

Auch wenn der Erkenntnisprozess der Menschen über ihre Vergangenheit niemals abgeschlossen sein wird und es immer eine Meinungsvielfalt über den Geschichtsverlauf geben wird, kann die Geschichtswissenschaft doch einige gesicherte Grundaussagen über wesentliche Merkmale des Geschichtsprozesses treffen.
Merkmale des Geschichtsprozesses
1. Geschichtlichkeit
der Existenz und des Wirkens der Generationen
Die Menschen stehen in der Geschichte als in einem fortlaufenden Entwicklungsprozess
der menschlichen Gesellschaft. - Es sei denn, die Menschheit bringt sich
durch künftige Kriege mit dem Einsatz immer effektiverer Waffen oder
durch den verantwortungslosen Umgang mit ihrer natürlichen Umwelt
einmal selbst um.
Alles, was die Menschen früher getan haben, ist heute Geschichte und
alles, was sie heute tun, wird einmal Geschichte sein. Die Menschen
sind stets ein Glied in der Kette
der Generationen von Beginn ihrer Existenz an bis in ihre ferne, nicht
überschaubare Zukunft.
Die heutigen gesellschaftlichen Existenz- und Wirkungsbedingungen der
Menschen sind das Ergebnis der geschichtsbildenden und geschichtsgestaltenden
Tätigkeit früherer Generationen. Die gegenwärtige Generation
schafft mit ihren Leistungen - aber auch mit ihren Fehlleistungen - das
Bedingungsgefüge für die Aktivitäten der nach ihnen kommenden
Jahrgänge. Das Wissen um die historische Bedingtheit menschlicher
Existenz (Geschichtsbewusstsein) und
die darin eingeschlossene Erkenntnis über den Zusammenhang zwischen
dem Wirken der Generationen wird den
Menschen hauptsächlich bei großen geschichtlichen Ereignissen
bzw. bei tief greifenden und jähen gesellschaftlichen Veränderungen,
die für das Leben Vieler spürbare Auswirkungen haben (Kriege,
Revolutionen u.a.m.) bewusst.
2. Ständiger Wandel
Jede Generation findet bei ihrem Eintritt in die Geschichte bestimmte
Verhältnisse und Umstände vor, die sie sich nicht aussuchen
kann. Durch ihre Tätigkeit verändern
die Menschen das jeweils Vorgefundene. Dadurch bedingter ständiger
Wandel in allen Bereichen der Gesellschaft ist das
wichtigste Merkmal des Geschichtsprozesses.
- Besonders das vergangene 20. Jahrhundert legte dafür
Zeugnis ab. Vieles, was heute in Wissenschaft
und Technik selbstverständlich ist, schien zu Beginn des vergangenen
Jahrhunderts reine Utopie zu sein - oder es war überhaupt noch nicht
denkbar, wie die Computer- und Gentechnologie zeigen. Den ersten erfolgreichen
Flugversuchen der Brüder Wright mit einem Motorflugzeug im Jahre
1903 folgte, gemessen an den großen Zeiträumen der Menschheitsgeschichte,
verhältnismäßig schnell mit einem Weltraumfahrzeug der
Sprung zum Mond. In der Gegenwart ist die Inspektion des Planeten Mars
sogar schon eine reale Möglichkeit.
- Aber auch in Gesellschaft und
Politik gab es in diesem Jahrhundert tief greifende Wandlungen.
Der ca. 70 Länder erfassende Untergang des Kolonialsystems veränderte
die Welt grundlegend.
Zu den Erfahrungen der Menschheit im
vergangenen Jahrhundert gehören auch zwei furchtbare Weltkriege.
Sie sind durch die Anzahl der beteiligten Staaten, die Zahl der Opfer
an Menschen, den Grad der materiellen Zerstörungen und die Höhe
des Verlustes unersetzlicher Kulturgüter mit den vorhergegangenen
Kriegen nicht vergleichbar. Die Folgen der Atombombenabwürfe auf
die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki mahnen die Menschen
bei Strafe ihres Untergangs zur Überwindung des Krieges als Mittel
der Politik. Und es hat auch seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges viele,
wenn auch territorial begrenzte Kriege gegeben, die etwa 40 Millionen
Menschenleben gekostet haben.
- Schließlich stellen die Veränderungen
in der Arbeitswelt, der Wandel in früher vorwiegend patriarchalisch
strukturierten Familien, überhaupt die Veränderungen in den
gesellschaftlichen Strukturen, die besonders im letzten Drittel des 20.
Jahrhunderts einsetzten, immer höhere
Anforderungen an die Menschen. In der Gegenwart sind das vor allem
die weltweite Globalisierung, in der "alten Welt" die Einführung
des Euro als neues Zahlungsmittel und die weitere Integration Europas.
3. Dynamik des geschichtlichen Wandels
Der geschichtliche Wandel
ist kein glatter, linearer Entwicklungsvorgang, sondern ein widerspruchsvoller
und konfliktreicher Prozess, in dem es Perioden des Fortschritts
und solche des relativen Stillstandes oder gar des Rückschritts gibt.
Einen besonders eindruckvollen Beleg für dieses Wesensmerkmal bietet
die Geschichte des deutschen Volkes
im abgelaufenen Jahrhundert. Zwei große Kriege, Weltkriege, der
Nationalsozialismus mit seinen Verbrechen, die Spaltung Deutschlands,
eine vierzigjährige deutsche Zweistaatlichkeit und dann die Widerherstellung
der staatlichen Einheit waren tief greifende, widerspruchsvolle und konfliktreiche
Ereignisse mit Auswirkungen bis in die Gegenwart. Ihre Aufarbeitung wird
nicht nur Historiker und Politiker noch lange herausfordern. Andererseits
gab es in diesem Zeitraum in der Geschichte des deutschen Volkes international
bedeutsame wissenschaftliche und technische Innovationen, große
kulturelle Leistungen und insgesamt - wenn auch mit Rückschlägen
und Widersprüchen verbunden - die Entwicklung zu einem in der Welt
geachteten, demokratischen Gemeinwesen.
4. Beschleunigung des Tempos der Wandlungen
Ein weiteres wesentliches Merkmal ist die Beschleunigung
des Wandlungsprozesses im Laufe der geschichtlichen Entwicklung.
- Der Übergang beispielsweise von der aneignenden Wirtschafts-
und Lebensform der Menschen in der Alt- und Mittelsteinzeit (nomadisierende
Jäger und Sammler) zur produktiven Wirtschaftsform (sesshafte Kulturen
der Ackerbauer und Viehzüchter) in der Jungsteinzeit umfasste einen
Zeitraum von ca. 6 000 Jahren.
Diese in Anlehnung an den britischen Urgeschichtsforscher VERE GORDON
CHILDE (1892-1957) auch als "neolithische Revolution" bezeichnete
grundlegende Umwälzung erforderte die Kraft von etwa 200 Generationen.
- Mit der Ende des 18. Jahrhunderts einsetzenden ersten
industriellen Revolution vollzog sich der Übergang von der
Agrar- zur Industriegesellschaft in den damals wichtigsten europäischen
Ländern und in Nordamerika. Im Zusammenhang mit der Automatisierung
von Produktionsprozessen und dem Übergang zur Massenproduktion seit
der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts spricht man von einer zweiten
industriellen Revolution. Die darin wurzelnden Veränderungen
in der Produktionstechnik, in der Wirtschaft und Gesellschaft, in den
Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen in einem bisher unbekannten
Ausmaß vollzogen sich bereits in einem Zeitraum von ca.
200 bis 300 Jahren und mussten von 10
bis 15 Generationen bewältigt werden.
- Seit einiger Zeit vollzieht sich hauptsächlich in den
Industriegesellschaften Europas, Nordamerikas, Japans und in einigen anderen
asiatischen Staaten eine dritte wissenschaftlich-technische
Revolution, die sich schnelle ausbreitet. Außer der Nutzung
der Atomenergie stehen hier die neuartigen Informations- und Kommunikationsmittel
(vor allem die sich immer schneller erneuernde Computertechnologie) auf
der Basis der Mikroelektronik und zunehmend auch die Gentechnologie im
Mittelpunkt.
Die neuen Informations- und Kommunikationsmittel sowie -technologien führen
dabei zu Umgestaltungen der materiell-technischen Basis der Produktion,
in der Organisation der menschlichen Arbeit, der Dienstleistungen und
der Freizeitgestaltung in einer völlig neuen Dimension.
Es handelt sich um Veränderungen in allen wichtigen materiell-gegenständlichen
Existenz- und Lebensbedingungen der Menschen und im Zusammenhang damit
auch der gesellschaftlichen Strukturen und Beziehungen. Ihre Verheißungen
und Gefahren werden zunehmend in alle Winkel des Erdballs projiziert und
ihre Auswirkungen betreffen die Menschheit als Ganzes.
Eine Besonderheit
der dritten industriellen Revolution im Verhältnis zu den vorangegangenen
großen Umwälzungen besteht darin, dass die Zeit für ihre
Bewältigung ungleich kürzer
ist. Ihre drängenden, mit der weiteren Existenz der Menschheit zusammenhängenden
wissenschaftlich-technischen, sozialen und geistig-kulturellen Probleme
dulden keinen Aufschub. Sie müssen nach Auffassung vieler Geistes-
und Sozialwissenschaftler im Prinzip in den nächsten
Jahrzehnten, also bereits von 2 bis
3 Generationen bewältigt werden.
Die mit der dritten industriellen Revolution verbundenen neuen
Dimensionen der Entwicklung in Raum
und Zeit werden besonders an folgenden Fragen deutlich:
Aus den Betrachtungen über die fundamentalen Wandlungen in der Geschichte ist zugleich ersichtlich, dass jede Entwicklungsstufe sowohl mit neuen Möglichkeiten für die Entwicklung der Menschen als auch mit neuen Gefährdungen verbunden ist - bis hin zu den existenzbedrohenden Gefahren in der Gegenwart.
Die Menschen - Schöpfer der Geschichte
Die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und geistig-kulturellen Wandlungen
in der Geschichte sind keine Naturereignisse
oder das Ergebnis des Wirkens übernatürlicher bzw. übersinnlicher
Kräfte. Sie werden von den Menschen selbst gemacht. Die Menschen
sind die Schöpfer
der Geschichte und damit auch der gesellschaftlichen Verhältnisse,
unter denen sie leben und wirken. Sie sind damit sowohl die Nutznießer
als auch die Opfer ihrer eigenen geschichtlichen
Aktionen. Dabei ist zu berücksichtigen:
- In ihrem geschichtlichen Handeln verfolgen die Menschen als
Einzelne und in Gruppen stets bestimmte
interessengeleitete Ziele, die meistens nicht
deckungsgleich sind, sich oft sogar widersprechen. Übereinstimmende
Ziele und darauf gerichtete gemeinsame Aktionen größerer Menschengruppen
sind in der Geschichte relativ selten. In der deutschen Geschichte war
das zuletzt Ende der 1980er/ Anfang der 1990er Jahre der Fall, als die
überwältigende Mehrheit des Volkes die staatliche Einheit wollte.
- Es gibt in der Geschichte keine
vorher bestimmten Ziele. Deutungen der Geschichte im Sinne einer
- wie auch immer begründeten - Erwartung eines vorgegebenen Endzustandes,
auf den die Geschichte zusteuert, sind wissenschaftlich nicht vertretbar.
Das trifft vor allem auch auf eschatologische
Vorstellungen (Eschatologie: griechisch, Lehre von den letzten Dingen) von einem neuen oder letzten Zustand der Welt
nach einem Weltgericht zu. Das wird in verschiedenen prophetischen Religionen
mit dem Reich des Messias (Judentum), dem Reich Gottes (Christentum), dem
Paradies (Islam) verkündet. Aber auch in atheistischen
Geschichtsauffassungen gibt es wissenschaftlich nicht begründbare
Erwartungshaltungen an die Geschichte, so die Vorstellung vom Sozialismus
als Ziel und Endzustand der Geschichte in pseudo-theoretischen Vereinfachungen
des Marxismus. Diese dienten entweder der Machtlegitimierung der herrschenden
Parteien im untergegangenen Realsozialismus dienten oder in der Gegenwart
einer Politikrechtfertigung.