Das
Ischtar Tor
Das rekonstruierte Ischtar Tor
von Babylon stellt eines der
wichtigsten Ausstellungsstücke des Vorderasiatischen Museums in Berlin
dar. Es entstand als Teil des umfangreichen Bauprogramms, mit dem König
NEBUKADNEZAR II. die Hauptstadt des neubabylonischen Reiches zur größten
und beeindruckendsten Metropole seiner Zeit ausgestaltete. NEBUKADNEZARs
ehrgeiziges Rekonstruktions- und Neubauprogramm veränderte in wenigen
Jahrzehnten das Stadtbild der Königsresidenz. Dabei verwandelte er
sie in eine riesige, prächtige Bühne
zur Darstellung der Macht seines Königtums. Besondere Pracht
verliehen vielen Repräsentationsbauten NEBUKADNEZARs die farbig glasierten
Ziegel, die Fassaden und Innenwände als Schmuck bedeckten.
Lage und Funktion
NEBUKADNEZAR schützte Babylon mit einem mindestens 18 km langen dreifachen
äußeren Mauerring.
Den ca. 6 km² umfassenden Stadtkern
aus Alt- und Neustadt umgab eine 8
km lange von NEBUKADNEZAR massiv verstärkte innere
Doppelmauer mit vorgelagertem 80 m breitem
Wassergraben. Die Mauern des inneren Gürtels waren 4
bis 6 m dick. Beide Mauerringe verstärkte eine vierstellige
Zahl von Türmen. Mächtige
nach den Hauptgöttern benannte Tore
gewährten den Zugang zum Stadtkern. Das prächtigste und wehrhafteste
war das nach Babyloniens Liebesgöttin
Ischtar benannte Tor. Sein babylonischer Name war Programm: "Ischtar
ist Siegerin über ihre Feinde!" Es lag ca. 350 m vom
Euphrat im nördlichen Mauerabschnitt der Altstadt und grenzte unmittelbar
an den Königspalast. Das Ischtar Tor überspannte Babylons Prozessionsstraße.
Über diese Magistrale zog beim 11 Tage dauernden Neujahrsfest jährlich
zwei Mal die von hunderttausenden von Stadtbwohnern und "Touristen"
bestaunte Prozession der Götter Babyloniens und des Königs.
Am 9. Tag des Festes begleiteten der König und die Priesterschaft
die auf Thronen getragenen Götterfiguren vom Tempel des Stadtgotts
und Götterkönigs Marduk
zum außerhalb der Altstadt gelegenen Neujahrsfesthaus. Am 11. Tag
kehrten Götter und König von dort wieder zum Marduktempel
zurück. Das prächtige Schauspiel der beiden von zahlreichen
Weihrauchopfern, sowie Musik und Gesängen der Heerscharen von Priestern
begleiteten Prozessionen war der für die Bevölkerung sichtbare
Höhepunkt des Festes.
Der Bau
NEBUKADNEZAR sah sich gezwungen, dass bereits existierende Ischtar Tor
zu renovieren und beträchtlich zu erhöhen, da der Damm der zum
Tor führenden Prozessionsstraße mehrfach aufgeschüttet
worden war. Wie die übrigen Stadttore Babylons war auch das Ischtar
Tor als Doppeltoranlage
errichtet. Das vordere niedrigere Tor sperrte den äußeren Teil
der Doppelmauer um die Altstadt. Es war 28
m breit und 11 m tief. Unmittelbar daran schloss das viel höhere
Tor des stärkeren und die Außenmauer deutlich überragenden
inneren Teils der Doppelmauer an. Dies war ebenfalls 28
m breit, aber über 30 m tief. Seine den Durchgang flankierenden
massiven Ziegelmauern waren 7 m dick.
Beide Tore konnten innen und außen mit je zwei schweren Flügeln
aus eigens vom Libanongebirge herangeschafftem Zedernholz geschlossen
werden. Zum Schutz gegen Angriffe mit Brandpfeilen und Brandern waren
die Torflügel mit Panzerplatten aus Bronze
versehen. Insgesamt versperrten also 4 Tore den gesamten Durchgang des
Ischtar Tors. Das Außen- und das Innentor bedeckten auf sder stadtabgewandten
Seite zwei wehrhafte und deutlich vorspringende Flankentürme.
Die gesamte Toranlage wurde wie alle Bauten Babylons aus
gebrannten Ziegeln errichtet. Die Fugen füllten dünne
"Mörtelschichten" aus erhitztem Asphalt, der in alle Hohlräume
zwischen den Ziegeln floss und die Steine beim Abkühlen fest verklebte.
Das Ischtar Tor
als repäsentatives
Beispiel babylonischer Kunst
Die Ziegelmauern des Tores
wurden auf der gesamten Fläche extrem aufwendig verkleidet. Dabei
griff NEBUKADNEZAR auf glasierte
Ziegel als das die babylonische Kunst
besonders auszeichnende Gestaltungselement zurück. Zur Vervollkommnung
dieser ungewöhnlichen Technik zwang die Babylonier bereits im 2.
Jahrtausend v. Chr. das Fehlen natürlicher Steinvorkommen in den
ebenen Ablagerungsflächen ihrer Flusslandschaft. Auch für das
Ischtar Tor ließ NEBUKADNEZAR tiefblau glasierte Ziegel anfertigen. Das Blau der Glasuren bewirkten Kobalt- und Kupferoxidanteile in der Glasurmasse. Mit dem strahlenden Blau seiner Flächen sollte
das Ischtar Tor, den himmlischen Göttern zum Gefallen, beim Passieren
der Prozessionsstraße ein irdisches Gegenstück zum - meist
strahlendblauen - Himmel Babyloniens darstellen. Über diesen Himmel
herrschte die Liebesgöttin Ischtar,
die auch die Patronin der Armee Babylons
war, als Königin. Die einzelnen Flächen des Tores gliederten
und belebten kontrastierende Rahmen aus Ziegeln mit ocker-orange-
und türkisfarbener Glasur. Auf den blauen Flächen stachen
aus zahlreichen glasierten Formziegeln zusammengesetzte Bildelemente hervor. Dieses Dekor des Ischtar Tores zeigte
Der Löwe war der Begleiter Ischtars, der Stier gehörte zum mesopotamischen Wettergott Adad. Der Drachen begleitete Babylons Stadtgott Marduk. Alle Darstellungen einer Gattung glichen sich vollkommen, da sie aus völlig gleichen Formziegelpaketen hergestellt waren. Jeder Löwe der Ischtar z.B. wurde von den Handwerkern NEBUKADNEZARs aus einem Puzzle von 46 verschiedenen normierten vorgefertigten Formziegeln zusammengesetzt.
Ausgrabung
und Rekonstruktion
Am 26. 3. 1899 begannen im
Auftrag der Deutschen Orient Gesellschaft unter der Leitung von ROBERT
KOLDEWEY umfangreiche Grabungsarbeiten in dem bereits erkundeten und identifizierten Ruinengelände des antiken
Babylon. Das Ischtar Tor wurde in der Grabungskampagne des Jahres 1902 systematisch
ausgegraben. Die Ausgräber stießen in den oberen Horizonten auf 20 weitgehend erhaltene Schichten glasierter
Ziegel. Dabei handelte es sich um Relikte der jüngsten, von
NEBUKADNEZAR durchgeführten Bauphase des Tores. Darunter befanden sich
mächtige erhaltene
Mauerreste, die mit unglasierten, aber gut erhaltenen Drachen-
und Stierdarstellungen aus Formziegeln dekoriert waren. Es waren
Reste der früheren Bauphasen des Ischtar Tores, die NEBUKADNEZAR zunächst
noch ganz oder teilweise ohne Glasurziegel hatte errichten lassen. Als NEBUKADNEZAR
den Damm der Prozessionsstraße massiv erhöhen ließ, versanken
diese älteren Teile des Ischtar Tores in den Aufschüttungen und
dienten dann als Fundamente für die folgenden Ausbauphasen.
Bei der Grabung wurde die Lage jedes einzelnen glasierten Formziegels bzw.
Fragments von Ischtar Tor und Prozessionsstraße kartografisch
festgehalten. Alle Stücke wurden nummeriert, sortiert und inventarisiert.
Durch den Ersten Weltkrieg und seine Folgen konnten die Funde jedoch erst
1926 aus dem Irak nach Berlin transportiert werden. Dort wurden sie
entsalzen und anschließend mit Parafin
konserviert. 1928 begann man mit den Vorarbeiten für die Rekonstruktion
der Torteile und Prozessionsstraßenabschnitte, die zukünftig
im Vorderasiatischen Museum präsentiert werden sollten. Das erforderte
zunächst das Zusammensetzen der vielen einzelnen Drachen, Löwen
und Stiere aus den zehntausenden Ziegeln und kleinsten Ziegelfragmenten.
In vielen Fällen gelang es, die Tiere soweit aus den Originalteilen
zu rekonstruieren, dass nur minimale Ergänzungen erforderlich waren.