
PETER
I. - selbsternannt
In vielen Fällen der Weltgeschichte, vor allem der von Herrschern, stand am Anfang nicht die erst später
bemühte oder konstruierte Legalität, sondern ein Anspruch, der
sich aus den Gegebenheiten entwickelt hatte. Es kam "bloß"
darauf an, den Anspruch durchzusetzen. Manchmal mithilfe von Fälschungen.
Die in Fälschungen beanspruchten Privilegien wurden schließlich legal, wenn sie durchgekämpft waren und die
Gegenseite sie anerkannt und bestätigt hatte. Dann waren, nach mittelalterlichen
Vorstellungen, die "Geburtsfehler" gefälschter
Urkunden geheilt. War das Ziel erreicht, ließ man den Weg dorthin
gerne in Vergessenheit geraten. Da machten auch Könige und Kaiser keine
Ausnahme.
Das gilt übrigens nicht nur fürs Mittelalter. Im Herbst des Jahres
1721 wurde der Wiener Hof Kaiser KARLS VI. mit der Nachricht konfrontiert,
dass PETER I., Zar von Moskowien, sich zum Kaiser erhoben hatte. PETER, der ja immer mit dem Kopf durch die
Wand ging und auf niemanden Rücksicht nahm, nannte sich seit dem 22.
Oktober 1721 "Kaiser aller Reußen", "Imperator",
"Vater des Vaterlandes" und obendrein noch "der Große".
Nicht nur in Wien schlug die Nachricht von PETERS Selbsterhebung wie eine Bombe ein. Ganz Europa war überrascht. Das unterentwickelte
Russland, das bis dahin Moskowien hieß und dessen Hauptstadt Moskau
so weit entfernt war, dass man von ihr im Westen kaum eine Vorstellung hatte,
erhob plötzlich den Anspruch, eine
europäische Großmacht zu sein.
Die Hauptstadt sollte nun nicht mehr Moskau sein, sondern Petersburg,
die Stadt am Finnischen Meerbusen, die PETER zu diesem neuen Zweck angelegt
hatte.
PETER griff seine Ansprüche nicht
völlig aus der Luft. Er fühlte sich als Erbe
der oströmischen Kaiser. 1472, nach dem Untergang des Oströmischen
Reiches infolge Eroberung Konstantinopels durch die Türken, hatte IWAN
den Zarentitel und das oströmische Staatssiegel übernommen und
war mit einer Nichte des letzten Kaisers von Konstantinopel verheiratet. Darauf gründete PETER seinen Anspruch.
In Wien aber entschloss man sich, PETERS
überraschend proklamierten Kaisertitel nicht anzuerkennen. Auch Versailles
erkannte ihn nicht an, ebenso wenig England
und Spanien. Aber PETER "der Große"
ließ sich nicht verunsichern: Irgendwann würde sich die politische
Konstellation ändern, und dann würde sie mit der Anerkennung schon
kommen, einer nach dem anderen.
Einer kam schon jetzt: FRIEDRICH
WILHELM VON PREUSSEN, der Soldatenkönig. Er erkannte
PETERS Kaisertum ohne Zögern an. FRIEDRICH WILHELM wollte es mit Russland nicht verderben. Zudem gönnte
er dem Wiener gewissermaßen einen Konkurrenten. Vielleicht spielte
bei seinem Verhalten auch noch etwas anderes eine Rolle: die Erinnerung
daran, dass es mit seiner eigenen Krone ja auch nicht so recht zuging.