


Die
Verweltlichung des Papsttums
Schon im Mittelalter begann die Verweltlichung
des Papsttums. Der Papst war nicht mehr nur das Oberhaupt der katholischen
Kirche, sondern auch Herrscher über ein "weltliches" Territoriums,
den Kirchenstaat. Seit der Mitte des
15. Jh. wandten sich die Päpste außerdem der damals neuen
geistigen Strömung der Renaissance
zu. Daher werden diese Päpste auch als Renaissancepäpste
bezeichnet.
Den Renaissancepäpsten war die Liebe von Prunk und eines angenehmen
Lebens gemeinsam. Sie beriefen namhafte Künstler
und Baumeister nach Rom, darunter die
Bildhauer und Maler MICHELANGELO, RAFFAEL und
BERNINI. Einige Päpste, vor allem die des beginnenden 16. Jh.,
waren auch als bauwütig bekannt. Außerdem versuchten sie mehr
ihre weltliche denn ihre Macht als Stellvertreter Gottes zu festigen und
zu erweitern. Die notwendige innere Reform der
Kirche musste dabei zwangsläufig auf der Strecke bleiben.
Einer der bekanntesten Renaissancepäpste war ALEXANDER VI.,
der den Papstthron von 1492 bis 1503 bestiegen hatte.
ALEXANDER VI., Herkunft und Aufstieg
Nach unseren heutigen geografischen Vorstellungen war ALEXANDER
ein Spanier. Er wurde um 1430/1432 bei Valencia geboren und gehörte
zum Adelsgeschlecht der Borgia.
Seinen raschen Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie verdankte er seinem
Onkel, der Mitte des 15. Jh. Papst war. Der ernannte ALEXANDER bereits
1455 in jungen Jahren zum Kardinal.
Ein gutes Jahr später erhob er ihn zum Vizekanzler der römischen
Kirche.
Als Vizekanzler erhielt er auch eine
Reihe von sogenannten Pfründen.
Das waren Kirchenämter, aus denen mehr oder weniger hohe Einkünfte
geschöpft werden konnten. Darunter befanden sich drei Bistümer.
Im Jahre 1492 wurde ALEXANDER dann
zum Papst gewählt, allerdings
durch Bestechung.
ALEXANDER war nicht nur deshalb eine schillernde
Persönlichkeit auf dem Thron Petri. Seinen Zeitgenossen erschien
er nicht nur sehr klug und begabt. Er hatte sich auch bald den Ruf eines
machtbewussten, vor allem aber eines
sittenlosen Papstes erworben, der die
sexuellen Freuden des Lebens in vollen Zügen genoss.
ALEXANDER als Schiedsrichter -
der Vertrag von Tordesillas
Nach der Entdeckung Amerikas durch KOLUMBUS im Jahre 1492 stritten sich
Spanien und die benachbarte Seefahrernation
Portugal um die neu entdeckten Gebiete
und um die Vorherrschaft auf den Meeren
und Ozeanen. Papst ALEXANDER VI.
hatte noch so viel Ansehen, dass sich die streitenden Parteien mit
der Bitte um Vermittlung an ihn wandten. Auf der Grundlage seines päpstlichen
Schiedsspruchs einigten sich beide Mächte dann im Juni 1494
im Vertrag von
Tordesillas über die Aufteilung der neu entdeckten, aber auch
der noch zu entdeckenden Gebiete.
Eine von Nord nach Süd verlaufende Linie, 370 Meilen westlich von
den im Atlantik gelegenen Kapverdischen Inseln, trennte die beiden Einflussgebiete.
Spanien erhielt alle westlich, Portugal
die östlich davon gelegenen Territorien.
Die Machtpolitik von ALEXANDER VI.
ALEXANDER war verheiratet und hatte von einigen Frauen eine größere
Anzahl von Kindern. Von seinen Kindern wurden später vor allem seine
Tochter LUCREZIA BORGIA und sein Sohn
CESARE BORGIA bekannt Das Hauptziel
seines politischen Strebens war es, Reichtum und Territorium und damit
die Macht des Hauses
Borgia zu vergrößern. Dieses Hauptziel versuchte er vornehmlich
durch die Förderung der beiden genannten Kinder zu erreichen:
CESARE BORGIA (1475-1507)
Kaum war ALEXANDER auf den päpstlichen Thron gelangt, ernannte er
schon seinen Sohn CESARE BORGIA
mit 17 Jahren zum
Erzbischof von Valencia (Spanien). Ein Jahr später ernannte er ihn
sogar zum Kardinal. Kurze Zeit später trat CESARE jedoch von diesem
Amt zurück, um sich vor allem den weltlichen
Interessen seines Adelsgeschlechtes zu widmen.
Um das Bündnis seines Vaters mit dem französischen König
zu stärken, trat er beispielsweise in französische
Dienste, wurde vom König mit einem Herzogtum belehnt und heiratete
1499 dessen Nichte. Im gleichen Jahr eroberte er mit französischer
Hilfe größere Gebiete nördlich des Kirchenstaates. Hier
war er bald HERZOG DER ROMAGNA und HERZOG VON URBINO und wollte ein mittelitalienisches
Königreich errichten. Der Tod seines Vaters setzte diesen
Bestrebungen jedoch ein Ende. CESARE BORGIA lieferte das Vorbild für
die staatspolitische Schrift "Il Principe" ("Der Fürst")
von NICCOLO MACHIAVELLI.
LUCREZIA BORGIA (1480-1519)
Eine bemerkenswerte Rolle bei den Bestrebungen von ALEXANDER VI.,
Reichtum und Ruhm der BORGIAS zu mehren, spielte seine Tochter LUCREZIA
BORGIA.
Als uneheliches Kind eines Papstes hatte sie lange Zeit einen schlechten
Ruf. Ihre drei Ehen dienten nahezu
ausschließlich den Interessen ihrer Familie und wurden von Ihrem
Vater und ihrem Bruder arrangiert. Das entsprach der in diesen Jahrhunderten
übliche Praxis von Königshäusern und Adelsgeschlechtern,
durch Heirat
den Einfluss und das Territorium
zu vergrößern:
Nach dem Tod ihres zweiten Mannes, hinter dem ihr Bruder gesteckt haben
sollte, wurde sie durch ihre dritte Heirat HERZOGIN
VON FERRARA (Mittelitalien). In Ferrara soll sich LUCREZIA als
geistreiche Renaissancefürstin erwiesen haben, die Künstler,
Dichter und Gelehrte an den fürstlichen Hof zog.
Der Lebenswandel des Papstes, die Vetternwirtschaft
in seiner Familie mit den Kindern sowie der Sittenverfall an seinem Hof
rief auch viele Kritiker auf den Plan. Zu den bekanntesten Kritikern von
ALEXANDER VI. und der Zustände in der katholischen Kirche generell
gehörte der Mönch SAVONAROLA.
GIROLAMO SAVONAROLA - engagierter
Kritiker des Papsttums
Der 1452 in Ferrara geborene GIROLAMO
SAVONAROLA wurde mit 24 Jahren Dominikanermönch im Kloster
San Marco in Florenz und zog als Bußprediger
durch die umliegenden Städte.
Dabei verurteilte er den allgemeinen Sittenverfall, insbesondere aber
die Zustände im päpstlichen Rom. Im Jahre 1484 hatte er die
Vision eines herannahenden göttlichen
Strafgerichtes. Dieses sollte Italien heimsuchen und zu einer Erneuerung
der Kirche führen.
Im Jahre 1491 begann er seine Visionen bzw. Vorstellungen selbst zu verwirklichen.
Als Prior (Klostervorsteher) des
Klosters von San Marco in Florenz führte
er mit drastischen Methoden bei den Mönchen Zucht und Ordnung ein.
Als drei Jahre später nach kriegerischen Auseinandersetzungen das
in Florenz herrschende Adelsgeschlecht der MEDICI vom französische
König vertrieben wurde, sah SAVONAROLA seine Stunde gekommen:
Er errichtete in der Stadt die theokratische
Herrschaft als die seinen Vorstellungen entsprechende Gottesherrschaft:
Das öffentliche und private Leben der Stadt hatte sich von nun an
ausschließlich an den Grundsätzen
der Bibel auszurichten. Florenz
sollte dadurch zum neue Rom werden.
Das Vorgehen von SAVONAROLA in Florenz musste Papst ALEXANDER VI.
zwangsläufig missfallen. Er verhängte auch bald ein Predigtverbot
über ihn. Als das nicht half, exkommunizierte er ihn sogar, schloss
ihn also aus der Kirche aus.
Die Haltung des Papstes verlieh auch den Gegnern von SAVONAROLA Auftrieb.
Sie verhafteten ihn 1498 und erzwangen unter der Folter
das Geständnis der Ketzerei.
Daraufhin klagte man ihn der Ketzerei und der
falschen Prophetie an, erkannte ihn nach kurzer Verhandlung auch
dieser Vergehen schuldig und verurteilte ihn zum Tode.
Am 23. Mai 1498 wurde er auf der Piazza della Signoria, dem Hauptplatz
der Stadt, zunächst am Galgen erhängt.
Sein Leichnam wurde dann auf demselben Platz noch auf dem Scheiterhaufen
verbrannt.
ALEXANDERS Nachfolger
Die Nachfolger von ALEXANDER VI.
übten ihr päpstliches Amt nicht wesentlich anders als er aus.
So kam sein unmittelbarer Nachfolger, JULIUS II., ebenfalls durch
Bestechung zu seinem Amt und führte
einen lockeren Lebenswandel. Als typischer Renaissancepapst
förderte auch er die Künste und vergab Aufträge an bedeutende
Künstler.
1506 gab er z. B. den Neubau
des Petersdoms in Auftrag, durch den sich der Ablasshandel
zu einem schweren Missstand und Kritikpunkt an der katholischen Kirche
ausweiten sollte. Es sollte jedoch noch eine ganze Reihe von Jahrzehnten
dauern, ehe das Papsttum zur wirklichen Reformation
der Kirche bereit war. LUTHER und die Ausbreitung des Protestantismus
haben zu diesem Umdenken maßgeblich beigetragen.