
Zur
Lage der Bauern im ausgehenden Mittelalter
Seit der Zeit der Karolinger gab es kaum
noch freie Bauern, die frei von grundherrschaftlichen Bindungen den
eigenen ererbten Grund und Boden bewirtschafteten. Die großen Grundherrschaften
hatten die ehemals freien Bauern nach und nach "aufgesogen". Die
meisten Bauern hatten aus unterschiedlichsten Gründen Besitz
und Freiheit an den Grundherren verloren. Sie lebten und wirtschafteten
als unfreie Hörige auf demselben
Hof, den sie zuvor als Eigentum besessen hatten, und mussten dem Grundherren
dafür Abgaben und Dienste
leisten.
Im ausgehenden Mittelalter war die Lage
der Bauern in den verschiedenen Teilen des Reiches zwar sehr unterschiedlich.
Dennoch hatten die unfreien Hörigen
überall ähnliche Lasten zu ertragen.
Zunächst musste der Grundzins
an den Grundherrn gezahlt werden. Dabei handelte es sich um eine Art Pacht
für den Grund und Boden. Dazu kam noch der Kopfzins,
ein pro Person zu zahlender Betrag. Schon im frühen Mittelalter war
der Zehnt eingeführt worden.
Er bedeutete, dass von allen Erträgen jeweils ein Zehntel an den
Grundherren gehen musste.
Durch Unbilden der Witterung oder durch Schädlingsbefall gab es überdies
häufig Missernten mit sehr geringen
Ernteerträgen. Die Grundherren waren aber an gleichmäßigen
Einkünften interessiert und setzten die Abgaben für das Jahr
schon vor der Ernte fest. Das führte in schlechten Erntejahren viele
Bauern in den Ruin und bedeutet für
sie Hunger, Elend und Tod.
Über die regelmäßigen Abgaben hinaus mussten die Bauern
verschiedene zusätzliche Leistungen
für den Grundherren erbringen. Zu diesen Diensten
und Leistungen gehörten:
Damit jedoch nicht genug.
Hinzu kamen noch Hand- und Spanndienste der verschiedensten Art, die allgemein auch als Frondienste bezeichnet wurden:
Der Frondienst verlangte von den abhängigen Bauern die verschiedensten
Arbeiten: den Wege- und Brückenbau, Einzäunungsarbeiten,
Transportarbeiten, die Anlieferung von Brennholz, das Ausheben von Gräben
oder Ausbesserungsarbeiten an den Gebäuden des Grundherrn usw.
Besonders verhasst war die Jagdfron.
Wann immer der Grundherr eine Jagdgesellschaft eingeladen hatte; die Bauern
mussten dann alles stehen und liegen lassen und tage-, ja sogar wochenlang
für die verschiedensten Handlangerdienste zur Verfügung stehen.
Die Unfreien selbst hatten keine
Jagd- oder Fischereirechte. Daher durften sie auch nicht wilde
Tiere erlegen, die ihnen auf den von ihnen bebauten Feldern die Ernte
zerstörten.
Die Unzufriedenheit der Bauern führte
zu Aufständen
Die elende Lebenssituation der Bauern führte seit dem 14. Jh.
in Verbindung mit Hungersnöten, der Pest und dem Geldverfall in verschiedenen
europäischen Ländern zu Bauernaufständen,
beispielsweise 1321 in Flandern, von 1358 bis 1360 in Frankreich und 1381
in England.
In Deutschland rumorte es seit Ende
des 15. Jh. Um 1524/25 kam es dann vor allem in Süd- Südwest-
und Teilen Mitteldeutschlands zu bedeutenden Erhebungen von geknechteten
Bauern, die als Bauernkrieg in die Geschichte eingegangen sind.
Der Pfeifer von Niklashausen
Ein Vorgeschmack auf die Unruhen des Bauernkrieges
erlebte
die main-fränkische Region im
Jahre 1476.
Hier lebte ein junger Hirte namens HANS
BÖHEIM, der aus Helmstadt, einem Ort zwischen Wertheim und Würzburg,
stammte. Das Jahr seiner Geburt ist nicht bekannt. In die Geschichtsbücher
ist er jedoch als das Pfeiferhänslein
von Niklashausen eingegangen. Das hing damit zusammen, dass der junge
Mann auf bäuerlichen Dorffesten mit Pfeife und Trommel zum Tanz aufspielte.
Eines Nachts erschien BÖHEIM
nach eigenem Bekunden die Jungfrau Maria.
Sie habe ihn, wie er später berichtete, aufgefordert, als Prophet
und Prediger für eine bessere Welt aufzutreten. BÖHEIM kam dieser
Aufforderung nach.
Im kleinen Ort Niklashausen gab es
eine Kapelle, die der Muttergottes geweiht und zum Wallfahrtsort geworden
war. Hier verbrannte BÖHEIM an einem Sonntag im Frühjahr 1476
öffentlich seine Musikinstrumente und berichtete den verdutzten Zuschauern
von seiner Marienerscheinung.
Er sprach auch davon, dass er den Auftrag erhalten hatte, die sündige
Welt zu bekehren.
In den folgenden Wochen erhielt er wachsenden Zulauf, zunächst aus
der näheren Umgebung, später aber auch aus Schwaben, Bayern
und vom Rhein. BÖHEIM prangerte die katastrophalen Lebensumstände
der Bauern und die Missstände in der katholischen Kirche an
und erklärte offen, er wolle ein neues Reich
Gottes auf Erden errichten, ohne Papst und ohne Kaiser.
Er sprach vermutlich vielen Zuhörern aus dem Herzen, wenn er die
bedrückende Lage der Bauern beklagte, auf die Verderbtheit von Geistlichen
aufmerksam machte und dazu aufforderte, den irdischen Verlockungen abzuschwören.
Zu seinen Forderungen zählten
auch die Abschaffung der Abgaben und Frondienste, eine gerechte Aufteilung
des Grundbesitzes sowie Jagd und Fischereirechte für alle.
An manchen Tagen sollen mehrere zehntausend Gläubige nach Niklashausen
gepilgert sein, um das Pfeiferhänslein zu hören.
Die Antwort der Obrigkeit - Tod auf dem Scheiterhaufen
Die große Resonanz, die BÖHEIM bei den Armen fand, ging den
Herrschenden dieser Gegend, dem Fürstbischof
von Würzburg und dem Grafen von Wertheim, bald entschieden
zu weit. Der Fürstbischof
entsandte im Sommer 1476 eine kleine Abteilung von bewaffneten Reitern
nach Niklashausen. Die nahmen BÖHEIM fest und inhaftierten ihn in
Würzburg auf der Marienburg.
Schon am folgenden Tag machten sich weit über 10 000 seiner
Anhänger auf den Weg in die Bischofsstadt, um ihren Propheten zu
befreien. Das war angesichts ihrer kärglichen Bewaffnung und der
hohen starken Mauern der Marienburg allerdings nur eine Wunschvorstellung.
So wurde HANS BÖHEIM ohne Prozess
vom Fürstbischof zum Ketzer
erklärt auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Nicht einmal der Widerruf seiner Lehren hatte ihn vor dem Tod bewahren
können.
Trotz Verbots wallfahrteten immer wieder gläubige Anhänger
des Pfeiferhänsleins nach Niklashausen. Deshalb ließ der Fürstbischof
aufs Äußerste erbost im Januar 1477 die Marienkapelle
niederreißen. Die Ideen von BÖHEIM konnte er damit aber nicht
auslöschen. Das Aufbegehren der Bauern im Bauernkrieg
der Jahre 1524/25 machte auch um die main-fränkische Region keinen
Bogen, und bereits im Jahre 1529 wurde in Niklashausen die Reformation
durchgeführt.
In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat man im Alten
Rathaus von Niklashausen eine Pfeiferstube
und ein kleines Heimatmuseum eingerichtet.