Industrielle
Revolution und soziale Frage
Mit der rasche Industrialisierung
im Verlauf der industriellen Revolution (Bild 1) gingen tiefgreifende gesellschaftliche
Veränderungen vor sich.
Ganze Bevölkerungsschichten wurden aus ihren jahrhundertealten sozialen
Bindungen und Lebensumfeldern herausgerissen. Häufig wurden sie, wie
die Entwicklungen in Großbritannien Ende des 18. Jh. und in Deutschland
in der ersten Hälfte des 19. Jh. zeigten, sozial entwurzelt und in
Not und Elend gestürzt.
Aus dieser Situation heraus entstand die soziale
Frage. Sie resultierte aus der gewaltigen Diskrepanz zwischen
Bei den von ihr betroffenen Bevölkerungsschichten gipfelte sie
in der drängenden Frage, wie man den Missständen am wirkungsvollsten
und am schnellsten begegnen und sie überwinden könnte.
Diese Suche nach Lösungen löste bei den Betroffenen folglich
vielfältige Überlegungen und politischen und wirtschaftlichen
Aktivitäten zur Überwindung der sozialen Frage aus.
Die soziale Frage entwickelte sich mit besonderer Schärfe zwangsläufig
für den Teil der Bevölkerung, der von der aufstrebenden Industrie
in Massen in die Produktionsbetriebe "gesogen" wurde, also für
die Industriearbeiterschaft.
Die Entstehung des Proletariats als
soziale Klasse
Die beginnende Industrialisierung hatte durch den Rückgang des Handwerks
Hundertausende von Handwerksgesellen arbeitslos gemacht. Sie strömten
in die Industriebetriebe und stürmisch wachsenden Industriestädte.
Verstärkt wurde dieser Zustrom noch durch die Landflucht von besitzlosen
Landarbeitern und verarmten Kleinbauern.
Beide Bevölkerungsgruppen zusammen bildeten in den Städten die neue soziale Klasse des Industrieproletariats.
Die Angehörigen dieser neuen Klasse des Proletariats waren zwar,
beispielsweise im Unterschied zu den leibeigenen Bauern, rechtlich frei.
Sie verfügten aber über keine eigenen
Produktionsmittel, z. B.
mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienen konnten.
Aus diesem Grunde waren sie gezwungen, sich zur Sicherung ihrer und der
Existenz ihrer Familie als Lohnarbeiter in den Betrieben zu verdingen.
Damit war zugleich das für den Kapitalismus typische Verhältnis
der Abhängigkeit zwischen seinen beiden Hauptklassen entstanden:
Die Abhängigkeit
Lebensbedingungen des Proletariats
Das wachsende Arbeitskräfteangebot in den Städten drückte
die ohnehin schon niedrigen Löhne und führte vielfach zur Nutzung billiger Kinder-
und Frauenarbeit. Häufig
konnte deshalb nur die Tätigkeit mehrerer Familienmitglieder die
Existenz der Familie sichern. Dazu kamen überlange Arbeitszeiten
von 12 bis 14 Stunden. In den Betrieben gab es eine hohe Unfallhäufigkeit,
da die Sicherungsmaßnahmen äußerst unzureichend waren.
Aber nicht nur die Arbeits-, sondern auch die Wohnverhältnisse waren elend. Häufig war
in den aus dem Boden schießenden kasernenähnlichen Wohnvierteln
der Lohnarbeiter in den Städten kein menschenwürdiges Leben
möglich.
Dazu kam die ständige Existenzbedrohung:
bedrohten unweigerlich die Existenz ganzer Familien.
Die Folgen der fast unmenschlichen
Arbeits- und Lebensbedingungen, die besonders in der Frühphase der
Industrialisierung auftraten, waren
in den meisten Arbeiterfamilien.
Der Widerstand gegen die Verhältnisse
regt sich
Versuche, diese unhaltbaren Zustände zu erleichtern, kamen zuerst
von einzelnen Persönlichkeiten und kirchlichen Organisationen.
Auch einzelne Unternehmer versuchten, die Lebensbedingungen ihrer Arbeiterschaft
zu verbessern. Dahinter stand meist der Wunsch, mit einer Stammbelegschaft,
die dem Betrieb die Treue hält, die Konkurrenzfähigkeit des
Unternehmens zu erhöhen.
Vor diesem Hintergrund entstanden
Mit solchen Maßnahmen konnten zweifellos die unwürdigen Arbeits-
und Lebensverhältnisse des Proletariats verbessert, aber nicht verändert
werden.
Die Veränderung der Zustände wurde erst zum Ziel der in der
Arbeiterschaft selbst seit Mitte des 19. Jahrhunderts erwachenden Kräfte.
Die in dieser Zeit entstehenden Handwerkerbünde und Arbeitervereine wurden zu den Keimzellen
der Arbeiterbewegung.