkeiten
wählen:
- Das orientierende Lesen - skimming
- dient dazu, sich einen Überblick
über den Textinhalt zu verschaffen. Man orientiert sich etwa am
Titel und erfasst den groben Inhalt des Textes. Hier geht es nicht darum,
Details zu erfahren. Deshalb überspringt man oft einfach Wörter,
die man nicht auf Anhieb versteht und verlässt sich darauf, dass
das Hauptanliegen des Autors trotzdem
erkennbar wird. Oft ist das orientierende Lesen das erste Lesen, bevor
man sich eingehender mit einem Text beschäftigt. Das skimming
wird aber auch häufig eingesetzt, wenn man wissen will, ob ein
Text für ein bestimmtes Thema wichtig ist oder nicht. Wenn man
beispielsweise einen Vortrag über das Aussterben der Kängurus
in Australien halten soll und man findet im Internet einen Artikel mit
dem Namen Help them before it's too late,
dann wird man diesen Artikel schnell überfliegen in der Hoffnung,
dass es hier um das zu bearbeitende Thema geht.
- Beim suchenden Lesen - scanning
- hält man gezielt nach einer bestimmten Detailinformation
Ausschau, z. B. nach einer Jahreszahl, einem Namen, o. ä. Dieser
Lesemodus findet auch manchmal im Fremdsprachenunterricht Anwendung,
etwa wenn der Leseauftrag bei einer Liebesgeschichte lautet, herauszufinden,
wie sich die zwei Verliebten nennen. Bei dieser Art des Lesens ist das
allgemeine Textverständnis noch weniger wichtig als beim orientierenden
Lesen. Es geht wirklich nur um das Herausfinden einer spezifischen Information.
- Das kursorische Lesen - receptive
reading - wird eingesetzt, um das Wesentliche
des Inhalts zu erfassen. Während skimming
und scanning eher orientierende Lesearten
sind, setzt sich das receptive reading schon
intensiver mit der Gesamtheit der
Information im Text auseinander. Wenn man z. B. ein Fan des englischen
Königshauses ist und einen Artikel aus der Sun
in die Hände bekommt, in dem der neueste Klatsch aus dem Buckingham
Palace zu lesen ist, wird man vermutlich versuchen, das Wesentliche
des Textes zu verstehen, um über die Windsors auf dem Laufenden
zu sein. Das bedeutet jedoch immer noch nicht, dass dafür alle
Wörter verstanden werden müssen. Je nach Gefühl kann
man auch hier unbekannte Wörter überspringen, sofern sie einem
unwichtig erscheinen bzw. Wörter nachschlagen oder erschließen,
die man für wichtig hält.
- Das totale Lesen (ein gründlicheres
receptive reading) wird häufig im Fremdsprachenunterricht
zum Verständnis von Lehrbuchtexten
eingesetzt. Hier werden möglichst alle Informationen verarbeitet,
was wiederum bedeutet, dass man versucht, die Bedeutung jedes Wortes
zu erschließen.
- Das argumentative Lesen - responsive
reading - ist die wohl intensivste Art der Auseinandersetzung mit
einem Text. Hier geht es nicht nur darum, einen Text zu lesen und seinen
Inhalt verstanden zu haben. Es bedeutet, den Inhalt des Textes, seine
Argumente so zu verinnerlichen, dass man sich darüber austauschen
kann. Nehmen wir an, wir lesen das Parteiprogramm der Republikaner in
den USA. Es argumentativ zu lesen würde bedeuten, es so zu lesen,
dass man danach mit einem amerikanischen Austauschschüler darüber
reden kann, ob die Partei während ihrer Regierungszeit ihre Vorhaben
erfüllt hat oder nicht. Neben dem intensiven Lesen ist es in diesem
Fall von Vorteil, sich zu den einzelnen Abschnitten des Textes Stichpunkte
zu machen und den Text so auf die wesentlichen Informationen zu reduzieren.
Häufig gibt es Lesesituationen, in denen es gar nicht um das Verständnis
des gesamten Textes, sondern um spezifische Informationen geht. Auch im
Fremdsprachenunterricht werden Texte oft unter bestimmten Fragestellungen
gelesen. Die Antworten auf diese Fragen machen meistens schon die Hauptinformationen
des Textes aus. Um sie zu finden, kann man sich also beim Lesen des Textes
oft an den gestellten Fragen orientieren, ohne zu viel Zeit mit dem Nachschlagen
unbekannter Wörter aufzuwenden.