

Der "Neue Kurs" unter WILHELM
II.
Nach der Entlassung des Reichskanzlers OTTO VON BISMARCK verkündete
WILHELM II. zunächst, dass er den bisherigen bewährten Kurs
in der Politik fortsetzen werde. Jedoch zeigte es sich schon bald, dass
es in der Innenpolitik zu grundlegenden Veränderungen
kam, die als "Neuer Kurs"
bezeichnet wurden.
Diese Veränderungen standen im Zusammenhang mit dem "persönlichen
Regiment" des Monarchen. Der Kaiser war entschlossen, die
Regierungsgeschäfte selbst zu führen. Der neue Kanzler sollte
nicht mehr die Handlungsspielräume besitzen, die BISMARCK bei seinen
Vorgängern hatte.
WILHELM II. war jedoch im Grunde unsicher und in seinen Entscheidungen
oberflächlich und sprunghaft.
Er ließ sich sehr leicht von Meinungen seiner Berater und Freunde
beeinflussen. Sein "persönliches Regiment" war in Wirklichkeit
eine Herrschaftsform, in der unterschiedliche, oft miteinander rivalisierende
Interessen- und Mächtegruppen auf den Monarchen einwirkten und so
den Kurs der Politik bestimmten. Dies konnten Vertreter
einflussreicher Interessenverbände sein, aber auch starke
Persönlichkeiten wie der Admiral VON
TIRPITZ.
Dies führte zu einem unsteten Element in der Politik der Reichsregierung,
so dass keine klare Linie zu erkennen
war. Dies lag auch am mangelnden Format der Kanzler dieser Zeit, die nicht
in der Lage waren, gegenüber WILHELM II. souverän einen geraden
Regierungskurs zu steuern.
Die soziale Frage
Den Zeitgenossen erschien der junge Kaiser anfänglich als ein den
Entwicklungen der modernen Technik aufgeschlossener Monarch, der von sozialen
Ideen erfüllt war. Er wandte sich auch zunächst durchaus engagiert
der Frage des erweiterten Arbeiterschutzes zu. Jedoch zeigte es sich schon
bald, dass ihm das wirkliche Verständnis für die soziale
Problematik und die Situation der Arbeiterschaft fehlte.
WILHELM II. legte eine umfangreiche Arbeiterschutzversicherung
vor. Sie beinhaltete
Mit diesem sozialen Reformprogramm,
das weit hinter den großartigen kaiserlichen Ankündigungen
zurückblieb, sollte die Masse der Industriearbeiter
von der Sozialdemokratie getrennt und mit
dem Staat versöhnt werden. Als sich aber die Arbeiterschaft
nicht von der Sozialdemokratie entfremden ließ und die Sozialdemokratische
Partei ihre Opposition gegen die Regierung nicht aufgab, verlor der Kaiser
schon bald wieder jegliches Interesse an der sozialen Frage.
Die Regierung kehrte zurück zur bereits unter BISMARCK praktizierten
Politik der Unterdrückungsmaßnahmen gegen die Sozialdemokratie.
Das Unwort "Vaterlandsverräter"
für Sozialdemokraten war bald in aller Munde. Mit immer neuen Gesetzesvorlagen,
wie etwa der Umsturzvorlage 1894, wurde versucht, die antisozialistischen
Maßnahmen aus der Bismarckzeit in noch extremerer Form wiederzubeleben.
Sehr häufig mischte sich WILHELM II. auch direkt ein, wobei die Gewalttätigkeit
seiner öffentlichen Erklärungen selbst viele seiner Beamten
erschreckte. Seinen Höhepunkt erlebte diese Einmischungspolitik des
Kaisers im Jahr 1899. Auf sein Drängen hin sollte das preußische
Staatsministerium ein neues Gesetz zum Schutz
der Arbeit vorbereiten. In einer unprogrammgemäßen Rede
erklärte WILHELM dazu, dass das Gesetz Bestimmungen enthalten werde,
die jedem eine Gefängnisstrafe androhten, der einen arbeitswilligen
Arbeiter von der Arbeit abhalten oder ihn gar zum Streik verleiten würde.
Im August 1899 kam diese "Zuchthausvorlage"
vor den Reichstag und wurde von diesem niedergestimmt.
Die Einmischungen des Kaisers erreichten somit das Gegenteil ihrer ursprünglichen
Absichten. Denn es war klar, dass der Reichstag nach dem Scheitern
der Zuchthausvorlage 1899 auch keinen weiteren Sondergesetzen gegen
die Sozialdemokratie mehr zustimmen würde.
Folge der kaiserlichen Politik war aber auch, dass sich der zwischen der
Arbeiterschaft und dem Rest der deutschen Gesellschaft seit 1878 bestehende
Graben immer mehr vertiefte und die Verbitterung unter der Arbeiterschaft
immer weiter wuchs.