Der
Fenstersturz
Es war kein Unglücksfall und auch kein zufälliges Ereignis, was
sich im Mai 1618 auf der Prager Burg,
dem Hradschin, abspielte:
Nach erregtem Wortwechsel wirft eine Gruppe erboster böhmischer Adliger
zwei Statthalter des verhassten habsburgischen
Kaisers in Wien und ihren Schreiber in
hohem Bogen aus dem Südwestfenster des Grünen Zimmers im Prager
Hradschin. Alle drei überlebten
zwar den Sturz aus etwa 17 m Höhe, da sie im Burggraben weich
auf Misthaufen landeten.
Dennoch hatte der Prager
Fenstersturz gewichtige Folgen: Er war Auslöser militärischer
Auseinandersetzungen zwischen den böhmischen Ständen und dem
Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, aus denen
schließlich der
Dreißigjährige Krieg hervorging, an dem die Mächte
halb Europas beteiligt waren.
Seine Ursachen - Kampf um Religion
und Macht
Im Deutschen Reich gab es nach der Reformation
wie in nahezu ganz Europa sich zuspitzende Rivalitäten zwischen protestantischen
und katholischen Fürsten. Diese hatten sich nach 1608 zu zwei verfeindeten
Lagern, der Union und der
Liga, zusammengeschlossen.
In Böhmen gab es ein zusätzliches
Problem, das den Religionskonflikt
noch verschärfte: Der römisch-deutsche Kaiser RUDOLPH II.,
der auch Landesherr und König von Böhmen war, war katholisch.
Die böhmischen Stände waren dagegen evangelisch.
RUDOLPH II. hatte den böhmischen Ständen 1609 im sogenannten
Böhmischen Majestätsbrief
die freie Ausübung der Religion, den Verzicht auf gewaltsame Bekehrungsversuche
und die Wiedereröffnung der Universität zugesichert. Wenige
Monate später starb er jedoch in geistiger Umnachtung. Zunächst
wurde sein Bruder zum neuen römisch-deutschen Kaiser gewählt
und nach diesem 1617 der streng katholische Habsburger FERDINAND II.
Dieser weigerte sich, den im Majestätsbrief von RUDOLPH II.
den böhmischen Ständen zugebilligten Religionsfrieden
zu respektieren. Die bald einsetzenden Gewaltmaßnahmen des Kaisers
gegen ihren Glauben, z. B. die Schließung der protestantischen
Kirchen in zwei Orten an der schlesischen und sächsischen Grenze,
riefen den Widerstand der Protestanten hervor. Als der Kaiser deren Beschwerden
als unbegründet zurückwies und nicht von ihm genehmigte Versammlungen
der böhmischen Stände verbot, zogen die erbosten Vertreter der
Stände auf die Prager Burg. Die protestanten- und ständefeindliche
Haltung des Kaisers eskalierte zum Fenstersturz.
Insofern war der Prager Fenstersturz Höhepunkt eines jahrhundertealten
Kampfes um mehr monarchische oder mehr ständische Herrschaft im Königreich
Böhmen. Schon 200 Jahre früher, am 30. Juli 1419, hatte
dieser Streit zu einem Fenstersturz geführt. Auch der hatte das Signal
für den Ausbruch kriegerischer Auseinandersetzungen gegeben, für
die Hussitenkriege.
Folgen - dreißig Jahre Krieg
Nach dem Prager Fenstersturz bemühten sich die böhmischen Stände
um den Beistand der protestantischen
Fürstenvereinigung des Reiches, der Union.
Sie erklärten Kaiser FERDINAND II. im August 1619 als König
von Böhmen für abgesetzt. Zum neuen
König von Böhmen wählten sie den Führer der
Union, den pfälzischen Kurfürsten FRIEDRICH V. Seine Krönung
erfolgte bereits im November 1619 im Veitsdom auf dem Hradschin. Nachhaltige
Hilfe erhielten die Böhmen von der Union gegen den Kaiser jedoch
nicht.
FERDINAND II. dagegen erhielt die Unterstützung der in der Liga verbündeten katholischen Fürsten und darüber hinaus des
katholischen Spanien. Unter der Führung von Graf VON TILLY fiel das
Heer der Liga in Böhmen ein. In der Schlacht
am Weißen Berg in unmittelbarer Nähe von Prag wurden die Aufständischen im
November 1620 geschlagen. Nach dem Sieg der Kaiserlichen floh Kurfürst
FRIEDRICH V. in die Niederlande, 27 Anführer des böhmischen
Aufstands wurden hingerichtet, und ihre Güter wurden eingezogen.
In Böhmen wurde der Katholizismus wiederhergestellt.
Zum Dank für die Unterstützung gegen die Böhmen übertrug
der Kaiser außerdem dem Herzog von Bayern die Kurfürstenwürde
in der Pfalz, die bisher der geflohene FRIEDRICH V. inne hatte.
Der Krieg verlagerte sich damit für
weitere fast drei Jahre bis 1623 auf den Boden des Reichsgebiets:
Truppen der Union versuchten vergeblich die Rückeroberung Böhmens
und kämpften mit wechselndem Erfolg in Hessen und in Südwestdeutschland
gegen die Kaiserlichen der Liga um Religion und Macht. Zunächst behielt
aber die Liga die Oberhand in der Auseinandersetzung. Im August 1623 besiegte TILLY die Söldnertruppen
der protestantischen Union entscheidend.
Der Kaiser versuchte fortan, die militärischen Erfolge zur Festigung
seiner Macht im Reich und zur Gegenreformation in Norddeutschland zu nutzen. Er verfügte u. a., protestantische
Besitzungen, Kirchengüter und Klöster in katholische umzuwandeln.
Das rief nun auch ausländische Mächte, zunächst Dänemark und Schweden, auf den Plan. Die Truppen dieser
Mächte verheerten gemeinsam mit den Söldnerheeren der deutschen
Fürsten im Dreißigjährigen
Krieg bis 1648 das Land.