Schule
und Ausbildung
Am 6. August 1789 wurde DANIEL FRIEDRICH LIST als achtes
Kind des Weißgerbers JOHANNES LIST und seiner Frau MARIA BARBARA in
Reutlingen geboren.
Nachdem List von 1798 bis 1804 die Lateinschule besucht hatte, begann er
im elterlichen Betrieb die Gerberlehre.
1805 trat LIST eine kaufmännische Lehre beim
Stadtschreiber CHRISTOPH FRIEDRICH LENZ an, einem promovierten Juristen
in Blaubeuren. Seine erste Laufbahnprüfung absolvierte er beim Königlichen
Finanzdepartement in Stuttgart. Nach anschließender einjähriger
Tätigkeit in der Stadtschreiberei Ulm bewarb sich LIST 1811 für
die Aktuarstelle (Buchhalter) im Oberamt in Tübingen. 1813 quittierte
er hier den Dienst, um sich auf seine bereits begonnenen universitären
Studien zu konzentrieren.
1816 kritisierte LIST in einem Schreiben an König
WILHELM I. die Lethargie des Schreibinstituts, die zu einer Lähmung
der Nationalkraft führen würde. Er unterbreitete dem König
den Vorschlag, an der Universität Tübingen
eine Staatswissenschaftliche Fakultät
einzurichten. An dieser darauf gegründeten Fakultät
bekam LIST einen Lehrstuhl.
1820 wurde LIST in den Württembergischen Landtag gewählt. Nachdem
er dort im Namen seiner Wähler Beschwerde gegen ungerechte Behandlungen
durch königliche Beamte vortrug, wurde LIST wegen Majestätsbeleidigung
angeklagt. Am 6. April 1822 wurde LIST zu einer zehnmonatigen Festungsstrafe
verurteilt. Er floh zunächst nach Frankreich, um sich der Haft zu
entziehen. 1824 kehrte er freiwillig nach Stuttgart zurück und hoffte,
den König umzustimmen. Da ihm das nicht gelang, verließ er
am 26. April 1825 Deutschland und siedelte sich in New York an.
LISTs weiterer Kampf galt vor allem der Herausbildung
einer modernen wirtschaftlichen Infrastruktur.
Er schlägt ein Netz von Eisenbahnen
und Wasserwegen vor, fordert eine Vereinheitlichung
der Gesetze, Steuer- und Abgabesysteme, um die Entstehung einer nationalen
Volkswirtschaft zu beflügeln. Er entwarf Pläne für
Eisenbahnlinien in Sachsen, Bayern und Württemberg, ebenso Kanalprojekte,
u.a. den Rhein-Donau-Kanal. Seine Vorschläge erfahren zwar allgemeine
Zustimmung, aber finanzielle Mittel zur Umsetzung erhält er nicht.
Das Vermögen LISTs war durch die Pleite seiner
amerikanischen Bank verloren, sodass er private Mittel für die Erfüllung
seiner Ideen nicht einsetzen konnte. Im Gegenteil, er hatte finanzielle
Probleme, um seine Familie zu versorgen. Aus diesem Grund ging er auf
den Rat seines Stuttgarter Verlegers COTTA (ein Freund von GOETHE und
SCHILLER) ein, ein mehrbändiges Standardwerk zur modernen Handels-, Manufaktur- und Volkswirtschaftslehre herauszugeben.
Viele Veröffentlichungen in Zeitschriften, Denkschriften, Büchern,
seine Reden und Vorlesungen sammelte und ordnete er und gab schließlich
den 1. Band des "Nationalen Systems der Politischen Ökonomie"
heraus. Von sechs ursprünglich geplanten Bänden blieb es nur
bei diesem einen. Dieser aber hatte durchschlagenden Erfolg.
Mit seinem Buch hat LIST den Grundstein gelegt für eine Dynamisierung der Wirtschaftstheorie. Vor allem die praktische Anwendung und Verbindung mit anderen Wissenschaften wie Geschichte, Soziologie und Rechts- und Staatswissenschaft führten zu einer starken Verbreitung des Werkes. Größtes Ansehen erfuhr er außerhalb Deutschlands. So bezeichnet ihn JOHN KENNETH GALBRAITH (amerikanischer Nationalökonom und Diplomat, *15.10.1908) als den bedeutendsten Weltökonom. LIST schreibt:
"Wirtschaft, das lehrt doch bloßer Augenschein, das ist für Menschen wie Gesellschaften ein permanent ablaufender Prozeß der Lebenserhaltung und -vorsorge, der überhaupt nicht von seinem Umfeld getrennt werden kann: Natur, Technik, Staat, Gesetze und Regeln. Die Smithsche Marktwirtschaft ist in all das eingebettet, davon abhängig; denn nirgendwo haben Arbeitsamkeit und Sparsamkeit, Erfindungs- und Unternehmergeist der Individuen Bedeutendes hervorgebracht, wo sie nicht durch bürgerliche Freiheit, die öffentlichen Institutionen und Gesetze, durch die Staatsadministrationen und durch die äußere Politik, vor allem aber durch die Einheit und Macht der Nation unterstützt gewesen sind."
In Deutschland blieb LIST lange verkannt und missverstanden.
Seine Schutzzollidee, die die wirtschaftliche
Kraft der einzelnen Länder stärken sollte, wurde z. B. zum Schließen
statt Öffnen der Märkte angewandt als Rechtfertigung für
Besitzstandswahrung.
LIST war in Deutschland Außenseiter, hatte immer Schwierigkeiten
bei der Vergabe finanzieller Mittel und Anstellungen. Er scheiterte mit
seinem Versuch, das englische System der Industrialisierung und der Schutzzölle in Deutschland einzuführen.
In den USA, Belgien, Frankreich und Ungarn aber erfuhr LIST ungeteilte
Zustimmung und Bewunderung.
LISTs Gesundheitszustand war stark zerrüttet, sodass er zur Erholung
nach Italien wollte. Auf der Durchreise traf er am 26. November 1846 in
Kufstein ein. Finanzielle Sorgen, Depressionen, Lebensüberdruss,
ständige Kopfschmerzen führten zu seinem Selbstmord.
LISTS Leiche wurde am 3. Dezember auf einer Anhöhe der Stadt Kufstein
gefunden. In der Hand hielt er die Pistole, mit der er sich erschossen
hatte. Auf dem Kufsteiner Friedhof wurde er beerdigt.
In mehreren Orten stehen heute Denkmale von FRIEDRICH LIST. So wurde eines 1863 vor der Tübinger Universität
errichtet, eines 1906 in Kufstein. 1932 wird eine Büste in Realing,
Pennsylvania, aufgestellt. Auch in Leipzig steht ein Denkmal von LIST.
Viele Schulen und Lehranstalten tragen LISTS Namen.
| 1789 | Beginn der Französischen Revolution |
| 1789 | 6. August Daniel Friedrich List geboren |
| 1790 | ADAM SMITH in Edinburgh gestorben (16.7.) |
| 1795 | erste Pferdeeisenbahn in England |
| 1796 | Einführung der Pockenschutzimpfung |
| 1804 | Proklamation BONAPARTES zum Kaiser NAPOLEON I. |
| 1804 | RICHARD TREVITHICK baut in South Wales die erste arbeitsfähige Dampflokomotive der Welt, war aber nicht erfolgreich |
| 1807 | Aufhebung der Leibeigenschaft in Preußen |
| 1809 | CHARLES DARWIN geboren (12.2.) |
| 1813 | Preußische Kriegserklärung an Frankreich (16. März) |
| 1813 | Völkerschlacht bei Leipzig |
| 1814 | Abdankung NAPOLEONs |
| 1814 | erste erfolgreiche Dampflokomotive von STEPHENSON |
| 1818 | Heirat von F. LIST mit KAROLINE SEYBOLD |
| 1818 | KARL MARX geboren (5.5.) |
| 1819 | Erstes Dampfschiff von USA nach Europa (26 Tage) |
| 1820 | FRIEDRICH ENGELS geboren (28.11.) |
| 1825 | Erster Dampfeisenbahnverkehr in England |
| 1825 | LIST verlässt mit seiner Familie Deutschland Richtung New York |
| 1826 | J. RESSEL entwickelt die Schiffsschraube |
| 1828 | Gründung des Süddeutschen Zollvereins zwischen Bayern und Württemberg |
| 1829-1837 | JACKSON Präsident der USA; Aufschwung des liberalen Kapitalismus |
| 1832 | Rückkehr LISTs nach Deutschland als US-Konsul, zunächst in Baden |
| 1834 | in Leipzig |
| 1835 | erste deutsche Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth |
| 1837 | Eröffnung der Eisenbahnlinie Leipzig-Dresden |
| 1838 | Eisenbahnlinie Berlin-Potsdam |
| 1839 | in Deutschland wird die erste Lokomotive gebaut |
| 1846 | am 30. November begeht FRIEDRICH LIST Selbstmord |
| 1870-1880 | Höhepunkt des Eisenbahnbaus in Deutschland |