

Opposition
gegen Ulbricht
WALTER ULBRICHT, Staatsoberhaupt
der DDR und SED-Parteivorsitzender, hatte nach dem Bau der Mauer 1961 ein
offenes Ohr für Reformvorschläge. Er setzte sich 1963 an die Spitze
einer Wirtschaftsreform, die als Neues
Ökonomisches System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft (NÖS
oder NÖSPL) bezeichnet wurde. Diese Reform von oben war auf eine Erhöhung
der ökonomischen Effektivität in der DDR gerichtet. Nach dem Vorbild des Parteichefs der KPdSU, NIKITA S.
CHRUSCHTSCHOW, verband ULBRICHT die Wirtschaftsreformen mit einer Parteireform. Der Parteiapparat und die Massenorganisationen wurden nach dem sogenannten
"Produktionsprinzip" umstrukturiert, was mit einer Beschneidung
der Kompetenzen der Funktionäre des hauptamtlichen Parteiapparates
verbunden war. Das Politbüro der SED und andere zentrale Organe sollten
nur noch grundsätzliche Fragen beraten. Entscheidungen über weitere
Fragen sollten dort getroffen werden, wo Sachkompetenz vorlag.
CHRUSCHTSCHOWS wurde 1964 gestürzt und ULBRICHT geriet mit der Politik
seines Nachfolgers LEONID L. BRESHNEW, der eine Periode der Stagnation in der Geschichte der Sowjetunion einleitete,
in Widerspruch. Er stellte von nun an den Monopol-Anspruch der KPdSU auf
die Auslegung des Marxismus-Leninismus in Frage. Für ULBRICHT galt
die DDR als Vorbild für die Verwirklichung des Sozialismus in einem
hoch industrialisierten Land. Diese Politik ULBRICHTS wurde vom designierten Kronprinzen ERICH HONECKER ab 1964/65
mit zunehmender Skepsis verfolgt.
HONECKER gewann in der SED-Führung weitere Anhänger: HERMANN AXEN, KURT HAGER, WILLI STOPH und PAUL VERNER.
Bereits in dieser Zeit kam es zu einem Gedankenaustausch zwischen BRESHNEW
und HONECKER über die Politik ULBRICHTS. Allerdings mahnte BRESHNEW
HONECKER, er solle es mit der Ablösung ULBRICHTS nicht so eilig haben.
Mit der Übernahme des Sekretariats des ZK der SED gewann HONECKER für
seinen Anti-Reform-Kurs ab Mitte der 60er Jahre ein wichtiges Instrument
in seine Hand.
Das 11. Plenum
Das 11. Plenum des
ZK der SED vom Dezember 1965 hatte nicht nur für kulturelle
Prozesse Zäsurcharakter, sondern auch für die wirtschaftliche
Entwicklung der DDR, namentlich für die Wirtschaftsreform. HONECKER nutzte die Verhärtung auf dem Felde der Kulturpolitik, um eine Fortentwicklung
der Wirtschaftsreform abzubremsen und erste Weichen für eine abermals
dirigistische Wirtschaftspolitik zu stellen.
Die Reformer gerieten in die Defensive. ULBRICHTS Rolle wurde zunehmend
widersprüchlich. Auch ließ es sein hohes Alter kaum zu, die
in der ersten Hälfte der 60er Jahre sichtbaren erfreulichen Reformvorstöße
offensiv auszubauen.
ULBRICHTS Deutschland-Politik
Mit der Bildung der sozialliberalen Koalition im Oktober 1969 in Bonn
sah ULBRICHT eine Chance für eine aktive "Westpolitik".
ULBRICHT hoffte auf wirtschaftliche Vorteile, die sich aus der Ostpolitik WILLY BRANDTS ergeben könnten. Die Sowjetunion blockierte in dieser Zeit die Fortsetzung
der Wirtschaftsreform in der DDR, indem sie auf bestimmte Lieferwünsche
der DDR nicht einging. In gesonderten deutsch-deutschen
Gesprächen, so den Treffen von BRANDT und STOPH in Erfurt
und Kassel, hoffte ULBRICHT die Möglichkeiten für ein deutsch-deutsches
Zusammenwirken ausloten zu können. Er war dabei zu bisher kaum vorstellbaren
Kompromissen bereit, weshalb er nicht auf dem Austausch von Botschaften
bestand. Diese Beweglichkeit löste bei HONECKER und BRESHNEW große
Beunruhigung aus.
Hieb gegen HONECKER
Am 1. Juli 1970 fand eine Politbüroberatung außerhalb des Reglements
statt. Auf die Tagesordnung hatte ULBRICHT den Punkt "Fragen der
Arbeitsweise des Politbüros und des Sekretariats des ZK" gesetzt.
Damit wurden kaum verschlüsselt die seit Jahren schwelenden Macht-
und Richtungskämpfe zwischen ULBRICHT und HONECKER angesprochen.
ULBRICHT wollte vor dem VIII. Parteitag im Jahre 1971 klare Verhältnisse
schaffen. Er hatte sich entschlossen, den Reformgegner HONECKER, der nichts von der Wirtschaft verstand, aus der Position des "Kronprinzen"
zu entlassen. So wurde HONECKER an diesem Tag von der Funktion des 2. Sekretärs
der SED abgelöst und zum Besuch einer Parteischule delegiert. HONECKER
informierte seine Moskauer Freunde, die dafür sorgten, dass ULBRICHT
diesen Beschluss aufheben musste.
Vorbereitung
des Sturzes
Am 28. Juli 1970 trafen sich BRESHNEW und HONECKER in Moskau. Beide fürchteten Reformen in der DDR nach dem Vorbild des
Prager Frühlings und die Herausbildung deutsch-deutscher Sonderbeziehungen.
Der Generalsekretär der KPdSU LEONID
BRESHNEW erklärte bei dieser Zusammenkunft:
"Du kannst mir glauben, Erich, die Lage, wie sie sich bei euch unerwartet entwickelt hat, hat mich tief beunruhigt. Die Dinge sind schon jetzt nicht mehr eure eigene Angelegenheit. Die DDR ist für uns, für die sozialistischen Bruderländer ein wichtiger Posten. Sie ist das Ergebnis des 2. Weltkrieges, unsere Errungenschaft, die mit dem Blut des Sowjetvolkes erzielt wurde. Ich habe bereits einmal gesagt, dass die DDR nicht nur eure, sondern unsere gemeinsame Sache ist. Bis vor kurzem war die DDR für uns etwas, was man nicht erschüttern kann. Jetzt taucht aber eine Gefahr auf. Nicht lange und der Gegner, BRANDT, wird dies erkennen und für sich ausnutzen. Wir können uns nicht gleichgültig gegenüber einer solchen Entwicklung verhalten. Wir müssen und werden reagieren."14. Tagung des ZK
"Die ZK-Tagung und das Nichtveröffentlichen der Rede von Walter war eine bestimmte Zäsur, ein grobes Geschütz, was Honecker im Politbüro in Stellung gebracht hatte... Da wunderte ich mich, dass das überhaupt ging."Die Öffentlichkeit der DDR bemerkte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ULBRICHT im Machtgerangel der Parteiführung der SED eine strategische Niederlage erlitten hatte.
"Genosse WALTER ULBRICHT hält sich gar nicht an Beschlüsse und getroffene Vereinbarungen. Er geht nicht von den ZK- und Politbüro-Beschlüssen aus, sondern stellt gefasste Beschlüsse immer wieder infrage und zwingt dem Politbüro ständig Diskussionen auf, die es in nicht mehr zu vertretender Weise von der konkreten Arbeit bei der Lösung der wichtigsten Aufgaben abhalten."ULBRICHT habe Materialien vorgelegt, die keine Antwort auf die Fragen des Lebens gäben. Er habe offenbar die Absicht, das geltende Parteiprogramm
"durch lebensfremde, pseudowissenschaftliche teilweise technokratische' Theorien einer sogenannten Vorausschau bis 1990 und darüber hinaus"zu ersetzen. ULBRICHT behindere die Vorbereitung des VIII. Parteitages der SED, weil er mit seinen Einschätzungen hinter die Beschlüsse der Moskauer Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien zurückgehe. Auch in der Politik gegenüber der Bundesrepublik verfolge ULBRICHT eine persönliche Linie, an der er starr festhalte. Er störe damit das zwischen der KPdSU und der SED abgestimmte Vorgehen gegenüber der Bundesrepublik. Dank der Umgebung des Genossen WALTER ULBRICHT seien die Meinungsverschiedenheiten in der SED im Westen bekannt geworden. ULBRICHT halte sich selbst für unfehlbar und stelle sich gern auf eine Stufe mit MARX, ENGELS und LENIN. Immer wieder versuche ULBRICHT, die DDR in eine "Modell-" und "Lehrmeisterrolle" hineinzumanövrieren.
"Wir sind der Ansicht, dass eine solche Lösung darin bestehen könnte, dass die Funktion des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der SED sehr bald von der des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR getrennt wird und Genosse WALTER ULBRICHT nur die Funktion des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR ausübt. Dabei wäre es gleichzeitig geboten, die bisher übertriebenen und künstlich ausgeweiteten Befugnisse des Staatsrates zu beschränken."ULBRICHT in Moskau
