Der Krimkrieg 1853-1856 als Zäsur
in Europa
Nach dem Ende der Revolutionsära
in der Mitte des 19. Jahrhunderts wandten sich die bis dahin mehr auf die
Innenpolitik konzentrierten Energien der europäischen Mächte wieder
der Außenpolitik zu.
Der Krimkrieg
war der erste Ausbruch dieser dynamischen Kräfte im nachrevolutionären
Europa. Er führte zugleich die Brüchigkeit
der Beziehungen zwischen den europ äischen Mächten vor Augen:
Der Krieg war zun ächst als lokaler Konflikt
zwischen Russland und der Türkei
entflammt. Durch ihn wollte das Zarenreich die direkte Kontrolle über die
Meerenge am Bosporus und damit den ungehinderten Zugang vom Schwarzen Meer zum
Mittelmeer erreichen. Durch das Eingreifen Frankreichs
und Englands wurde der Krieg jedoch bald zu
einem europäischen Mächtekonflikt.
Das Kriegsziel der beiden alliierten Mächte bestand in erster Linie
darin, Russland von den Meerengen im Schwarzen Meer und vom Einfluss auf
dem Balkan und im Mittelmeerraum fern zu halten. Preußen
und Österreich, den beiden mächtigsten
Staaten im Deutschen Bund, ging es gegenüber den am Krimkrieg beteiligten
Mächten zun ächst um die Neuorientierung ihrer Außenpolitik:
Österreich
Nach außen hin war Österreich
zwar formell neutral, stand aber in
diesem Konflikt politisch auf Seiten Englands und Frankreichs. Davon versprach
man sich Einflussgewinn auf dem Balkan.
Im Sommer 1854 forderte Österreich Russland auf, die damaligen Donaufürstentümer
(heute Teile Rumäniens) zu räumen, und schloss einen Vertrag
mit dem Kriegsgegner Russlands, der Türkei. Der Vertrag gestattete
u. a. österreichischen Truppen, anstelle der abgerückten
Russen die Donaufürstentümer zu besetzen. Dies geschah ungef
ähr zur gleichen Zeit, als alliierte Streitkräfte auf der Krim
landeten und Sewastopol zu belagern begannen. Im Dezember des gleichen
Jahres schloss Österreich noch ein sogenanntes Schutz-
und Trutzbündnis mit England und Frankreich.
Durch diese zwiespältige Außenpolitik
Österreichs zerbrach die ehedem zur Absicherung
der Ergebnisse des Wiener Kongresses 1815 geschlossene Heilige
Allianz mit dem Zarenreich. Der offen sichtbare Riss zwischen den beiden ehemaligen
Bundesgenossen in der Balkanfrage war kaum
noch zu kitten und sollte sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten sogar noch
weiter verschärfen.
Preußen
Im Unterschied zu Österreich blieb Preußen
nicht nur formell
neutral, sondern verfolgte auch eine strikte Neutralitätspolitik.
Dies lag nicht zuletzt daran, dass es innerhalb der preußischen
Regierung verschiedene politische Gruppierungen gab, die sehr unterschiedliche
Vorstellungen von der einzuschlagenden Richtung der preußischen
Außenpolitik hatten. Diese Vorstellungen reichten von der Unterstützung
Russlands aus alter konservativer Verbundenheit heraus bis hin zu einem
bedingungslosen Anschluss an England und Frankreich.
Der
Aufstieg BISMARCKS
Zu jener Zeit begann auch der Aufstieg OTTO
VON BISMARCKS in der preußischen Politik:
Seit 1851 war BISMARCK preußischer Bundestagsgesandter in Frankfurt.
Sein Hauptaugenmerk war darauf gerichtet, bei allen Deutschland bzw. die deutsche Frage berührenden Problemen
die Vormachtstellung
Preußens gegenüber Österreich zu sichern. Er verstand
es außerdem meisterhaft, durch Vermittlung zwischen den gegensätzlichen
außenpolitischen Vorstellungen die preußische Außenpolitik
so auszurichten, dass man sich nicht eindeutig festlegen musste. So wurden
auf sein Betreiben hin die Kräfte, die für eine offene Unterstützung
Englands und Frankreichs eintraten, aus der Regierung entlassen.
Nun konnte es sich Preußen sogar leisten, dem österreichischen
Drängen nachzugeben und ein gemeinsames Schutz-
und Trutzbündnis abzuschließen. Dieses machte den Eintritt
einer Macht in den Krieg von der Zustimmung der anderen Macht abhängig.
Dem weiteren Drängen Österreichs, auch dem Schutz- und Trutzbündnis
mit den Westmächten beizutreten, gab Preußen allerdings nicht
mehr nach.
Im Januar 1855
stellte Österreich auf dem Bundestag in Frankfurt dann einen Antrag auf Mobilmachung,
d. h. auf Herstellung der Kriegsbereitschaft, der Hälfte der Streitkräfte
des Deutschen Bundes gegen eine mögliche Bedrohung durch Russland. Der Bundestag
stimmte diesem Antrag zwar zu. BISMARCK hatte es aber zwischenzeitlich verstanden,
den Sinn des Antrags zu verändern. Ihm war es gelungen, die Vertreter der
deutschen Klein- und Mittelstaaten im Bundestag dazu zu bewegen, noch eine Klausel
hinzuzufügen. Diese regelte, dass die Kriegsbereitschaft der Abwehr jeglicher
Bedrohung dienen sollte, unabhängig aus welcher Richtung, Ost oder West,
sie kam. Damit hatte BISMARCK die Absicht Österreichs zum Scheitern gebracht,
den Deutschen Bund allein als Speerspitze gegen den Osten auszurichten.
Der Beschluss des Bundestages bedeutete seinem Sinn nach nun bewaffnete
Neutralität und war ein voller Erfolg der preußischen Außenpolitik. BISMARCK
hatte sein diplomatisches Meisterstück abgeliefert,
sich dafür aber in Paris und Wien unbeliebt gemacht.
Der
Pariser Frieden und die Isolation Österreichs
Der Krimkrieg selbst fand nach dem Fall von Sewastopol am 11. September
1855 mit dem Sieg der Alliierten ein baldiges Ende. Auf der Pariser
Friedenskonferenz von 1856 hielt Frankreich die diplomatischen und
politischen Fäden in der Hand. Österreich hatte sich durch seine
einseitig orientierte Politik selbst ins Abseits manövriert. Preußen
wurde vor allem auf Betreiben Englands nicht zur Konferenz eingeladen und
spielte dadurch nur eine untergeordnete Rolle. Dies kam aber den Absichten
BISMARCKS durchaus gelegen; befürchtete er doch, dass Preußen
auf der Konferenz dazu gezwungen sein würde, seine neutrale Haltung
im Kräftespiel zwischen den europäischen Mächten aufzugeben.
Der Pariser
Frieden führte zu einer grundlegenden Veränderung der Machtpositionen
und der Kräftekonstellationen zwischen den europäischen Staaten. Das
war auch für die deutsche Politik von größter Bedeutung: Die Niederlage
Russlands im Krimkrieg und der damit verbundene Verlust an Macht und Einfluss
verminderte auch den Druck Russlands auf Europa, der sich seit 1849 immer mehr
gesteigert hatte. Von nun an orientierte Russland seine Machtpolitik nach Osten.
Bei der gleichzeitigen Fortdauer der guten preußisch-russischen Beziehungen
im Ergebnis der preußischen Neutralit ätspolitik gewann Preußen einen größeren Spielraum gegenüber
Österreich im Hinblick auf die Lösung der deutschen Frage. Die
gleichzeitige Zerrüttung des Verhältnisses zwischen Österreich
und dem Zarenreich führte zur zunehmenden Isolierung Österreichs in der Auseinandersetzung mit Preußen
um die Vormachtstellung im Deutschen Bund.