

Byzanz-Reich ohne Anfang
Byzanz
ist ein Reich ohne Anfang. Ein
exaktes Gründungsdatum gibt es nur für die Hauptstadt Konstantinopel,
die Kaiser KONSTANTIN DER GROSSE 324 n. Chr. an der Stelle von "Byzantion",
der im 7. Jahrhundert v. Chr. entstandenen griechischen Kolonie am Bosporus, gründete,
nicht aber für den politischen Raum, dem diese zweite Residenzstadt des Römischen
Reichs (neben Rom) vorstand.
Erst als Kaiser THEODOSIUS, kurz vor seinem Tod
(395) das Römische Reich unter seinen Söhnen HONORIUS und ARKADIOS (mit
Hauptstädten in Rom beziehungsweise in Konstantinopel) aufteilte, entwickelten
sich die beiden Reichshälften deutlich auseinander. Die westliche Hälfte
hatte dabei durch Überfälle, Verwüstungen und dauernde Niederlassungen
germanischer Stämme weit mehr zu leiden als der Osten, dem in Kleinasien
und den orientalischen Provinzen sichere wirtschaftliche Ressourcen zur Verfügung
standen.
Wiedergewinnung des ganzen
römischen Mittelmeerreichs
Nur vom Ostteil her konnte somit der
Versuch einer Wiedergewinnung
des ganzen römischen Mittelmeerreichs unternommen werden. Tatsächlich
gelang es den Feldherrn JUSTINIANS I. (527-565), in einer mehr als 20-jährigen
Auseinandersetzung
wieder dem Römischen Reich zu unterwerfen.
Doch da diese Erwerbungen bereits im 6. Jahrhundert fast ausnahmslos wieder verloren
gingen, war das "Römische Reich" binnen kurzem erneut auf den seit
395 festgelegten östlichen Teil beschränkt. Erst ab diesem Zeitpunkt,
etwa um das Jahr 600, ist es auch in Verbindung mit gesellschaftlichen, kulturellen
und administrativen Veränderungen angebracht, vom "Byzantinischen Reich"
oder verkürzt von "Byzanz" zu sprechen; der ideologische Anspruch,
ein "Reich der Römer"
im alten Sinn zu sein, wurde von den Byzantinern allerdings nie aufgegeben.
Zwischen
570 und 670 war Byzanz ständig in einen Zweifrontenkrieg
verwickelt
die als bisher unbekannte Gegner weite Teile der Balkanhalbinsel bis Griechenland verwüsteten, an den starken Mauern Konstantinopels jedoch scheiterten. Kaum war es Kaiser HERAKLEIOS (610-641) gelungen, die Perser als Gegner für immer zu besiegen, zeigte sich im Süden ein neuer Feind:
Die Araber
Die
Araber nahmen in wenigen Jahrzehnten die orientalischen Provinzen des Byzantinischen
Reichs, das seine militärischen und finanziellen Kräfte an den anderen
Fronten erschöpft hatte, in ihren Besitz und drangen bis tief in das kleinasiatische
Festland ein. Da sie sogar die Oberhand zur See im östlichen Mittelmeer gewannen,
konnten sie zwischen 674 und 678 Konstantinopel belagern, ohne es freilich dank
des "griechischen Feuers" zu erobern. Gewissermaßen im Windschatten
dieser dramatischen Ereignisse erlosch fast jede byzantinische Initiative im Westen,
sodass
nennenswerter
Widerstand entgegengesetzt wurde.
Reorganisation
der Verteidigung
Diese Umwälzungen leiteten schließlich soziale und
administrative Veränderungen ein, die das Bild des byzantinischen Staates
in den folgenden Jahrhunderten bestimmten: Die an die alten römischen Provinzen
gebundene Verteidigungsstruktur wurde seit dem 7. Jahrhundert in zahlreiche Militärbezirke umgewandelt, in denen sich stehende oder rasch zusammenziehbare Heere befanden,
die überwiegend aus der ländlichen Kleingrundbesitzerschicht bestanden.
Dieser Reorganisation
der Verteidigung waren die Siege gegen die Araber im 8. Jahrhundert und die
Stabilisierung der Ostgrenze im 9. und 10. Jahrhundert zu verdanken.
Auf dem
Höhepunkt der Auseinandersetzungen gegen Araber und Bulgaren im 8. und 9.
Jahrhundert blieb das Reich nicht von gesellschaftlichen Spannungen verschont.
Indem sich Kaiser LEON III.(717-741) gegen die Verehrung religiöser
Bilder wandte, leitete er eine mehr als 100 Jahre dauernde Auseinandersetzung
gegen große Teile der Kirche und besonders die Mönche ein. Im "Bilderstreit"
zeigten sich erstmals die Grenzen der kaiserlichen Macht gegenüber einer
Kirche, die im Verlauf von sechs ökumenischen Konzilien zu einem herrschenden
Faktor im Staat geworden war und Byzanz vor allem durch ihren Einfluss auf die
mittleren und unteren Schichten zu einem christlichen Staat orthodoxer Prägung
gemacht hatte. Dieser unterschied sich erheblich vom religiösen und ethnischen
Völkergemisch der früheren Jahrhunderte und erhielt in seiner Opposition
zur "ungläubigen" islamischen Welt die nationalstaatliche Komponente
eines "Bollwerks". Der Sieg der Kirche und des Mönchtums im Bilderstreit
(843) drängte die Kaisermacht antiken Gepräges weiter zurück und
trug zur Festigung der orthodoxen Position nicht unwesentlich bei.
"Byzantine Commonwealth"
865 nahm das
Bulgarische Reich, wo noch ein halbes Jahrhundert zuvor ein byzantinischer
Kaiser im Kampf den Tod gefunden hatte, das Christentum byzantinischer Prägung
an. Wenngleich dies nicht mit einem dauerhaften Frieden verbunden war, hatte das
Byzantinische Reich doch seinen ideologischen Einfluss in ungeahnter Weise über
die eigenen Grenzen hinaus ausgedehnt und den ersten Schritt zu einem "Byzantine Commonwealth", einer durch den orthodoxen Glauben
miteinander verbundenen Staatenwelt, gemacht, in dem Byzanz auch unabhängig
von seiner militärischen Stellung als kulturelle Macht Autorität ausübte.
Byzanz hatte nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs
Öffnung
des Reichs im 9. Jahrhundert
Die Öffnung
des Reichs im 9. Jahrhundert, die durch die Erfolge gegen die Araber möglich
wurde, erlaubte es nun, in Literatur und Kunst die Hinterlassenschaft der Antike
in neue Formen umzusetzen: Die Epoche zwischen 850
und 1000 gehört zu den innovativsten Perioden
der byzantinischen Geistesgeschichte. Die
kulturellen Leistungen dieser Zeit waren zwar nur einer kleinen Elite vorbehalten,
bildeten mit ihrer Ausstrahlungskraft
jedoch ein bisweilen beneidetes, häufig imitiertes und doch nie ganz erreichtes Vorbild intellektueller Größe.
Konflikt
zwischen einem römischen Kaiser im Osten und einem römischen Kaiser
im Westen
Nachdem die Langobarden 751 mit Ravenna die letzte Besitzung der Byzantiner in Italien erobert hatten,
rief der sich bedroht fühlende Papst, nominell ein byzantinischer Untertan,
die karolingischen Franken zu Hilfe und krönte 800 vielleicht in einer Art
Gegenleistung KARL DEN GROSSEN zum "römischen
Kaiser". Um den nunmehr für die folgenden Jahrhunderte bestehenden
Konflikt zwischen einem römischen Kaiser im Osten und einem römischen
Kaiser im Westen beizulegen, wurden
etwa im Jahr 972 die Verbindung einer kaiserlichen
Nichte, THEOPHANO, mit OTTO II. Als diese Ehe geschlossen wurde, befand sich Byzanz
auf dem Höhepunkt seiner politischen und wirtschaftlichen Macht. Dennoch
war BASILEIOS II.(976-1025) im Kampf gegen eine ihm feindliche Gruppe von
Großgrundbesitzern auf die Hilfe russischer
Truppen aus Kiew angewiesen. Deren Übersendung wurde jedoch nicht
mit Geld, sondern mit einer Eheschließung zwischen der kaiserlichen Schwester
ANNA und dem Großfürsten WLADIMIR entlohnt. Da WLADIMIR für sich
und sein Volk 988 oder 989 das Christentum akzeptieren musste, wurde auch dieser
Kulturraum dem byzantinischen "Commonwealth" zugeordnet.
Beim Tod
BASILEIOS' hatte das Reich zwar seine größte
Ausdehnung seit JUSTINIAN erreicht, sah sich aber neuen sozialen Problemen
ausgesetzt: Hohe Beamte, Militärs, die Kirche und große Klöster
hatten für verarmte Bauern, die als Soldaten die Wehrkraft des Reiches garantierten,
die Steuerabgaben übernommen und minderten dadurch sowohl die Steuereinnahmen
als auch die Verteidigungskraft des Staates. Die wirtschaftlichen Ressourcen des
Landes, das nun wieder vom Balkan bis Syrien reichte und in das zu Wasser und
zu Lande die Handelswege aus dem Fernen Osten und dem arabischen Orient führten,
glichen diese Einbußen zunächst noch aus.
11.
Jahrhundert: Die Seldschuken
Die Situation änderte sich grundlegend
um die Mitte des 11. Jahrhunderts.
Denn während im Westen die "germanische" Völkerwanderung schon mit dem 6. Jahrhundert zu Ende gegangen war, drangen im Osten weiterhin Türkvölker
aus Zentralasien bis weit ins byzantinische Kleinasien vor. 1071 verlor das byzantinische Heer bei Mantzikert eine entscheidende Schlacht
gegen die Seldschuken. Den Siegern gelang es daraufhin, im Herzen Kleinasiens
einen eigenen Staat zu errichten, das "römische"
Sultanat. Im Westen betrachtete man weniger diese Bedrohung des Byzantinischen
Reichs mit Sorge als vielmehr die Behinderung der
Pilgerwege zum Heiligen Land: Die seit 1095 unternommenen Kreuzzüge sollten unter anderem auch den ungehinderten Zugang zu den heiligen Stätten
wieder gewährleisten. Da die meisten Kreuzfahrer den Landweg wählten,
trug allerdings Byzanz die Hauptlast der "logistischen" Probleme wie
Versorgung, Beherbergung oder Schutz, ohne selbst an den Unternehmungen zu gewinnen.
Die Gründung der Kreuzfahrerstaaten im
Vorderen Orient führte zudem zu einer Verlagerung der wirtschaftlichen und
politischen Interessen: Byzanz und das arabische Kalifat waren nun nicht mehr
die einzigen bedeutenden Kräfte im Mittelmeerraum.
Italien
und die Normannen
In Italien bereiteten im 11. Jahrhundert die Normannen den letzten langobardischen Herzogtümern ein Ende und nahmen auch die griechischen
Gebiete Unteritaliens ein. Um weitere normannische Vorstöße abzuwehren,
ging Byzanz 1082 ein Bündnis
mit Venedig ein und gewährte der Seerepublik weitreichende Handelszugeständnisse,
die im 12. Jahrhundert auch auf Pisa und Genua ausgeweitet wurden. Im Gefolge
der Kreuzzüge errichteten diese drei Stadtstaaten im gesamten östlichen
Mittelmeerraum Handelsniederlassungen, die
zusammen mit den byzantinischen und arabischen Märkten ein international
vernetztes Wirtschaftssystem schufen. Die Einbindung des Byzantinischen
Reiches zu diesem Zeitpunkt eher dem Anspruch als der Wirklichkeit nach ein Weltreich
in die internationale Staatengemeinschaft erreichte unter der Herrschaft des glanzvollen,
"westlich" orientierten Kaisers MANUEL I. (1143-80) ihren Höhepunkt. Byzanz konnte unter großen
finanziellen Anstrengungen zwar sein Territorium auf dem Balkan ausweiten; die
Italienpolitik und die Auseinandersetzung mit den Seldschuken, die in der für
Byzanz fatalen Schlacht von
Myriokephalon (1176) endete, blieben aber letztlich erfolglos. Streitigkeiten
unter den großen Familien nach MMANUELs Tod ließen das Reich von den
eben gewonnenen Grenzen her wieder abbröckeln.
Eroberung
Konstantinopels
Nachdem der 4. Kreuzzug kaum ohne Zutun Venedigs ins Byzantinische Reich abgelenkt worden war, kam es
am 12. April 1204 zur Eroberung
Konstantinopels durch die Kreuzfahrer. Die Hauptstadt, weite Küstenregionen
des Marmarameeres und große Teile des heutigen Griechenlands fielen in die
Hände eines "lateinischen" Kaisers, französischer Barone oder
Venedigs. Bulgaren, Serben und Seldschuken nutzten den Zerfall für territoriale
Gewinne, und in den verbliebenen Gebieten bildeten sich drei untereinander rivalisierende
Staaten heraus:
Während das Lateinische Kaiserreich und der epirotische Staat den Angriffen der Bulgaren ausgesetzt waren, wuchs das kleinasiatische Reich in Nikaia, wo Kaiser und Patriarch sich niedergelassen hatten, zum legitimen Nachfolgestaat des alten Reichs heran. Als im Jahr 1261 ein General des Nikänischen Reiches kampflos Konstantinopel zurückgewann, existierte wenngleich in verkleinerten Grenzen wieder ein "Byzantinisches Reich".
"große"
Gegner
Byzanz hatte es sogleich wieder mit "großen"
Gegnern zu tun:
Mithilfe der päpstlichen Politik, die die Griechen zu Abtrünnigen vom "wahren" Glauben (der römisch-katholischen Kirche) stempelte, glaubte KARL seine Ansprüche auf das verlorene Lateinische Kaiserreich durchsetzen zu können, fand aber im byzantinischen Kaiser MICHAEL VIII. (1259-82) einen überlegenen Gegner, der mit kirchenpolitischen Zugeständnissen in den Unionsverhandlungen von Lyon (1274) auch eine drohende militärische Intervention abwandte. Die "große" Politik MICHAELs VIII. zehrte jedoch an den geringen wirtschaftlichen Ressourcen des Reichs.
14.
Jahrhundert: ein Zwergstaat
Die Folgen zeigten sich im 14.
Jahrhundert: Die osmanischen Türken einer der kleineren Stämme,
die sich nach dem Zerfall des seldschukischen Sultanats, zunächst fast unbeachtet,
in Kleinasien niedergelassen hatten eroberten in kürzester Zeit nahezu alle
kleinasiatischen Städte und ließen das Byzantinische Reich zu einem Zwergstaat schrumpfen, insbesondere
seit sie ab 1354 auch den europäischen Reichsteil überzogen. Wirklich
dramatisch wurde die Situation, als die Osmanen Thessalonike, die zweite Stadt
des Rumpfreichs, eroberten und Konstantinopel mit einem Belagerungsring umschlossen.
Dass die Mongolen unter DSCHINGIS KHAN 1402 bei Ankara die
Osmanen schlugen, konnte die Katastrophe nicht abwenden: Am 29. Mai 1453 eroberte
Sultan MEHMED II. Konstantinopel und vernichtete das einzige Großreich des
europäischen Mittelalters.