
Die Auffassung, dass sich nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum unseres Planetensystems befindet, begann sich im 16. Jahrhundert zu entwickeln.
Entwicklung des Weltbildes
Im 16. Jahrhundert wurde die praktische Astronomie vor allem von dem Umstand
verändert, dass die Epoche der Weltreisen und der geografischen
Entdeckungen anbrach. Die Seereisen von KOLUMBUS und anderen hatte deutlich
gemacht, dass man ohne verbesserte astronomische Hilfsmittel für
die Navigation nicht auskommen konnte. Die Seereisen zeigten auch, dass
die aus der Antike überlieferten Erdbeschreibungen in vielem falsch
waren. Selbst der berühmte PTOLEMÄUS, der auch das geozentrische
Weltbild entworfen hatte, konnte irren.
Ein anderes Problem bestand in der Notwendigkeit, den Kalender
zu reformieren. Die dem julianischen Kalender zugrunde liegende Jahreslänge
von 365,25 Tage war unexakt. Mit der Herausbildung zunehmend größerer
politischer und wirtschaftlicher Einheiten wurde ein Kalender, der an
den astronomischen Tatsachen orientiert war, dringend erforderlich.
So kam es zu einer Neubelebung aktiver astronomischer Beobachtungen und
zugleich zu einem intensiven Studium der klassischen Werke der griechischen
Wissenschaft. Dabei zeigte sich, dass zwischen den Positionen der Planeten
am Himmel und den Vorausberechnungen nach den Angaben von PTOLEMÄUS
deutliche Abweichungen vorhanden waren. Auch dadurch wurde der Boden für
eine grundlegende Wende im astronomischen Weltbild bereitet.
Bereits im Jahre 1502 begann der bedeutende Forscher NIKOLAUS
KOPERNIKUS (1473-1543) mit der Ausarbeitung eines Weltbildes, bei
dem nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum steht (Bild 1).
Davon ausgehend arbeitete KOPERNIKUS fast 30 Jahre lang darin, das heliozentrische
Weltbild mathematisch so zu entwickeln, dass es dem geozentrischen Weltbild
des PTOLEMÄUS zumindest ebenbürtig war. Seine Erkenntnisse fasste
KOPERNIKUS in einem Werk zusammen, das 1543 unter dem Titel "Über
die Umschwünge der himmlischen Kreise" (De revolutionibus orbium
coelestium) erschien und in dem er das heliozentrische Weltbild begründete.
Aufbau des Weltbildes
KOPERNIKUS ging davon aus, dass sich die Sonne im Zentrum des Weltalls
befindet und sich die Planeten auf
kreisförmigen Bahnen um die Sonne bewegen (Bild 2). Nach Merkur folgen
die Planeten Venus und Erde mit dem um sie kreisenden Mond, weiterhin
Mars, Jupiter und Saturn. Die Planeten Uranus, Neptun und Pluto wurden
erst später entdeckt. Nach außen abgeschlossen wird das heliozentrische
Weltbild von einer Fixsternsphäre.
Weitere Forschungen führten zu einer Präzisierung, aber nicht
zu einer grundlegenden Änderung dieses Weltbildes. So erkannte JOHANNES
KEPLER (1571-1630), dass sich die Himmelskörper nicht auf Kreisbahnen,
sondern auf elliptischen Bahnen bewegen. Die Erkenntnisse über die
Bewegung von Himmelskörpern wurden von ihm in den drei keplerschen
Gesetzen der Planetenbewegung zusammengefasst.
Mit der Entdeckung des Gravitationsgesetzes durch ISAAC NEWTON (1643-1727) war die
Ursache für die Bewegung von Himmelskörpern gefunden.
Astronomische Beobachtungen führten zur Entdeckung weiterer Monde,
Planeten, Planetoiden und Kometen. Alle diese Beobachtungen führten
aber zu keiner grundsätzlichen Änderung in den Auffassungen
über den Aufbau unseres Weltbildes.
Der Streit um das heliozentrische
Weltbild
Die Auffassungen von KOPERNIKUS führten wenige Jahrzehnte nach seinem
Tod zu heftigen Auseinandersetzungen, bei denen es nicht nur um wissenschaftliche
Ansichten ging. Zunächst wurde behauptet, die Hypothese des heliozentrischen
Weltbildes stehe im Widerspruch zur Bibel. Die Einmaligkeit der Offenbarung,
die Berichte vom Sündenfall und von der Erlösung passten nicht
zu einer Lehre, deren Kernpunkt in der Behauptung bestand, die Erde sei
nur ein Planet unter anderen.
GIORDANO BRUNO (1548-1600) vertrat,
ausgehend von der Lehre des KOPERNIKUS, die Auffassung, dass es unzählige
Planeten im Universum gäbe, die ebenso von lebenden Wesen bewohnt
seinen wie die Erde. Er wurde wegen dieser und anderer "Ketzereien"
im Jahre 1600 in Rom öffentlich verbrannt.
Ein berühmter Vertreter des heliozentrischen Weltbildes war GALILEO
GALILEI (1564-1642). Er entdeckte mit
einem selbst entwickelten Fernrohr vier Jupitermonde und die Lichtphasen
der Venus. Diese und weitere Entdeckungen stützten bei GALILEI die
Überzeugung von der Richtigkeit des heliozentrischen Weltbildes,
für das er sich in Wort und Schrift aussprach. Damit geriet der berühmte
Gelehrte in Zwiespalt mit der Kirche und deren eindeutigem Bekenntnis
zum geozentrischen Weltbild.
1616 wurde GALILEI erstmals von der Inquisition ermahnt, von der Verteidigung
des heliozentrischen Weltbildes abzusehen. Das hat er aber nicht getan.
1633 wurde GALILEI von einem Inquisitionsgericht in Rom nach vier Verhören
und unter Androhung von Folter gezwungen, öffentlich seinen Lehren
und dem heliozentrischen Weltbild abzuschwören (Bild 3). Beim Hinausgehen
aus dem Gericht soll er der Legende nach gesagt haben: "Und
sie bewegt sich doch!"
Obwohl GALILEI nach dem Prozess unter Hausarrest gestellt wurde, verstand
er es, seine Schriften und Ansichten weiter zu veröffentlichen.
Unter Papst PAUL II. wurde von der Kirche eine Überprüfung des
Falls GALILEI eingeleitet, die 1992 - im 350. Todesjahr des Gelehrten
- zu dessen Rehabilitation durch die Kirche führte.
Der Papst erklärte in diesem Zusammenhang vor der Päpstlichen
Akademie der Wissenschaften, der Fall GALILEI könne der Kirche eine
bleibend aktuelle Lehre für ähnliche Situationen sein:
"Galilei, der praktisch die experimentelle Methode erfunden hat, hat Dank seiner genialen Vorstellungskraft als Physiker und auf verschiedene Gründe gestützt verstanden, dass nur die Sonne als Zentrum der Welt, wie sie damals bekannt war, ... infrage kam. Der Irrtum der Theologen von damals bestand dagegen am Festhalten an der Zentralstellung der Erde in der Vorstellung, unsere Kenntnis der Strukturen der physischen Welt wäre irgendwie vom Wortsinn der Heiligen Schrift gefordert. ... Tatsächlich beschäftigt sich die Bibel nicht mit den Einzelheiten der physischen Welt, deren Kenntnis der Erfahrung und dem Nachdenken des Menschen anvertraut wird."