

In den Jahren von
1924 bis 1932/33 herrschte oberflächlich betrachtet eine Zeit der innenpolitischen
Ruhe. Unter den bürgerlichen Reichskanzlern WILHELM MARX und HANS LUTHER
brachen zwar die bürgerlichen Kabinette mehrmals auseinander, aber
in nur wenig veränderter Zusammensetzung wurde die Arbeit fortgesetzt.
Der Außenminister GUSTAV STRESEMANN
war in diesen Jahren zu einem Garant kontinuierlicher Politik geworden.
Unter seinem Vorsitz bündelte die industriell-nationalliberale Deutsche
Volkspartei die gemäßigten nationalistischen Kräfte
in das Verfassungs- und Regierungssystem. Die SPD war nach ihrer Regierungsverantwortung
in den ersten Krisenjahren der Weimarer
Republik in der Opposition und unterstützte im Kampf gegen rechte
Kräfte die Außenpolitik STRESEMANNS.
So setzte nach der Einführung der Rentenmark 1923 (Währungsreform)
und dem Versuch, die Reparationsleistungen
mithilfe des Dawes-Planes (1924) für Deutschland in erträglicher
Weise zu lösen, eine Phase wirtschaftlicher Aufwärtsentwicklung
und politischer Beruhigung ein. Gleichzeitig konnten die Spannungen zwischen
Deutschland und Frankreich durch die Locarnoverträge gemildert werden.
Der Beitritt Deutschlands in den Völkerbund
1926 trug ebenfalls zur politischen Beruhigung bei. Andererseits brachen
besonders nach dem Beginn der Weltwirtschaftskrise
1929 die gesellschaftsstrukturellen Widersprüche, die vorübergehend
nur latent vorhanden waren, wieder auf. Die "Goldenen Zwanziger"
fanden in der wirtschaftlich-sozialen und politischen Krise 1932 ihr Ende
und führten im Zeichen politischer Radikalisierung zum Aufstieg des
Nationalsozialismus.
Was kennzeichnete nun die Goldenen Zwanziger?
"Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs brach sich ein bereits in
zeitkritischen Ideen der Vorkriegszeit wurzelndes neues
Lebensgefühl Bahn, das sich besonders in Kunst, Wissenschaft und
Technik zeigte und deshalb in kulturhistorischer Rückschau - im
Kontrast zur politisch-sozialen Entwicklung - zur idealisierenden Zeitbezeichnung
"Goldene Zwanziger (Jahre)" führte. Bezeichnend für
diese Zeit ist die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Lebens- und Kunstformen
(Expressionismus, Kubismus, Dadaismus, Symbolismus u. a.), die in einem
entschiedenen Bekenntnis vieler Künstler und Schriftsteller zu einer
Neuen Sachlichkeit mündete."
Am Beispiel des Bauhauses und des Theaters sollen die Goldenen Zwanziger
näher beleuchtet werden.
Kulturelle Entwicklung in den Zwanzigern
(Architektur, Film und Theater)
Im wilhelminischen Deutschland lebte die Moderne in der Opposition. Der
Expressionismus war bereits
im Kaiserreich zur vollen Blüte gelangt und beherrschte nun die Entwicklungsjahre
der Weimarer Republik.
Architektur - Bauhaus
Eine der einschneidensten Veränderungen, ja Umwälzungen der
Kultur vollzogen sich im Kunsthandwerk und bei der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen.
Das neue Kunstkonzept beherrschte bis in die Gegenwart die Architektur,
das Kunsthandwerk und die Gestaltung von Gebrauchsgütern. Der Gegenstand
sollte auf seine Urformen reduziert werden. Ästhetische Aspekte wurden
einer zweckorientierten Nüchternheit und Nützlichkeit untergeordnet.
Andererseits erfuhren Nüchternheit und Zweckdienlichkeit eine neue
Ästhetik.
WALTER GROPIUS, Vertreter des klassischen, geometrischen Stils, begründete
seinen Ruhm im Bauhaus. Anfang
1919 eröffnete er das Bauhaus in Weimar. Er widmete seine Schule
von Anfang an der Schöpfung eines einzigen Kunstwerkes - dem
Bau. In seinem Programm vom April 1919 schrieb er:
"Architekten, Maler und Bildhauer müssen die vielgliedrige Gestalt des Baues in seiner Gesamtheit und in seinen Teilen wieder kennen- und begreifen lernen, dann werden sich von selbst ihre Werke wieder mit architektonischem Geiste füllen, den sie in der Salonkunst verloren. Die alten Kunstschulen vermochten diese Einheit nicht zu erzeugen, da sie Kunst und Handwerk trennten."
Die Ausbildung im Bauhaus
richtete sich auf die Beherrschung des Materials, künstlerische Theorie
und damit die Einheit von Form und Inhalt. Jeder Studierende wurde nach
dem Grundkurs in den verschiedenen Werkstätten von entsprechenden
Meistern ausgebildet. Das Studium im Bauhaus war experimentell, fröhlich,
großartig kraftvoll. Dafür garantierten solche Lehrer wie PAUL
KLEE, WASSILIY KANDINSKY, LYONEL FEININGER, GERHARD MARCKS, OSKAR SCHLEMMER,
LASZLO MOHOL-NAGY, JOSEF ALBERS. Die Vielseitigkeit des Bauhauses drückt
sich in der Beschäftigung mit Typografie, Möbelentwürfen,
Lampen, Teppichen, Töpferei, Buchbinden und Tanz aus.
1925 siedelte das Bauhaus von Weimar in die Stadt Dessau (Bild 1) über.
Dort errichtete
GROPIUS seine berühmten Bauwerke, wie 1926 den Bau der Siedlung Dessau-Törten
(Bild 2), Wohnblöcke in der
Siedlung Siemensstadt in Berlin (1929/30), das Projekt Wannsee-Uferbebauung in Berlin (1930/31) und die
Siedlung Dammerstock, Karlsruhe.
Die neue Baukunst suchte nach Ganzheit, indem sie sowohl ökonomische
als auch ästhetische Ansprüche in Einklang brachte. In der Praxis
lehrte das Bauhaus die Gleichberechtigung aller Arten schöpferischer
Arbeit und ihr logisches Ineinandergreifen innerhalb der modernen Weltordnung.
Der Leitgedanke war, dass der Gestaltungstrieb weder eine intellektuelle
noch eine materielle Angelegenheit ist. Er ist Bestandteil der Lebenssubstanz
einer zivilisierten Gesellschaft. GROPIUS:
"Ich glaube jedoch ohne Übertreibung sagen zu dürfen, daß die Gemeinschaft des Bauhauses durch die Ganzheit ihres Versuchs dazu beigetragen hat, die heutige Architektur und Gestaltung wieder sozial zu verankern."
GROPIUS lehrte, was die meisten Deutschen nicht lernen wollten: dass
man sich der Welt stellen und sie beherrschen muss ...
Das Bauhaus hat die Weimarer Republik nur ein halbes Jahr überlebt.
Theater und Film
Neben dem Bauhaus war der Film das
berühmteste Kunstprodukt der Weimarer Republik.
In Berlin gab es zwischen den Weltkriegen neben mehreren Varietees 40
Theater und drei Opernhäuser.
Durch das neue Medium des Kinofilms erlangten Schauspieler und Regisseure
wie FRITZ LANG, MARLENE DIETRICH
oder PETER LORRE internationalen Ruhm. Solche Filme wie "Das Kabinett
des Dr. Caligari" und "Metropolis" (Bild 3, beide noch Stummfilmklassiker)
und "Der blaue Engel" spiegelten die Zerrissenheit der Weimarer
Republik wider. Das "Cabinett des Dr. Caligari" hatte bereits
am 26. Februar 1920 in Berlin Premiere. Dieser Film lebte von den gemalten
expressionistischen Dekors.
Das Theater erlebte in der Weimarer
Zeit eine neue Blüte. BERTOLT
BRECHT mit seiner neuen Theatertheorie appellierte an die Vernunft
des Publikums und machte auf die Notwendigkeit des Klassenkampfes aufmerksam.
Seine Theaterstücke verwendeten erstmals Stilmittel der Verfremdung.
Er überwand die aristotelische Dramentheorie und begründete
das epische Theater.
BRECHT demontierte traditionelle Institutionen wie die Kirche in seinem
Stück "Das Leben des Galileo Galilei" und thematisierte
in der berühmten "Dreigroschenoper" (1928) die soziale
Frage. Gegen den Krieg appellierte er mit seinem Stück "Mutter
Courage und ihre Kinder".
Hervorragender Theaterregisseur war ERWIN
PISCATOR.
Seine beiden großen Revuen, "Revue Roter Rummel" und "Trotz
alledem", kennzeichneten den Höhepunkt des politischen Massentheaters
der Weimarer Republik. Die "Revue Roter Rummel" wurde vor den
Reichstagswahlen 1924 von der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD)
als Wahlveranstaltung gezeigt. Mit der Revue "Trotz alledem"
eröffnete die KPD ihren 10. Parteitag im Juli 1925.
Von 1924 bis 1927 war er als Regisseur an der Berliner Volksbühne
tätig und entwickelte einen eigenen Inszenierungsstil: Der dramatische
Text diente als Material und wurde durch Filmeinblendungen, Projektionen
und politische Losungen ergänzt. 1927
wurde die erste Piscatorbühne
durch Vermittlung der Schauspielerin TILLA DURIEUX in Berlin mit der Uraufführung
von WALTER MEHRINGS (1896-1985) "Der Kaufmann von Berlin"
eröffnet.
Noch im gleichen Jahr hatte "Hoppla, wir leben!"Premiere. Als Dramaturgen arbeiteten neben MEHRING auch BERTOLT
BRECHT und ERNST TOLLER an der Piscatorbühne.
Piscator verwendete zum ersten Mal die Segment-Globus-Bühne, eine
drehbare Halbkugel, die sich an mehreren Stellen aufklappen lässt
und den Blick auf wechselnde Orte und Szenen freigab.
Fazit der Goldenen Zwanziger
Malerei , Belletristik, Musik - alle kulturellen Entwicklungen spiegeln
bis auf wenige Ausnahmen die Widersprüche der Zwanziger Jahre wider.
Mit ihrer Ausdrucksstärke, ihrer zunehmenden Politisierung vom GROPIUS'
Bauhaus bis zur Dreigroschenoper, von SCHÖNBERGS Zwölfton-Musik
bis zu FRITZ LANGS "Metropolis" spannt sich der Bogen, der den
Zwanzigern mit Recht den Namen Goldene verlieh. Nicht vergessen werden
darf aber, dass die goldenen zwanziger Jahre ökonomische
Katastrophen wie Inflation und Weltwirtschaftskrise beinhalteten.
Die Umwälzungen von Gesellschaft und Technik, von Kultur und Forschung
waren begleitet von enthusiastischer Fortschrittshoffnung. Teilweise wurden
diese Hoffnungen durch die USA oder Sowjetunion verkörpert.
Gleichzeitig weckten die Modernisierungen auch Ängste, die schließlich
eine Massenbasis für den Nationalsozialismus ermöglichten.