Der Ausdruck Merkantilismus
wurde erst im 19. Jahrhundert eingeführt. Als Ableitung vom französischen
"mercantile"
(kaufmännisch, den Handel betreffend) geht er auf das lateinische "mercari"
(Handel treiben) zurück. Doch bezeichnet er eine bereits im Mittelalter
praktizierte Wirtschaftsform, die dann im französischen Absolutismus
durch JEAN-BAPTISTE COLBERT (Bild 1)
(Colbertismus) voll entfaltet wurde.
In Abkehr von der Feudalwirtschaft, deren
ökonomische Basis das Grundeigentum (Lehnwesen) war, sprach sich der
Merkantilismus für eine staatlich
gelenkte Förderung des Handels aus. Das Ziel dieser staatlichen Wirtschaftspolitik
war eine aktive Handelsbilanz.
Durch die Steigerung der inländischen Produktion sollten im Außenhandel
Überschüsse erwirtschaftet werden, um die Staatskasse aufzufüllen.
Sofern die Ausfuhr (Export) von Waren ins Ausland die Einfuhr ausländischer
Güter übertrifft, wird mehr Edelmetall
(vor allem Gold) eingenommen, das aus merkantilistischer Sicht den Reichtum
eines Landes bzw. seines Monarchen ausmacht. Diese Einnahmen an Edelmetallen
ermöglichten dem (absolutistischen) Staat, seine aufwendigen innen-
und außenpolitischen Maßnahmen zu finanzieren.
Wirtschaftliche Ausgangslage
Im 17. Jahrhundert begannen die europäischen Territorialstaaten nach
dem Vorbild des italienischen Stadtstaates die Wirtschaft, vor allem den
Handel, als Staatsangelegenheit zu
begreifen. Denn die wirtschaftliche Entwicklung geriet aus verschiedenen
Gründen ins Stocken. Der Vorrat an Edelmetallen hatte sich drastisch
verringert, sodass die vorhandenen Gold- und Silbermünzen immer seltener
im Umlauf waren. Im Deutschen Reich hatte der Dreißigjährige
Krieg zu einem starken Rückgang der Bevölkerung geführt
und die Wirtschaft entscheidend geschwächt.
Auch Frankreich hatte im Zuge seines gegen
Spanien und Österreich gerichteten Strebens nach europäischer
Vorherrschaft in diesen Krieg eingegriffen. Finanziert wurden die
Kriegslasten und die einschneidenden Reformen, die bereits unter RICHELIEU
zum Aufbau einer zentralisierten Verwaltung unternommen wurden, durch
Anleihen und Steuererhöhungen.
Unter den steigenden Abgaben litt vor allem die ländlich-bäuerliche
Bevölkerungsschicht, zu der 80 % der Einwohner Frankreichs zählten.
LUDWIG XIV., der 1661 mit seiner
Volljährigkeit die Regentschaft Frankreichs übernahm, gestaltete
das Land zu einer absolutistischen Monarchie
um. Als oberster Gesetzgeber und höchste richterliche Autorität
Frankreichs unterwarf er sich Parlamente und Justiz. Zusammen mit seinem
1665 zum Generalkontrolleur für Finanzen ernannten Wirtschaftsexperten
JEAN-BAPTISTE COLBERT entzog er den
Ständen und Provinzverwaltungen ihre Eigenständigkeit durch
die Einsetzung ihm ergebener Intendanten in
den französischen Regionen. Ihre Aufgaben bestanden in der Kontrolle
der örtlichen Bürokratie und der Steuererhebung. Angesichts
der Staatsverschuldung und des durch Kriege und das Repräsentationsbedürfnis
des Absolutismus weiter steigenden
Finanzbedarfs entwarf COLBERT sein Wirtschaftsprogramm.
Merkantilistische Wirtschaftspolitik
und ihre Folgen
Da sich COLBERT von der Förderung
des Handels höhere Steuereinnahmen versprach, investierte
der Staat in die Gründung von Handelsgesellschaften. Zugleich sollte die Herstellung von Waren im eigenen Land gefördert
werden, um durch ihren Verkauf im Ausland die Gold- und Silberreserven
Frankreichs aufzustocken. Zu diesem Zweck wurden staatliche
Manufakturen mit bis zu tausend Beschäftigten und arbeitsteiliger
Produktionsweise eingerichtet, in denen vor allem Luxusgüter
für den Export hergestellt wurden. Niedrige
Löhne und ein verstärktes Bevölkerungswachstum sollten
mehr Arbeitskräfte und eine höhere Produktivität bewirken.
Mit Schutzzöllen und staatlichen
Monopolen wurde die heimische Wirtschaft vor ausländischer
Konkurrenz abgeschirmt (Protektionismus).
COLBERTS Programm setzte auf eine positive Handelsbilanz Frankreichs
im Außenhandel, um die Staatskasse durch Steuern und andere Abgaben
mit Gold und Silber aufzufüllen. Doch stellte der Außenhandel
im landwirtschaftlich geprägten Frankreich des 17. Jh. nur einen sehr geringen Teil der Wirtschaft dar. Im
Unterschied zu England und den Niederlanden verfügte Frankreich auch
über keine nennenswerte Seehandelsflotte.
Die Erfolge von COLBERTS Wirtschaftspolitik
betreffen daher weniger den Außenhandel, sondern vielmehr die Maßnahmen
zur Verbesserung der Infrastruktur (Kanal-
und Straßenbau, Abbau interner Zollschranken) sowie den Aufbau
einer effektiveren Verwaltung. In seiner Funktion als Oberintendant
des Bauwesens war COLBERT zudem für die Errichtung des Schlosses
Versailles verantwortlich.
In den wirtschaftlich fortgeschrittensten Ländern, nämlich
England und den Niederlanden, stand der Ausbau des Handels im Vordergrund.
Die englische
Wirtschaftspolitik förderte insbesondere die einheimische Wollindustrie
und den Handel mit den Kolonien. Wichtigster Vertreter des Merkantilismus
in England war THOMAS MUN (1571-1641).
Anders als COLBERT befürwortete MUN den Verkauf von Edelmetallen,
sofern dies zum Nutzen der eigenen Wirtschaft, etwa zur Erschließung
von Rohstoffen in den Kolonien, geschah.
Eine eigenständige Wirtschaftspolitik konnten im Deutschen Reich wirkungsvoll nur die beiden großen Monarchien Preußen und Österreich betreiben. Auch hier setzten sich merkantilistische Positionen durch, die unter dem Namen der Kameralistik eine staatliche Finanzwissenschaft begründeten. Durch den Dreißigjährigen Krieg waren allerdings Landwirtschaft, Handwerk und Handel fast zum Erliegen gekommen. Daher richteten sich die staatlichen Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung zunächst auf die Landwirtschaft und die Zunahme der durch den Krieg stark verringerten Bevölkerung. Den Einwohnerverlust sollte eine Peuplierungspolitik (Aufnahme und Ansiedlung von Zuwanderern) ausgleichen. Mit den genannten Maßnahmen war der Aufbau einer einheitlichen Verwaltung verbunden. Im Bemühen, die Wirtschaft zu modernisieren, beschnitt der Staat den Einfluss der Zünfte, indem er Monopole vergab und die Errichtung von Manufakturen unterstützte.