
Der berühmte RENÉ
DESCARTES, Mathematiker, Physiker und Philosoph, geboren am 31. März
1596 in Frankreich, ist am 11. Februar 1650 in Schweden gestorben. Wie man
bisher glaubte, starb er an einer Lungenentzündung.
Aber gerade das, was "man allgemein glaubt", hat DECARTES selbst immer
wieder in Zweifel gezogen.
Schein und Sein
sind nicht dasselbe. In der alten Kirche Saint-Germain-des-Pres im Universitätsviertel
von Paris ruhen die Gebeine DESCARTES', bis auf ein Stück, ein durchaus
wichtiges für einen Philosophen: den Schädel.
Seit 1878 ist dieser Schädel
im Inventarverzeichnis des Pariser Musée de l' Homme eingetragen. Im Labor
für Anthropologie liegt er in einer schlichten Pappschachtel, nur ein Exemplar
unter Tausenden von bleichen Skeletten und grünlich-fahlen, in Formalingläsern
aufbewahrten Leichenteilen.
"Lungenentzündung" - so hieß das offizielle Kommuniqué
des schwedischen Hofs am Morgen des 11. Februar 1650. In Stockholm
ging ein anderes Gerücht umher:
Der berühmte Gast der Königin sei vergiftet
worden. Was hatte es auf sich mit dieser Vergiftungsthese?
Gab es ein Motiv für die Ermordung des Philosophen?
DESCARTES - ein wissbegieriger Junge
DESCARTES' Vater hatte es sich leisten können, seinen begabten
Sohn auf eine der besten Schulen des damaligen Frankreich zu schicken,
das Collège Royal
in La Fleche am Ufer des Loirs. Der junge
RENÉ beschäftigte sich mit lateinischer Grammatik,
las die alten Griechen und Römer, wühlte sich durch die Folianten
der mittelalterlichen Philosophie und
interessierte sich besonders für Mathematik
und Astronomie.
Sein Wissensdurst war unstillbar.
Man erlaubte ihm sogar das Studium "verbotener" Bücher. Aber immer
häufiger stieß DESCARTES an die Grenzen
der Gelehrsamkeit seiner Zeit. Er forderte mehr, als sie ihm bieten konnte.
Er entdeckte Fehler und Widersprüche und
war immer weniger bereit, die vielen "weißen Flecke" auf der Weltkarte
des Wissens als gottgegeben hinzunehmen. Auf viele seiner Fragen konnte
ihm die alte Schulwissenschaft keine Antwort geben. Bald gab er deshalb das Studium
auf und wollte fortan "keine andere Wissenschaft mehr suchen, als ich in
mir selbst oder in dem großen Buche der Welt würde finden können".
DESCARTES, der Dreißigjährige
Krieg und eine neue Sicht der Welt
1618 begann der
Dreißigjährige Krieg, der Europa in eine der tiefsten Krisen seiner
Geschichte stürzen sollte. DESCARTES beschloss, sich aktiv daran zu beteiligen.
Den Winter 1619/20 verbrachte er mit den Truppen des Herzogs von Bayern in Ulm.
Beunruhigende Träume erschienen ihm damals so wirklich, dass die Realität
plötzlich wie ein Traum wirkte. War nicht das ganze Leben ein Traum?
War der Mensch nicht das Opfer einer dauernden Sinnestäuschung? Was war sicher?
Was war verlässlich? Der Durchbruch zu einer gänzlich neuen
Sicht der Welt, zu einem neuen Begreifen war eine jener seltenen "Sternstunden
der Menschheit". DESCARTES brauchte die nächsten 18 Jahre dazu, die
neuen Möglichkeiten und Einsichten zu erproben, zu ordnen und zusammenzufassen.
Erst 1637 erschien das Ergebnis des langen
Schweigens: die "Abhandlung über die Methode
des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung".
DESCARTES erhob den Zweifel zur wissenschaftlichen
Methode. Aber aus dem Zweifel erwuchs schon die erste Gewissheit, denn
ein Mensch, der über Schein und Sein nachdenkt, musste unbezweifelbar existieren.
"Cogito,
ergo sum. Ich denke, also bin ich."
Das war die neue Gewissheit. Zum ersten Mal
seit der Antike war nicht das Objekt, sondern das Subjekt Gegenstand der Philosophie.
Die Neuzeit des abendländischen Denkens hatte begonnen.
"Rationalismus"
"Die erste [Regel] ist: Niemals eine Sache als wahr anzunehmen, die ich nicht als solche sicher und einleuchtend erkennen würde ... Die zweite: jedes der Probleme, die ich untersuchen würde, in so viele Teile zu zerlegen als möglich und zur besseren Lösung wünschenswert wäre. Die dritte: Meine Gedanken zu ordnen; zu beginnen mit den einfachsten und faßlichsten Gegenständen und aufzusteigen allmählich und gleichsam stufenweise bis zur Erkenntnis der kompliziertesten ... Und die letzte: Überall so vollständige Aufzählungen und so umfassende Übersichten zu machen, daß ich sicher wäre, nichts auszulassen."
(DESCARTES: Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs, 1637. Reclam 3767, S. 18 f.)
Auf diesem Fundament ließ sich ein wissenschaftliches Gebäude errichten. Über Versuch und Irrtum würden eines Tages alle Wissenschaften und alles Wissen mit mathematischer Klarheit zusammenfasst werden. So schrieb DESCARTES:
"Man wird entdecken, daß es eine allgemeine Wissenschaft geben muß, die alles Erforschliche erklärt ..."
Mitte der 20er-Jahre des 17. Jh. war DESCARTES der Einzige mit
derartigen Träumen. Paris,
wo DESCARTES mittlerweile lebte, war die geistige
Hauptstadt Europas. An der Sorbonne,
der ehrwürdigen Universität, wurde das Wissen der Jahrtausende
verwaltet. Man lehrte noch die Physik des Mittelalters und der Antike
und berief sich auf ARISTOTELES.
Das gelehrte Streitgespräch war
die wissenschaftliche Methode der damaligen Zeit. Vor der Verkündung
einer neuen Lehrmeinung standen die Thesen - veröffentlicht
und im Streitgespräch vertreten. Recht behielt nur, wer seine Thesen mit genügend Bibelstellen oder
den Schriften möglichst vieler Kirchenväter
untermauern konnte. Die Wissenschaft war neben dem Denksport ihrer Vertreter auch das geistige, geistliche,
moralische und politische Fundament der damaligen Welt. Wer sie anzugreifen
wagte, galt als Aufrührer und Ketzer.
Und genau dieser Wissenschaft nun erklärte DESCARTES' neue Methode
den Krieg! Sie berief sich nicht mehr auf die Bibel; sie wagte das systematische Experiment. Grundlagen waren
die nachprüfbare Sinneswahrnehmung und der logisch denkende Verstand. Und was dem Ganzen die Krone aufsetzte: DESCARTES schrieb
nicht in unverständlichem Latein, sondern in Französisch, so
dass jeder gebildete Laie es lesen konnte. DESCARTES war sich der Gefahr
bewusst, in die er geraten war.
1628 emigrierte er in die protestantischen Niederlande,
wo eine freiheitlichere Gesinnung herrschte und ungestörtes Arbeiten
möglich war. Manches im übrigen Europa verbotene Buch durfte
erscheinen. Unter dem Verdacht, ein Atheist zu sein, bekam er Angst, als er vom Prozess der römischen Inquisition
gegen GALILEI erfuhr. Eine Weile spielte
er sogar mit dem Gedanken, seine Manuskripte zu vernichten. Aber inzwischen
akzeptierten ihn auch bedeutende Hochschullehrer.
Seine Bücher waren Gegenstand heftiger wissenschaftlicher Debatten.
Sie entwickelten ein neues Bild der Welt. Beobachtung, Analyse, Gesetz: Alles schien durchschaubar, alles
erklärbar und möglich zu sein, alles war erlaubt. Man musste
das Ganze nur fein genug zergliedern und die Gesetzmäßigkeiten erkennen, um schließlich alles erreichen zu können. Die Welt
war eine Art Uhrwerk, in dem alles präzise ineinandergreift. Damit
begründete DESCARTES das
mechanistische Zeitalter der Physik. Die Technik begann ihren naiven Siegeszug. Die Vernunft des Menschen, seine Rationalität,
war der scheinbar zuverlässige Motor des Geschehens.
1647 erreichte Descartes eine erste Einladung der schwedischen
Königin CHRISTINE
an den Stockholmer Hof. DESCARTES zögerte fast drei Jahre lang, bis
er 53-jährig im September 1649 nach Schweden reiste. Die Königin
empfing ihn zweimal in Privataudienz, danach jedoch war der Philosoph
sich drei Monate lang selbst überlassen. Er spürte, dass sein
Besuch nicht allen willkommen war. CHRISTINE plante, aus ihrem Hof einen
weithin leuchtenden Tempel der Musen und Wissenschaften
zu machen.
Die Gunst einer Fürstin, der Glanz und Komfort des Hofs, der rege
Austausch mit berühmten Persönlichkeiten, kleine Geschenke und
vielleicht eines Tages eine lebenslange Pension
- das war der Wunschtraum unzähliger Gelehrter und Künstler
am Hofe, besonders der mittelmäßigen, die an ihrer Wissenschaft
allein nicht genug Freude hatten. Und da war nun plötzlich dieser
DESCARTES im Land.
Sie alle wussten genau, dass er ihre mühsam angehäuften und
sorgsam gehegten Wissensschätze
für baren Unsinn hielt. Er hatte auch noch ihre schlimmsten Befürchtungen
bestätigt. DESCARTES hatte bereits die erste
Audienz bei der Königin genutzt, die ganzen Hofgelehrten in aller
Öffentlichkeit lächerlich zu machen. CHRISTINE, die Tochter
des Schwedenkönigs GUSTAV
ADOLF, war eine selbstbewusste Persönlichkeit. Sie besaß
das Format, die ganze Gesellschaft von eitlen Kleingeistern zum Teufel
zu jagen. Demgegenüber gab es nunmehr im Stockholmer
Schloss einige, die DESCARTES gern zum Teufel gejagt hätten.
So hatte DESCARTES am Stockholmer Hof wenig Freunde. Die anderen Gelehrten
sahen in ihm einen gefährlichen Nebenbuhler.
Der Fall Descartes - wirklich ein Fall?
Doch Anfeindungen erfuhr der
Philosoph nicht allein von seinen Neidern. Ohne sein Wissen geriet er
in ein Ränkespiel mit höchster
politischer Brisanz hinein, in ein Ereignis von europäischer
Tragweite. Die Protestantin CHRISTINE plagten Glaubenszweifel,
sie spielte mit dem Gedanken, zum Katholizismus überzutreten. Das
war eine Ungeheuerlichkeit. Kurz nach dem beendeten Dreißigjährigen
Krieg galt die Regel: Die Konfession
des Fürsten bestimmte die seiner Untertanen. Und nun liebäugelte
CHRISTINE, Königin einer protestantischen Großmacht, mit dem
Katholizismus!
Auf einen geheimen Brief an den Papst hin waren aus Rom zwei undurchsichtige
Personen eingetroffen. Niemand ahnte, dass es sich um Jesuiten
handelte, also um Verfechter der Gegenreformation.
Sie hatten geheime Order, Königin CHRISTINE in den Schoß der römischen
Kirche zu führen. Aber derweil unterrichtete der "Freigeist" DESCARTES
die Königin in den modernen Wissenschaften.
Konnte man einen solchen Störenfried dulden? Musste man nicht hoffen und
wünschen, dass der gefährliche Konkurrent verschwindet?
Mitte
Januar 1650 spitzte sich die Lage zu. CHRISTINE zitierte ihren Gast ins Schloss.
Dreimal in der Woche sollte er ihr jetzt Unterricht geben. Die Königin bewunderte
seine Kenntnisse.
Anfang Februar wurde DESCARTES plötzlich krank. Die
Königin schickte ihren niederländischen
Leibarzt JOHANN VAN WULLEN an sein Lager,
doch der Patient begegnete ihm mit heftigem Misstrauen. Am siebten Tag war nichts
mehr zu retten.
Am zehnten starb DESCARTES morgens um vier Uhr. Lungenentzündung?
Eine durchaus plausible These, denn der schwedische Winter war kalt, die
Räume waren schlecht geheizt. Sie liegt so nahe und lässt sich
so leicht belegen, dass keine geeigneter wäre, einen Mord zu vertuschen.
In aller Stille wurde der Franzose auf dem Stockholmer Fremdenfriedhof
beigesetzt. "Er sühnte die Angriffe seiner Neider mit der Unschuld
seines Lebens" - heißt die Grabinschrift des französischen
Gesandten CHANUT. Der Fall DESCARTES
war noch immer kein Mordfall. Erst mehr als drei Jahrhunderte später
stellte eine zufällige Entdeckung DESCARTES' Todesursache erneut
infrage.
Im Frühjahr 1980 fällt dem deutschen Publizisten und Wissenschaftler
EIKE PIES im Handschriftenarchiv der Universität
Leiden in Holland ein Brief in die
Hand, der von JOHANN VAN WULLEN unterzeichnet ist, dem einzigen medizinischen
Augenzeugen von DESCARTES' Tod.
"Du weißt, daß vor einigen Monaten CARTESIUS (DESCARTES) nach Schweden gekommen ist, um der durchlauchtigsten Königin seine Aufwartung zu machen. Dieser hat eben, in der vierten Stunde vor Tagesanbruch, sein Leben ausgehaucht ... Die Königin wollte, daß ihr dieser Brief zu lesen gegeben wird, bevor ich ihn abschicke. Sie wollte nämlich wissen, was ich über den Tod des CARTESIUS an meine Freunde schreibe. Sie befahl ernst, ich solle aufpassen, daß er nicht in fremde Hände komme ..."
Heikel und geheimnisvoll. Höfische
Zensur? Wollte man das Stockholmer Gerücht
von der Vergiftung nicht ins Ausland gelangen lassen? Man traute VAN WULLEN nicht.
Möglicherweise wusste er mehr, als die Öffentlichkeit erfahren sollte.
Streng kontrollierte Briefe haben meistens ein gemeinsames Merkmal: Das Wesentliche
steht nicht in, sondern zwischen den Zeilen. Es folgt eine ausführliche Beschreibung
des Krankheitsverlaufs. Wozu? Hatte es VAN WULLEN nötig, seinem berühmten
Kollegen in Holland mitzuteilen, wie die Allerweltskrankheit Lungenentzündung
verläuft?
Was hier beschrieben wird, das sind nicht unbedingt die
Symptome einer Lungenentzündung! Eine Übersetzung des Briefs stellt
fest: Die in diesem "Krankenblatt" beschriebenen Symptome passen genau
zu einer akuten Arsenvergiftung.
Zusatzinformation zur Arsenvergiftung:
Offiziell starb DESCARTES an einer Lungenentzündung. Diese Krankheit
beginnt mit Schüttelfrost, Fieber und Bruststechen; typische Symptome sind
Husten, Atemnot und rostbrauner Auswurf. Der Arzt VAN WULLEN aber, der an DESCARTES'
Krankenbett gerufen wurde, zeichnet in einem Brief an einen Kollegen ein ganz
anderes Krankheitsbild:
"An den ersten beiden Tagen lag er in tiefem Schlaf. Er nahm nichts zu sich, weder Essen noch Trinken, noch Medizin. Den dritten und vierten Tag verbrachte er schlaflos und sehr unruhig, ebenfalls ohne Nahrung und Medizin." DESCARTES wollte sich nicht behandeln lassen. "Da sich unmissverständliche Anzeichen des bevorstehenden Todes einstellten, hielt ich meine Hand gern von dem Todeskandidaten fern. Als dann der fünfte und sechste Tag verstrichen waren, klagte er, ihm sei jetzt schwindlig und er habe Fieber. Am achten Tag: Schluckauf, schwarzer Speichelauswurf, unstetes Atemholen, die Augen wandernd, alles Vorboten des Todes. Am neunten Tag war alles misslich. Am zehnten Tag gab er in der Frühe Gott in der Höhe seine Seele zurück."
Der beschriebene Krankheitsverlauf
passt in der Tat besser zu den Symptomen einer akuten Arsenvergiftung, die durch
eine Verletzung des Magen-Darm-Kanals erhebliche Übelkeit und Leibschmerzen
hervorruft. Die Schleimhäute schwellen an, Blutgefäße platzen.
Das Blut vermischt sich mit der Magensäure zu einer schwarzen Masse, die
durch den Darm ausgeschieden oder durch den Mund erbrochen wird. Die Gegenüberstellung
legt den Verdacht auf eine Arsenvergiftung sehr nahe.
Namhafte Toxikologen
und Gerichtsmediziner bestätigen diese Vermutung. PIES ist überzeugt,
einem Verbrechen auf die Spur gekommen
zu sein. Man weiß, dass sich Arsen in den Knochen, Haaren und Nägeln
eines Vergifteten anlagert und dort auch noch nach Jahrhunderten nachweisbar ist.
Niemand wird heute noch das Grab des Philosophen öffnen wollen, doch was
ist mit dem Schädel im Pariser Museum?
Er könnte den Indizienbeweis erhärten. Aber ist es auch wirklich DESCARTES'
Schädel? Wer wollte sich nach fast dreieinhalb Jahrhunderten dafür verbürgen?
So viel ist bekannt: Die Totenruhe des Philosophen dauerte nur 16 Jahre.
1666 erinnerte man sich in Frankreich des großen Mannes. Seine Verehrer
wollten ihn in heimische Erde umbetten lassen. Die Gebeine wurden exhumiert
und in einen Kupfersarg gelegt. In der Pariser Kirche Sainte-Genevieve-du-Mont
wurde er beigesetzt, aber von dort überführte man den Sarg im
Februar 1819 in die Kirche Saint-Germain-des-Pres, nicht ohne ihn noch
einmal zu öffnen. Dabei machte man eine makabre Entdeckung: Der Schädel
fehlte.
HAYDN und DESCARTES - Opfer einer
makabren
Wissenschaft ?
Was verbindet
den französischen Philosophen RENÉ DESCARTES mit dem Wiener Komponisten
JOSEPH HAYDN? Der fehlende
Kopf. Anlässlich der geplanten Überführung der sterblichen
Überreste von Wien nach Eisenstadt hatte man HAYDNS Sarg zur Kontrolle noch
einmal geöffnet. Sprachlos vor Entsetzen stand man nun an jenem Oktobertag
des Jahres 1820 vor dem offenen Schrein: Unter der weißen Perücke des
am 31. Mai 1809 verstorbenen Komponisten war - nichts. Leichenschänder
hatten seinen Kopf entwendet. HAYDN wurde zum Kriminalfall. Die Spur führte
zu dem dubiosen Wiener Phrenologenzirkel, dessen Mitglieder der Lehre FRANZ JOSEPH
GALLS anhingen, wonach man von der Form des Schädels auf die seelisch-geistigen
Eigenschaften eines Menschen schließen könne.
Bereits 1802 war das "gallsche System" durch kaiserliches Dekret
verboten worden, nur hielt das seine Anhänger keineswegs ab. Die
polizeilichen Ermittlungen führten zu keinem Ergebnis. Der Schädel
blieb verschwunden und tauchte erst 1895 auf: Die Söhne eines Anatomieprofessors
übergaben das Relikt der Gesellschaft der Musikfreunde. Doch erst
weitere 59 Jahre später waren Gebeine und Schädel nach der makabren
Irrfahrt wiedervereint.
Zwei
Jahre nach dieser sensationellen Entdeckung tauchte DESCARTES' Schädel bei
einer Nachlassversteigerung wieder auf. Man
unterzog die Reliquie einer genauen Untersuchung. Exakte anatomische
Analysen und der Vergleich mit zeitgenössischen Porträts sprechen
für die Echtheit des Schädels. Ein Gerichtsmediziner hätte heute
gute Chancen, die Vergiftungsthese durch eine Untersuchung des Schädels entweder
zu entkräften oder aber zu untermauern. Die modernen Methoden der Spektralanalyse
erlauben den Nachweis feinster Spuren von Gift.
Auf die Anregung von
EIKE PIES hin wurde ein Fernsehfilm über den Fall DESCARTES gedreht, der
auch in der Bundesrepublik Deutschland lief. Vielleicht wird der Film auch einmal
in Frankreich gezeigt. Er könnte den französischen Staat dazu anregen,
die Todesursache in einer gerichtsmedizinischen Untersuchung endgültig klären
zu lassen. Die Akte über den "Mordfall Descartes" ist noch nicht
geschlossen.