
Notwendigkeit
der Bündnispolitik
Mit der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 nach dem Sieg
über Frankreich hatte sich das Kräfteverhältnis
im europäischen Staatensystem verschoben.
Es kam nun sehr darauf an, alle anderen europäischen Großmächte
davon zu überzeugen,
Das war nicht einfach.
Die wirtschaftliche Stärke des
nach dem Deutsch-Französischen Krieg geeinten, von Österreich
abgegrenzten Deutschland und dessen militärischer
Vorsprung gegenüber anderen europäischen Staaten waren
nicht dazu angetan, BISMARCKS Worten, keine weiteren Gebiete erobern zu
wollen, Vertrauen zu schenken.
Im Gegenteil:
Die europäischen Staaten beobachteten voller Sorge
und Misstrauen z. B. den enormen Anstieg der deutschen Industrieproduktion
und die damit zunehmende Bedeutung des Landes als Konkurrent auf dem Weltmarkt.
Dieses Misstrauen seiner europäischen Nachbarn war für
die Außenpoltik des Deutschen Reichs eine Herausforderung.
BISMARCKS Außenpolitik
Die von BISMARCK als deutschem Reichskanzler bis 1890 geleitete Außenpolitik
wurde entscheidend bestimmt von seiner Einstellung
zu Frankreich.
BISMARCK nahm an, dass Frankreich
seine Niederlage und den Verlust von Elsass-Lothringen nicht verwinden
konnte und jede sich ergebende Gelegenheit nutzen würde, um einen
Revanchekrieg zu beginnen. Ein erklärtes
Ziel seiner Außenpolitik bestand deshalb darin, Frankreich gegenüber
den anderen Großmächten politisch zu isolieren.
Zeitweise gelang ihm das auch, indem er das Interesse Frankreichs auf
koloniale Ziele lenkte. Dabei hoffte er gleichzeitig, dass das zu Konflikten
zwischen Frankreich und der Kolonialmacht England führte. Als Haupansatzpunkt
für die Isolation Frankreichs
in Europa betrachtete er aber ein Bündnissystem
Deutschlands mit anderen europäischen Großmächten.
Die Bündnisgeometrie von BISMARCK
Das erste Bündnis des Systems war das 1872 geschlossene Dreikaiserabkommen
zwischen Deutschland, Österreich und Russland, das in der monarchischen
Tradition der Heiligen Allianz von 1815 stand. Mit der Verständigung
zwischen den drei Monarchen setzte BISMARCK
die traditionelle Freundschaft zu Russland
fort. Gleichzeitig erreichte er durch die Einbeziehung des österreichischen
Kaisers, dass die Gegensätze zwischen dem Zarenreich und Österreich
bei der Erlangung der Vorherrschaft auf dem Balkan nicht weiter ausuferten
und zum Krieg führten.
Die Konflikte und die fortwährenden außenpolitischen Spannungen
um Herrschaftsansprüche auf dem Balkan waren Auslöser für
ein weiteres Abkommen. Im Jahre 1879 schlossen sich Österreich
und das Deutsche Reich zum Zweibund
zusammen.
Beide Länder vereinbarten in diesem Beistandspakt die gegenseitige
Bündnispflicht im Falle eines russischen Angriffs. Sollte der Angriff
durch eine andere Macht erfolgen, z. B. Frankreich, dann verpflichtete
der Pakt den jeweils anderen Vertragspartner zur wohlwollenden Neutralität.
Der Zweibund hielt bis zum ersten Weltkrieg. Im Jahre 1882 trat ihm noch
Italien bei, gerade nachdem Frankreich
in Nordafrika Tunis besetzt und damit italienische Pläne durchkreuzt
hatte.
Das gab dem nunmehrigen Dreibund
zwischen Deutschland, Österreich und Italien die von BISMARCK erwünschte
Frontstellung gegen Frankreich, trug
also zu dessen außenpolitischer Isolierung bei. Die Bündnispartner
mussten aber dabei mit dem stillschweigenden Einverständnis Großbritanniens
rechnen, das seiner traditionellen "Teile-und-herrsche-Politik"
entsprach.
Als das Dreikaiserabkommen, bedingt
durch die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Russland
und Österreich, nicht mehr aufrechterhalten werden konnte, gelang
es BISMARCK 1887, ein geheimes Neutralitätsabkommen
mit Russland abzuschließen. Dieses von BISMARCK selbst als
Rückversicherungsvertrag
bezeichnete Abkommen verhinderte noch einmal die befürchtete Annäherung
Frankreichs an Russland. Im Kriegsfall minderte es für Deutschland
die Gefahr eines gleichzeitigen Zweifrontenkrieges,
im Westen gegen Frankreich, im Osten gegen Russland.
BISMARCK bemühte sich mit seiner
Außenpolitik und dem von ihm ins Leben gerufenen Bündnissystem
bzw. -geflecht, das Kräftegleichgewicht zwischen den europäischen
Großmächten und damit den Frieden zu erhalten. Gleichzeitig
sollte eine militärische Einkreisung des Deutschen Reichs verhindert
werden. Die von Bismarck geschlossenen Bündnisse belegen andererseits
seine Führungsrolle
in der europäischen Politik der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.