

Das
Zeitalter der Vernunft
Als europäische
Geistesströmung prägte die Aufklärung
vor allem in Deutschland, Frankreich und England das 18. Jahrhundert. Sie stand
unter dem Eindruck der vorausgegangenen naturwissenschaftlichen
Umwälzungen (GALILEI, KEPLER, NEWTON, HUYGENS, LAPLACE) und erschütterte
das bis dahin vorherrschende scholastische Welt- und
Denkbild einer auf Gott gegründeten
natürlichen Ordnung. Durch ihre Kritik der traditionellen, meist religiös
bedingten Vorurteile wollten die Aufklärer
die menschliche Vernunft aus der Abhängigkeit
von Kirche und Staat befreien. Den langen Schatten des Mittelalters, die
ihrer Ansicht nach das Denken verdunkelten, hielten sie das Licht einer sich selbst
bestimmenden Vernunft und die Ideale von
geistiger Freiheit, Gleichheit,
Bildung und Toleranz entgegen.
Das
aufklärerische Denken beruft sich zur Begründung seiner Erkenntnisse
auf Methoden der Naturwissenschaften. Beobachtung,
Erfahrung und methodisches Vorgehen sollen den Erkenntnissen Allgemeingültigkeit
sichern und sie ebenso allgemein überprüfbar machen. Mit dem Anspruch
auf Allgemeingültigkeit wandten sich die Aufklärer an eine gebildete
Öffentlichkeit, die zwar
noch zahlenmäßig klein, aber äußerst aktiv war. Ihren Kern
bildete das sogenannte "neue Bürgertum",
das in Preußen hauptsächlich Beamte, Professoren, Offiziere und fortschrittliche
Adlige umfasste.
Die Grundsätze der Aufklärung prägten das
Selbstverständnis der bürgerlichen Kultur und ersetzten in weiten Teilen
Deutschlands die fehlende politische Mitbestimmung. In Büchern, Zeitschriften,
Diskussionsrunden (z.B. den berühmten Salons
von HENRIETTE HERTZ und RAHEL VARNHAGEN), sowie in Lese-
und Geheimgesellschaften (Logen) wurde die Verbreitung aufklärerischer Gedanken
vorangetrieben.
Zu den Hochburgen der Aufklärung
zählten die Akademie- und Universitätsstädte - im Falle Preußens:
Berlin, Halle, Frankfurt/Oder und Königsberg. Ein wichtiges Sprachrohr der
Aufklärung war die "Berlinische Monatszeitschrift", in deren Dezember-Ausgabe
von 1783 der Königsberger Philosoph IMMANUEL KANT seinen berühmten Artikel
zur "Beantwortung der Frage: Was
ist Aufklärung?" veröffentlichte.
Antworten
auf eine Frage
KANT beginnt seinen
Aufsatz mit folgenden Worten:
"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern ... des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung."
Im
Weiteren schränkt KANT die Freiheit der Vernunft allerdings auf ihren öffentlichen
Gebrauch ein, "den jemand als Gelehrter von ihr vor dem
ganzen Publikum der Leserwelt macht". Als Privatperson, d.h. für
KANT als Staatsbürger und in seinem Beruf, sei der Einzelne jedoch zu Gehorsam
verpflichtet. Auf diese Weise weicht er dem Dilemma aus, das der von FRIEDRICH
II. vertretene aufgeklärte Absolutismus
hervorruft. Der preußische König hatte die Parole ausgegeben: "Räsoniert
soviel ihr wollt, aber gehorcht". Weil KANT die Freiheit des Denkens als
Befreiung von religiöser Bevormundung versteht, kann er dem Ausspruch FRIEDRICHS
II. nicht nur zustimmen, sondern das Zeitalter der Aufklärung sogar als Jahrhundert
FRIEDRICHS bezeichnen.
Doch KANT war nicht der einzige, der eine öffentliche
Antwort auf die Frage "Was ist Aufklärung?" gab. Noch vor ihm hatte
sich die herausragende Gestalt der jüdischen Aufklärung (Haskala),
MOSES MENDELSSOHN, in derselben Zeitschrift
geäußert. Für MENDELSSOHN stellt die Aufklärung den theoretischen
Teil der Bildung des Menschen dar, während die praktische Seite Kultur genannt
wird. Um die wesentlichen Bestimmungen des Menschen, unabhängig von seinen
praktischen Fähigkeiten, zur Geltung zu bringen, bedarf es der Aufklärung.
Die Aufgabe des Staates besteht laut MENDELSSOHN deshalb darin, die Rechte und
Pflichten eines jeden Bürgers mit seiner Bestimmung als Mensch vereinbar
zu machen:
"Ich setze allezeit die Bestimmung des Menschen als Maß und Ziel aller unserer Bestrebungen und Bemühungen."
Die Frage nach der Aufklärung, die der Berliner Pfarrer JOHANN FRIEDRICH ZÖLLNER in einem Artikel gegen die Zivilehe eher am Rande aufgeworfen hatte, rief gegen Ende dieser Epoche ein sehr großes Echo hervor. In der "Deutschen Monatsschrift" listete ein anonymer Verfasser allein für den Zeitraum von 1785 bis 1789 zwanzig Titel zu diesem Thema auf. Außer MENDELSSOHN und KANT stellten weitere bedeutende Persönlichkeiten in unterschiedlicher Form ihren Standpunkt dar. Dazu gehörten:
Die
Philosophen der Aufklärung
Wenngleich die Frage danach, was Aufklärung
bedeutet, erst gegen Ende des 18. Jh. diskutiert wurde, reichten ihre Ideen bis
in das 17. Jh. zurück.
In England
schuf die "Glorreiche Revolution"
von 1688 die Voraussetzungen für ein aufgeklärtes Denken.
Zu den wichtigsten Vertretern der englischen Aufklärung (enlightenment)
gehörte JOHN LOCKE (1632-1704).
Im Anschluss an die englische Revolution veröffentlichte LOCKE eine Reihe
von Schriften zu den zentralen Themenbereichen der Aufklärung: Toleranz,
Regierungsform, menschlicher Verstand und Erziehung. Er sprach sich für unveräußerliche
Menschenrechte, die politische Mitbestimmung
aller Bürger und die Idee der Gewaltenteilung
aus. Als Empirist war er der Überzeugung,
dass die Erfahrung Quelle aller Erkenntnisse ist, und wies daher die rationalistische
Behauptung eingeborener Ideen entschieden zurück.
Noch radikaler
als LOCKE fasste der schottische Philosoph DAVID HUME
(1711-1776) den Empirismus als Erfahrungslehre
auf. Seiner Ansicht ist der Mensch bei seiner Geburt ein leeres Blatt, das erst
durch die Erfahrung beschrieben wird. Weil aber die Erfahrung aus der Verknüpfung
von Sinneseindrücken im menschlichen Geist entspringt, gibt sie keine Gewähr
für eine objektive Welterkenntnis (HUMES Skeptizismus).
Auch in die Religion fanden aufklärerische Ideen Eingang. In England
erteilte der Deismus dem Glauben an Wunder
und göttliche Offenbarungen eine Absage. Denn dieser Theorie zufolge hat
Gott die Welt nach der Erschaffung ihren eigenen Entwicklungsgesetzen überlassen,
die sich kausal, durch Ursache und Wirkung, erkennen lassen.
Dieser Ansicht hingen auch die französischen
Enzyklopädisten D'ALEMBERT und DIDEROT an. Ihre Enzyklopädie,
die von 1751 bis 1772 in 35 Bänden erschien, sollte das gesamte Wissen der
Zeit auf verständliche Weise aufbereiten und der Öffentlichkeit zugänglich
machen.
Zu den wichtigsten Vertretern der Aufklärung in Frankreich
(les lumières) zählt JEAN-JACQUES
ROUSSEAU (1712-78). Dem französischen
Absolutismus, der seinen Herrschaftsanspruch aus der göttlichen Ordnung
herleitet, hält er das Vertragsmodell entgegen. Die politische Herrschaft
gründet für ROUSSEAU auf einem impliziten Gesellschaftsvertrag
(Contrat social). Erfüllt die Regierung ihre Aufgaben nicht, können
die Regierten ihr Treue und Gehorsam aufkündigen. In seinem Erziehungsroman
"Émile" setzt sich ROUSSEAU für eine von gesellschaftlichen
Zwängen und Rangunterschieden befreite Erziehung
ein:
"Mein Schüler ... erhält seinen Unterricht von der Natur und nicht von den Menschen ... In der natürlichen Ordnung sind alle Menschen gleich; ihre gemeinsame Berufung ist: Mensch zu sein. Wer dafür gut erzogen ist, kann jeden Beruf nicht schlecht versehen."
An diesem Zitat lässt sich auch der Leitgedanke ROUSSEAUS - "Zurück
zur Natur" - ablesen. Seiner Ansicht nach ist der Mensch von
Natur aus gut, wird aber durch gesellschaftliche Einflüsse verdorben. Indem
ROUSSEAU die Freiheit und Gleichheit der Menschen in der Natur verankert, setzt
er sich vom aufklärerischen Vernunftideal ab.
Der französische
Baron und Schriftsteller MONTESQUIEU
erlangte durch seine Schrift "Der Geist der Gesetze" (1748) große
Bedeutung. Diese Schrift macht gegen die absolutistische Herrschaft das Prinzip
der Gewaltenteilung geltend. Gesetzgebung,
Verwaltung und Rechtsprechung sollen nicht mehr in einer Hand liegen, sondern
unabhängig voneinander sein, um die Bürger vor staatlicher Willkür
zu schützen.
Durch seinen Kampf gegen den religiösen Fanatismus
der Kirche, für die Gleichstellung aller Menschen und die damit verbundene
Befreiung der Bauern aus der Leibeigenschaft machte sich VOLTAIRE
(1694-1778) zum Wortführer der Aufklärung nicht nur Frankreichs.
Denn als Freund FRIEDRICHS II. prägte er das Profil des aufgeklärten
Absolutismus in Preußen.
KANT
als Aufklärer
Die kritische Philosophie von IMMANUEL
KANT beschließt die Epoche der Aufklärung. In drei Kritiken:
untersucht KANT die Möglichkeiten
und Grenzen der Erkenntnis, der Freiheit und des Schönen.
Seine
Erkenntnisphilosophie begrenzt
das objektive Wissen auf den Bereich der Erfahrung. Die Erfahrung
gründet im Erkenntnisvermögen des Subjekts,
seiner raum-zeitlich bedingten Anschauung und seinen Verstandesbegriffen. Alles,
was die Erfahrung übersteigt, weil ihm nichts in der Anschauung entspricht,
kann zwar gedacht, nicht aber erkannt werden. Das gilt insbesondere für die
Ideen von Gott, Freiheit und der Unsterblichkeit
der Seele.
In der "Kritik der praktischen
Vernunft" stellt KANT seine Moralphilosophie vor. Auch wenn sich die Freiheit
des Menschen nicht objektiv erkennen lässt, kann er seinen Willen
doch unabhängig von Instinkten, Neigungen und Bedürfnissen bestimmen.
In dieser freien Willensbestimmung gibt sich
der Mensch aus Vernunft selbst das Gesetz des Handelns vor (Autonomie).
Der Grundsatz der freien, vernünftigen Willensbestimmung wird von KANT als
kategorischer Imperativ bezeichnet:
"Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."
Die "Kritik der Urteilskraft" markiert bereits den Übergang zur
Philosophie des Deutschen Idealismus und zur
Romantik. Das Naturschöne erweist sich
darin als freies Spiel von Einbildungskraft und Verstand, das zwar keine Erkenntnis
hervorbringt, aber doch das Gefühl vermittelt, dass die Natur dem Erkenntnisvermögen
des Menschen entspricht. Die schöne Kunst ist das Werk des Genies,
des Günstlings der Natur. Denn Kunstwerke wirken laut KANT nur als schön,
wenn sie wie die Naturschönheiten (Blumen, Kristalle) an keinen Zweck und
keine Absicht denken lassen.
Der Skeptizismus HUMES und die kritischen
Werke KANTS weisen den Vernunft-Optimismus der Aufklärung in seine Schranken.
Während sich die Französische
Revolution von 1789 die aufklärerischen Ideale von Freiheit, Gleichheit
und Brüderlichkeit auf ihre Fahnen schreibt, werden in Preußen unter
FRIEDRICH WILHELM II. die Zensurbestimmungen
verschärft. Das 1788 erlassene Zensuredikt
wandte sich gegen alle Veröffentlichungen, die
"die Grundwahrheiten der Schrift (also der Bibel) zu untergraben ... und auf unverschämte Weise unter dem Namen der Aufklärung zahllose und allgemeine Irrtümer"
verbreiteten.