
Sklaven in einem demokratischen Land?
Etwa um 1850 verschärften sich in den USA wegen der Sklavenfrage
die Spannungen zwischen den Nordstaaten und
den Südstaaten.
Die sogenannten Nordstaaten
der USA bauten ihre Industrie auf der Grundlage freier Lohnarbeit mit unabhängigen
Bürgern auf. Nach der in diesen Staaten vorherrschenden Auffassung stand
die Versklavung von 4 Mio. schwarzen Amerikanern in eklatantem Widerspruch zum
Gebot der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, alle Menschen als
gleich zu betrachten und zu behandeln. Deshalb wurde die Sklavenarbeit bzw. die
Sklaverei insgesamt als für ein demokratisches Land unwürdig strikt
abgelehnt. Außerdem wurde die Abschaffung der
Sklaverei gefordert.
Die Südstaaten
der USA glaubten jedoch vor allem beim Baumwollanbau mit unterschiedlichen Begründungen
nicht auf schwarze Sklaven aus Afrika verzichten
zu können. Radikale Südstaatler hielten an der Position fest, Schwarze
seien keine amerikanischen Staatsbürger
und hätten als "beings of an inferior order"
(dt: Angehörige einer minderwertigen Gruppe) keinerlei
Rechte, die ein Weißer respektieren müsse.
Der
Konflikt zwischen dem Norden und dem Sklaven haltenden Süden eskaliert
Da bis etwa zur Mitte des 19. Jh. die Präsidenten der USA vor allem von der
die Südstaaten beherrschenden Demokratischen Partei gestellt wurden, kam
die Lösung der Sklavenfrage nicht voran.
Das änderte sich, als ABRAHAM
LINCOLN als Vertreter der Republikanischen Partei 1860 die Präsidentschaftswahlen
gewann. LINCOLN stellte sich als Präsident der
USA sofort auf die Seite der Gegner der Sklaverei und vertrat die Interessen
des Nordens.
Der Süden reagierte prompt: Zunächst sieben und kurz
darauf weitere vier Südstaaten erklärten ihren Austritt aus den USA,
erklärten die Unabhängigkeit und schlossen sich als "Konföderierte
Staaten von Amerika" zusammen.
LINCOLN
betrachtete den Austritt als Rebellion, die
er als Präsident und Oberbefehlshaber unbedingt beenden musste. Kurz nach
seiner Wahl entschied er, das Bundesfort Sumter
im konföderierten South Carolina auf dem Seeweg zu versorgen. Daraufhin zwangen
Truppen von South Carolina den Kommandanten des Forts mit Artilleriebeschuss zur
Kapitulation.
Damit war die Geduld des Präsidenten erschöpft. Am
nächsten Tag ordnete er die Rekrutierung von 75000 Milizionären an,
um die Rebellion niederzuschlagen, und verhängte eine Seeblockade über
die Häfen des Südens. Die Kriegshandlungen begannen.
Vier
Jahre Bürgerkrieg
Der amerikanische
Bürgerkrieg wurde mit äußerster
Härte und Brutalität geführt. Es war ein umfassender
Vernichtungskrieg, der sich gegen die Menschen, das Land und die gegnerische
Wirtschaft mit dem Ziel ihrer möglichst vollständigen Zerstörung
richtete. Er kostete in den vier Jahren seiner Dauer insgesamt 600 000 Amerikanern
das Leben und führte zur Verödung ganzer Landstriche.
Zu Beginn
rechneten beide Seiten mit einem raschen Sieg:
Beide Rechnungen gingen jedoch auf den Schlachtfeldern nicht auf. So fielen im
September 1862 an einem einzigen Tag 6000 Soldaten auf beiden Seiten - mehr
als im gesamten Unabhängigkeitskrieg.
Der zähe Widerstand der
Südstaatler hatte LINCOLN zu der Einsicht
gebracht, der Krieg könne durch die Sklavenbefreiung
gewonnen werden.
In einer "Emanzipationserklärung"
erklärte er im September 1862 alle Sklaven in den Südstaaten zum 1.
Januar 1863 für frei. Diese Erklärung verwandelte den Kampf beider Parteien
in die Konfrontation zweier Gesellschaftsordnungen. Sie setzte deshalb große
Leidenschaften bei allen Beteiligten frei und konnte nur mit dem Untergang
einer Ordnung enden.
Der
Anfang vom Ende
Eine Vorentscheidung darüber fiel bei Gettysburg in Pennsylvania. Hier wurde der Süden in einer mehrtägigen Schlacht, die den Süden 28 000, den Norden 23 000 Tote und Verwundete
kostete, vorentscheidend geschlagen.
Nach der Schlacht hielt LINCOLN eine kurze Ansprache, die heute zu den bedeutendsten
Dokumenten der amerikanischen Geschichte gehört:
"87 Jahre ist es her, dass unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation schufen, in Freiheit erdacht und der Vorstellung verpflichtet, dass alle Menschen gleich erschaffen sind.
Jetzt sind wir in einen großen Bürgerkrieg verwickelt und müssen testen, ob diese Nation ..., die auf diesen Prinzipien beruht und ihnen geweiht ist, lange Bestand haben kann. Wir stehen auf einem großen Schlachtfeld dieses Kriegs. Wir sind gekommen, um einen Teil dieses Felds denen als letzte Ruhestätte zu weihen, die hier ihr Leben dafür gegeben haben, dass die Nation weiterleben kann ... Es ist an uns ..., auf die vor uns liegende Aufgabe verpflichtet zu werden - dass wir uns ein Beispiel nehmen an dem Einsatz dieser geehrten Toten für die Aufgabe, der sie ihre volle Hingabe schenkten - dass wir hier feierlich beschließen, dass diese Toten nicht umsonst gestorben sind - dass diese Nation in Freiheit geboren werden wird - und dass die Regierung über das Volk, durch das Volk und für das Volk niemals vom Gesicht dieser Erde verschwinden wird."
Nach Gettysburg ging die Initiative im Bürgerkrieg an den Norden über,
während sich der Süden nur noch auf Verteidigung beschränkte. Anfang
April 1865 musste die Hauptstadt Richmond von den Konföderierten geräumt
werden, und am 9. April 1865 erfolgte
die Kapitulation der
Südstaaten.
Einen letzten dramatischen Höhepunkt erreichte diese
letzte Phase des amerikanischen Bürgerkriegs am 14. April 1865. An diesem
Tag wurde Präsident LINCOLN in einem Theater
von Washington von einem Verschwörer aus den Südstaaten erschossen.
Der tote Präsident entwickelte sich im öffentlichen Bewusstsein
des Nordens zum Märtyrer und zum Sinnbild der unteilbaren Nation. Der Süden
schuf sich dafür die Legende, seine Männer seien im Kampf für eine
gerechte Sache der gewaltigen Übermacht des Nordens ehrenhaft unterlegen.
Der Bürgerkrieg hatte zwar die Abtrennung des Südens verhindert und
die staatliche Einheit der Nation gesichert, die Herstellung ihrer Einheit in
den Köpfen dauerte länger ...