
Einordnung in die Menschwerdung
Die Gattung Mensch entwickelte sich über 4 Mio. Jahre vom Homo habilis (Altmensch)
über den Homo erectus (Urmensch) zum Homo sapiens sapiens (Jetztmensch).
In der Übergangszeit zwischen Urmenschen und Jetztmenschen, vor etwa 70000
bis 35000 Jahren, lebte eine Menschengruppe, die als Homo
sapiens neandertalensis oder Altmenschen
bezeichnet wird (Bild 1).
Fundstätten
Vom Altmenschen gibt es in Europa, Afrika und Asien zahlreiche
Fundstellen. An etwa 150 Fundplätzen (Bild 2) wurden fossile Knochenreste von mehr als 300 Individuen, darüber hinaus
Steinwerkzeuge und die Knochen erlegter Tiere gefunden.
Bei allen Fossilienfunden
von Altmenschen wird jedoch unabhängig von der jeweiligen Fundstelle von
Neandertalern gesprochen.
Dieser
Name geht auf den wohl berühmtesten Fund der Welt überhaupt zurück:
Im Jahre 1856 bestimmte der Lehrer und Naturforscher JOHANN
CARL FUHLROTT (1803-1877) Knochenfunde aus einer Höhle im Neandertal
bei Düsseldorf als Reste fossiler Menschen.
Die
Entdeckung FUHLROTTS
Das historische Neandertal
war im 19. Jh. ein etwa ein kilometerlanges wildromantisches Teilstück
der Düssel zwischen Düsseldorf und Wuppertal. Hier durchschnitt der
Fluss in einem steilwandigen Tal mit einigen größeren Höhlen hartes
Kalkgestein. Dieses Kalkgestein wurde ab 1851
als Zuschlagstoff für die um Wuppertal entstandenen Eisenhütten in Steinbrüchen
abgebaut. Im Zusammenhang mit der Kalkgewinnung räumten 1856 Steinbrucharbeiter
eine knapp 20 m über dem Flussbett liegende Höhle aus. Aus dem am Fuße
der Höhle liegenden lehmigen Material
vom Höhlenboden ragten fossile Knochenreste
heraus, die mit Interesse betrachtet wurden.
Man glaubte, es mit Skelettresten
von Höhlenbären zu tun zu haben,
war sich aber nicht sicher. Zur genaueren Bestimmung rief der Steinbruchbesitzer
deshalb den für seine geologischen Kenntnisse weithin bekannten FUHLROTT
herbei. Er legte ihm neben Oberschenkel-, Oberarm- und weiteren Knochenfragmenten
auch ein Schädeldach des "Bären" vor.
Nach eingehender
Untersuchung stellte FUHLROTT fest, dass nicht die Überreste eines Höhlenbären,
sondern Teile eines menschlichen Skeletts vor ihm lagen. Darüber hinaus erkannte
er vor allem am länglichen, recht niedrigen und mit kräftigen Überaugenwülsten
versehenen Schädeldach, dass es sich nicht um einen heutigen Menschen, sondern
um einen seiner ausgestorbenen Vorfahren handeln musste.
Die
wissenschaftliche Bedeutung des Fundes im Neandertal
FUHLROTT stellte
drei Jahre später seine Entdeckung in einem Aufsatz als Beitrag zur Beantwortung
der Frage nach der Existenz fossiler Menschen vor. Der Aufsatz löste einen
heftigen Streit zwischen verschiedenen Wissenschaftlern aus, behandelte
er doch den bis zu diesem Zeitpunkt ersten
durch die Wissenschaft richtig erkannten Fund
eines Urmenschen.
Der Aufsatz stieß
in der Wissenschaft einerseits auf starke Ablehnung. So widersprach beispielsweise der berühmte Anatom der Berliner Charité,
RUDOLF VIRCHOW, der Deutung der Knochenfunde. Er wandte u. a. ein, es handele
sich viel wahrscheinlicher um die "Reste eines in der
Jugend viel auf den Kopf geschlagenen ... Mannes".
Die Erkenntnisse
FUHLROTTs erfuhren aber auch Zuspruch. Ein
bekannter Anatom aus England ordnete den Neandertaler als Homo sapiens neandertalensis
in die menschliche
Entwicklungsgeschichte ein. Das geschah auch unter dem Einfluss der aufkommenden
Evolutionstheorie von DARWIN, der in dieser Zeit sein bahnbrechendes Werk über
die Entstehung der Arten gerade abschloss.
Das und weitere Altmenschenfunde
in Deutschland und Belgien führten schließlich am Ausgang des 19. Jh.
zur endgültigen wissenschaftlichen Anerkennung
der Funde im Neandertal.
FUHLROTT, der 1877 starb, erlebte allerdings seine
wissenschaftliche Rechtfertigung nicht mehr.
Die
Neandertaler
Die Neandertaler lebten, als das
eiszeitliche Europa von einer Kaltzeit beherrscht wurde.
Die meisten der Fossilien von Neandertalern stammen deshalb
aus Höhlen, deren Eingangsbereiche sie
vermutlich als schützende Behausungen nutzten. In den Höhlen weisen
Feuerstellen darauf hin, dass die Neandertaler bereits Feuer erzeugen und nutzen
konnten. Darüber hinaus befinden sich in den Höhlen häufig auch
die Knochen von großen eiszeitlichen Tieren, wie Wildrind, Wildpferd, Mammut
und Rentier, die von den Neandertalern erfolgreich gejagt wurden.
Die Altmenschen
waren gut dem eiszeitlichen Klima angepasst. Sie besaßen einen bulligen, gedrungenen Körper mit schweren Muskeln
und einem großen Brustkasten.
Das Volumen des Gehirns, das der Hirnschädel
mit seinen starken Überaugenwülsten vor der fliehenden Stirn und den
großen Augenhöhlen einschloss, entsprach in etwa dem des heutigen Menschen.
Als charakteristische Werkzeuge verwandten die Neandertaler steinerne Faustkeile. Aber auch Bohrer, Schaber und
Messer aus Stein und Lanzen aus Holz wurden gefunden.
Die Neandertaler lebten in Horden. Die Lebensgemeinschaften der Horden waren relativ fest gefügt und durch die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern sozial
geprägt.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wurden von
den Neandertalern ihre Toten beerdigt. Es gibt aber bislang keine Hinweise auf
einen Totenkult.