Der
Griff nach dem Osten - Russland entdeckt Sibirien
Wenn wir heute einen Blick auf eine großmaßstäbliche Atlaskarte
werfen, die uns den detaillierten Verlauf der Nordküste Asiens zeigt,
so finden wir dort viele Halbinseln, Inseln und Meeresteile des Nordpolarmeeres,
die den Namen von meist russischen Persönlichkeiten
tragen, die Anteil an der Erforschung und Erschließung
Sibiriens
hatten.
So gibt es das Chariton-Laptew-Ufer an der Küste der Halbinsel Tajmyr, weiter im Osten das Kap und die Halbinsel Tscheljuskin sowie das Prontschistschew-Ufer. Östlich der großen Insel Sewernaja Semlja trägt ein Teil des Nordpolarmeeres den Namen Laptewsee, von der man durch die Dmitri-Laptew-Straße in die Ostsibirische See gelangt. Noch weiter östlich trennt die Beringstraße die Kontinente Asien und Amerika. Das nordöstlichste Vorgebirge Sibiriens bzw. Asiens auf der Halbinsel Tschukotka wiederum trägt den Namen Kap Deshnjow. Schiffe, die an diesem Kap vorbei nach Süden fahren, gelangen in das Beringmeer, und eine der östlich von Kamtschatka gelegenen Kommandeur-Inseln ist die Beringinsel. Auf der Halbinsel Kamtschatka gibt es die Stadt Petropawlowsk-Kamtschatskij, deren Namen an den russischen Zaren PETER I. erinnert.
Erforscher Sibiriens
Was den spanischen Eroberern Südamerikas das sagenhafte Goldland
Eldorado bedeutete, war für die russischen Kosaken
und Pelzhändler, die im 17. Jh.
als Eroberer nach Nordostsibirien vordrangen, der legendäre Fluss
Pogitscha. Diesen glaubten sie schließlich mit dem Anadyr
gefunden zu haben. Sie hofften, dort einen unvorstellbaren Reichtum an
Pelztieren, an Silbererz
und an Elfenbein zu finden; Letzteres
von Walrossbullen und von im Dauerfrostboden Sibiriens konservierten Mammuten
stammend.
Das sagenhafte "Pelzdorado"
zu erreichen, damit wurde im Jahre 1648 der Kosak SEMJON
DESHNJOW beauftragt. Dieser hatte sich bereits bei der Erkundung
anderer Regionen Sibiriens hervorgetan. DESHNJOW besaß außerdem
Erfahrungen beim Eintreiben der Pelzsteuer
und hatte an der Niederschlagung aufständischer Jakuten
teilgenommen. Die Jakuten gehörten zu den Ureinwohnern Sibiriens
und lebten am Mittellauf der Lena. Ihre und die Vorfahren der weiter östlich
die Taiga und die Tundra durchstreifenden Jukagiren
waren wahrscheinlich auch die Ersten, die in grauer Vorzeit von Sibirien
aus den Norden des amerikanischen Kontinents besiedelten.
Neunzig Männer waren es, die unter dem Befehl DESHNJOWS auf einem
bauchigen Kotschen-Segler am 20. Juni
1648 die Mündung des Kolyma-Flusses verließen.
Zwölf Mann waren es nur noch, die ein knappes Jahr später den
Anadyr aufwärtsfuhren. Bereits
Anfang September 1648 hatte DESHNJOW das nordöstlichste Kap Sibiriens
erreicht, das erst 250 Jahre später seinen Namen erhielt.
DESHNJOW umrundete diesen auf der Halbinsel
Tschukotka liegenden nordöstlichsten Punkt des asiatischen Kontinents.
Damit bewies er, was bis dahin nur vermutet wurde: Es gibt tatsächlich
eine Meeresstraße, die von den arktischen Gewässern in den
Pazifik führt. In diesem Zusammenhang entdeckte DESHNJOW auch, dass
Asien und Amerika
nicht durch eine Landbrücke miteinander verbunden sind. Doch der
russische Beamte, der DESHNJOWS Bericht über die Entdeckungen in
Sibirien erhielt, legte das Schreiben zu den Akten, ohne es nach Moskau
weiterzuleiten. Deshalb geriet DESHNJOWS Bericht in Vergessenheit.
Auf seinen Entdeckungen konnte dennoch der Russe ATLASSOW aufbauen, der von 1697 bis 1699 zum endgültigen Entdecker
Kamtschatkas wurde. Die detaillierten Berichte von ATLASSOW inspirierten
wiederum sehr nachhaltig die weitere Erforschung Sibiriens. So ließ
der russische Zar PETER I. (Bild 1) zwei Kamtschatka-Expeditionen organisieren.
In deren Verlauf entdeckten russische und ins Land geholte westeuropäische
Seefahrer und Wissenschaftler im 18. Jahrhundert Amerika noch einmal.
Doch diesmal erfolgte die Entdeckung von Westen aus: vom asiatischen Tschukotka
über die etwa 80 km breite Meeresstraße zwischen Nordpolarmeer
und Pazifik nach Alaska im äußersten
Norden Amerikas.
Ein Däne im Dienste des russischen Zaren
Dem dänischen Seeoffizier VITUS
JONASSEN BERING wurde
von PETER I. die Leitung zweier großer Expeditionen übertragen,
der Ersten Kamtschatka-Expedition von
1725 bis 1730 und der Großen Nordischen
Expedition zwischen 1733 und 1743.
Die Erste Kamtschatka-Expedition regte der deutsche Philosoph GOTTFRIED WILHELM LEIBNIZ an. Er schlug
PETER I. im Jahre 1716 vor, eine Expedition auszusenden, die erforschen
sollte, ob eine Landverbindung zwischen Asien und Amerika existiert oder
nicht. BERING wurde mit der Leitung dieser Expedition beauftragt.
Doch bevor BERING überhaupt vom ostsibirischen
Ochotsk aus in See stechen konnte, stand der Expedition ein mehrere
tausend Kilometer langer anstrengender Marsch zu Lande bevor. Die Expedition
verließ St. Petersburg im Jahre 1725. Die gesamte Ausrüstung,
dazu gehörten Taue, Segel, Geschütze und Werkzeug, aber auch
Proviant, musste an das andere Ende des Russischen Reiches geschafft werden.
Der Transport geschah auf Lastkähnen, wo es Flüsse gab, an Land
auf Wagen und Hundeschlitten. Mehr als 600 Pferde transportierten die
umfangreiche Ausrüstung quer durch Sibirien. Erst nach drei Jahren,
1728, erreichte die Expedition den eigentlichen Ausgangspunkt ihrer Forschungsreise
- die Mündung des Kamtschatkaflusses bei Ochotsk.
Hier am Ufer des Ochotskischen Meeres musste zunächst das Expeditionsschiff
"St. Gabriel" zusammengezimmert werden, ehe BERING mit
seiner durch Strapazen und Hunger dezimierten Mannschaft in See stechen
konnte.
Die Erste Kamtschatka-Expedition hatte den Auftrag, die Pazifikküste
Kamtschatkas nach Norden hin zu erkunden, um damit die Ausdehnung Sibiriens
in diese Richtung festzustellen. Außerdem sollte sie herausfinden,
ob es eine Landverbindung zwischen Asien und Amerika gab bzw. ob man Asien
im äußersten Nordosten umschiffen kann. BERING klärte
beide, schon von DESHNJOW beantwortete Fragen auf der Expeditionsfahrt
und kehrte am 1. März 1730 nach St. Petersburg zurück.
Die Große
Nordische Expedition hatte zum Ziel, die gesamte Nord- und Ostküste
Asiens zu erforschen und von hier aus den Seeweg nach Japan, China und
Indien zu finden.
Man sprach von einem gewaltigen geografischen und kartografischen Projekt,
das durch die Erforschung der Pflanzen- und Tierwelt der betreffenden Gebiete
sowie durch ethnografische Beobachtungen unter der einheimische Bevölkerung ergänzt werden sollte. BERING
stand auch an der Spitze dieser Expedition, deren Start im Frühjahr
1733 erfolgte.
Zar PETER I. hatte es verstanden,
die Fähigkeiten und Kenntnisse vieler westeuropäischer Gelehrten
für die wissenschaftliche Erforschung Sibiriens zu nutzen. So beteiligten
sich an der Großen Nordischen Expedition 570 Personen. Neben Wissenschaftlern
waren das auch Maler und Zeichner (Fotografen gab es damals noch nicht),
Dolmetscher, Landvermesser, Seeleute, Soldaten sowie ein Arzt.
Unter den Wissenschaftlern befanden sich namhafte
europäische Gelehrte, wie DE LA CROYERE, der Chefastronom
in Paris war, oder der Botaniker KRASCHENNIKOW aus St. Petersburg.
Zu den Teilnehmern zählten auch deutsche Historiker und Naturwissenschaftler,
so die Biologen GMELIN und STELLER. Der Mediziner und Botaniker GEORG
WILHELM STELLER hatte in Leipzig, Jena und Halle studiert und als Arzt
in der russischen Armee gedient. GMELINS "Flora Sibirica" und
STELLERS Tagebuch gehörten später zu den wichtigsten wissenschaftlichen
Dokumenten der Großen Nordischen Expedition.
BERING organisierte vom Oktober 1734 bis zum Sommer 1737 von der nordsibirischen
Stadt Jakutsk aus alle Forschungsunternehmen
an der Nordküste Asiens zu deren Vermessung
und kartografischen Erfassung.
Auf allen Teilstrecken, die der
nördliche Seeweg zwischen Archangelsk im Westen und der Mündung der Kolyma im Osten umfasste, vollbrachten die Expeditionsteilnehmer unter den Bedingungen
des rauen arktischen Klimas große Leistungen.
So erforschten die Vettern DMITRI und CHARITON LAPTEW die Uferregionen
des nach ihnen benannten Meeres. Andere Expeditionsteilnehmer erkundeten
den Seeweg vom Weißen Meer über
die Barentssee und die Karische
See bis zur Halbinsel Tajmyr, die vom Volk der Samojeden (Nenzen) besiedelt war. Wieder eine andere
Gruppe erkundete die Küste zwischen der Karischen Pforte und der
Nordspitze der Halbinsel Jamal. Fast
der gesamte nördliche Seeweg bzw. die Nordostpassage zwischen Atlantik und Pazifik wurde so vermessen und kartografiert.
Im Sommer 1737 verlegte BERING dann sein "Hauptquartier" von
Jakutsk nach Ochotsk. Von hier aus
leitete er die Erkundung des Festlandes und der Küsten Sibiriens
im äußersten Osten, einschließlich der Halbinsel Kamtschatka, der Insel Sachalin, der Kurilen-Inseln und den nördlichsten japanischen Inseln.
Auf diese Weise brachte die Große Nordische Expedition Gewissheit
über die gewaltigen Ausdehnungen der Küsten und Meere des nordöstlichen
Asien in allen Himmelsrichtungen.
TSCHELJUSKIN
Zu den Pionieren bei der Erforschung Sibiriens gehörte auch der russische
Leutnant TSCHELJUSKIN. Er
und nur wenige andere überlebten, als 1734 infolge von Packeis die
Umschiffung der Halbinsel Tajmyr bereits
zum vierten Male scheiterte. Drei Jahre später versuchte es TSCHELJUSKIN
erneut. Und wieder zerdrückten aufgetürmte Eisschollen sein
Schiff. Er setzte deshalb die Reise mit Hundeschlitten fort, überwinterte zweimal und erreichte am 19. Mai 1742 schließlich
ein Kap an der Nordspitze der Halbinsel. Dieses Kap, das später nach
ihm benannt wurde, ist nicht nur die nördlichste Spitze Kontinentalasiens,
sondern der nördlichste kontinentale Punkt der Erde überhaupt.
Die Erforschung Sibiriens forderte Opfer
Die Erforschung der unendlichen Weiten Sibiriens und des Nordpolarmeeres
erforderte viel Mut und Kraft und kostete nicht wenigen Forschern das
Leben. VITUS BERING erlag auf einer der später nach ihm benannten
Kommandeur-Inseln dem Skorbut. Der Biologe STELLER erfror im eisigen westsibirischen
Tjumen bei der Rückreise nach St. Petersburg. Der fanzösische
Astronom DE LA CROYERE starb einen Tag nach der Alaskafahrt in Petropawlowsk-Kamtschatskij.
Man könnte diese Aufzählung fortsetzen.
Unter anderem deshalb gab es den ersten zusammenfassenden
Bericht über die Erforschung Sibiriens und der angrenzenden
Meere durch die Große Nordische Expedition erst
im Jahre 1851. Dieser Expeditionsbericht gelangte allerdings nicht
in die Öffentlichkeit. Er verschwand für Jahrzehnte in den Geheimarchiven
des Zaren.