Der
Widerstand NAPOLEONS III.
Nachdem Frankreich nach dem Sieg Preußens über Österreich
in Königgrätz einen von Preußen dominierten Norddeutschen
Bund nicht verhindern konnte, versuchte NAPOLEON III.
im Friedensschluss von Prag am 23. August
1866 ein weitergehendes Übergreifen Preußens auf Süddeutschland
zu verhindern. Er schaffte es, dass in den Friedensvertrag
die Formulierung aufgenommen wurde, dass die süddeutschen Staaten international
unabhängig blieben. Damit wollte NAPOLEON III. die Selbstständigkeit
der süddeutschen Staaten gewahrt wissen. Konnte er schon die preußische
Vorherrschaft in Norddeutschland nicht mehr verhindern, so sollte
durch diesen Friedensvertrag die Schaffung eines starken deutschen Nationalstaates
unter preußischer Vorherrschaft verhindert werden.
Der Widerstand NAPOLEONS III.
gegen die Pläne BISMARCKs hatte
aber nicht nur außenpolitische Gründe, sondern war auch innenpolitisch
motiviert. Denn der französische Kaiser war nach den Fehlschlägen
verschiedener außenpolitischer Abenteuer
in der polnischen Frage, in Nordamerika und in Mexiko auch innenpolitisch
verwundbar geworden. Seine in den fünfziger Jahren enorm gestiegene
Popularität schwand dahin. Die Opposition
im Land wurde immer stärker. Schon wurde von einer liberalen Epoche
in seiner Herrschaft gesprochen. Königgrätz wurde ebenso sehr
als Frankreichs Niederlage empfunden
wie die von Österreich. Der französische Kaiser musste einen
preußisch bestimmten deutschen Einheitsstaat verhindern. Gelang
ihm dies nicht, war nicht nur seine persönliche Herrschaft gefährdet,
sondern auch das 2. Kaiserreich in seiner Gesamtheit.
Durch die Politik BISMARCKS, der die Macht Preußens vergrößern
wollte, fühlte sich Frankreich nicht nur in seiner Sicherheit bedroht,
sondern auch in seiner Ehre verletzt. Revanche
für Sadowa (tschechischer Name für Königgrätz)
wurde zum Leitmotiv der Pariser Politik. NAPOLEON III. wollte nun
zumindest einen Ausgleich für
die erlittene politische Schmach. Wenigstens Luxemburg
sollte französisch werden. Bis zu dessen Auflösung 1866 hatte
Luxemburg dem Deutschen Bund angehört.
In der Bundesfestung der Stadt Luxemburg war immer noch eine preußische
Garnision stationiert. Die Mehrheit der Bevölkerung sprach eine deutsche
Mundart, und die Zeitungen schrieben hochdeutsch. Amtssprache war
allerdings Französisch. Mit den Niederlanden war Luxemburg in dynastischer
Personalunion verbunden, da der niederländische König
gleichzeitig Großherzog von Luxemburg war.
Im Frühjahr 1867 drängte der diplomatische Gesandte NAPOLEONS III.
in Berlin, VINCENT GRAF BENEDETTI,
bei BISMARCK auf eine Entscheidung zugunsten Frankreichs. BISMARCK machte
dem französischen Abgesandten in monatelangen Verhandlungen
durchaus Hoffnungen darauf, dass Preußen seine Garnision räumen
und einen Anschluss Luxemburgs an Frankreich wohlwollend bewerten würde.
Diplomatisches Verwirrspiel
Für BISMARCK war aber längst
klar, dass er Frankreich kein Gebiet überlassen konnte, das direkt
an das preußisch-deutsche Rheinland grenzte. Damit wäre die
Gründung eines norddeutschen Bundesstaates
nur unnötig belastet worden, sowohl politisch wie auch moralisch.
Deshalb hintertrieb er auch die französisch-niederländischen
Verhandlungen über einen Verkauf Luxemburgs. Auf politischen
Druck Berlins hin erklärte der holländische König,
Luxemburg nicht abtreten zu wollen.
NAPOLEON III. hatte sich, getrieben von der nationalistischen Revanchestimmung
in der französischen Öffentlichkeit, auf ein diplomatisches
Verwirrspiel mit BISMARCK eingelassen und war von diesem düpiert
worden. Die Stimmung in Frankreich trieb nun zum Krieg.
Noch aber war BISMARCK zu diesem Schritt nicht bereit. Er wollte erst
die Herrschaft Preußens in Norddeutschland festigen und die Wehrgesetzgebung
auf alle die Gebiete ausdehnen, die nicht zu den altpreußischen
Stammländer zählten. Außerdem hatte er noch die Hoffnung,
dass sich der Autoritätsverfall
NAPOLEONS III. fortsetzte. Dadurch würden die Chancen auf eine
friedliche Gründung eines deutschen Einheitsstaates steigen.
Vor diesem Hintergrund muss auch die diplomatische
Krise um die spanische Thronfolge
1868 bis 1870 gesehen werden. Nachdem am 2. Juli 1870 offiziell bekannt
gegeben wurde, dass Prinz LEOPOLD VON HOHENZOLLERN-SIGMARINGEN gewillt
war, die spanische Krone
anzunehmen, waren die nationalen Emotionen in Frankreich nicht mehr zu
bremsen. Wiederum fühlte man sich durch den deutschen Kanzler gedemütigt.
Der Krieg wurde zu einer Frage der Ehre.
Schon am 6. Juli erklärte die französische Regierung ihre
Kriegsbereitschaft. Die Regierung wurde von der emotionalen Stimmung der
Öffentlichkeit getrieben. Das Überleben des 2. Kaiserreiches
hing nun von einem Sieg über Preußen ab.
Französische Fehleinschätzung
Noch einmal bekam aber die Diplomatie
ihre Chance. In Übereinstimmung mit dem preußischen König
widerrief LEOPOLD seine Kandidatur. BISMARCK, der bereits die Mobilmachung
plante, stand nun diplomatisch mit dem Rücken zur Wand und dachte
schon an Rücktritt.
In Paris konnte sich die Regierung aber nicht mehr dem Sog der nationalistischen
Stimmung entziehen. In krasser Fehleinschätzung der Situation und
Überbewertung der eigenen Position verlangte NAPOLEON III. vom
preußischen König die Zusicherung, dass auch in Zukunft kein
Mitglied des Hauses Hohenzollern für den spanischen Thron kandidieren
werde. Dies wurde von WILHELM I.
abgelehnt. Die Umformulierung der Emser
Depesche durch BISMARCK wurde in Paris als glatte Beleidigung angesehen
und führte zur Kriegserklärung Frankreichs an Preußen
am 19. Juli 1870.
Die französische Regierung hatte in dieser Situation die wohl einmalige
Chance verpasst, einen politisch-diplomatischen
Sieg über Preußen zu erringen. Bei einer richtigen Einschätzung
der politischen Lage und mit mehr diplomatischem
Geschick hätte Paris die preußische Regierung diplomatisch
täuschen und wohl auch einen Rücktritt BISMARCKS bewirken können.
Damit wäre wohl auch der deutsche Einheitsstaat
unter preußischer Führung ad acta gelegt worden.
Gefangen in der aufgeheizten nationalistischen öffentlichen Stimmung,
war die französische Regierung zu einem solchen Vorgehen aber nicht
mehr fähig. NAPOLEON III. wollte
die Konfrontation mit Preußen.
Er brauchte den militärischen Sieg. Davon hing das Überleben
seiner Herrschaft ab.