

Das
Krisenjahr 1923
Das Jahr 1923 war das Krisenjahr der
jungen Weimarer Republik. Im Laufe dieses Jahres stieg die Inflation,
d. h. die Entwertung der Mark, in schwindelerregende Höhen. Die
Geldentwertung war schon im Vorjahr auf
einem hohen Niveau, so musste man im Juli 1922 für einen US-Dollar
etwa 490 Mark bezahlen. Anfang 1923 musste man bereits knapp 18 000 Mark
für einen Dollar bezahlen, im August 4 620 500 Mark
und im Oktober die unvorstellbare Summe von 4 200 000 000 000 Mark,
das sind 4,2 Billionen Mark für einen einzigen Dollar.
Das brachte natürlich enorme Probleme mit sich. Denn kaum wurde
einem Arbeiter das Gehalt ausgezahlt, war es schon fast nichts mehr wert,
sodass er sich nicht einmal das Nötigste zum Leben kaufen konnte.
Leute, die Schulden hatten, waren
jetzt in der glücklichen Lage, alle ihre Schulden auf einen Schlag
zurückzahlen zu können, da der Reichsbankpräsident angeordnet
hatte, dass gilt: "Mark ist gleich Mark".
Gläubiger hingegen verloren plötzlich ihr ganzes Vermögen,
und so erging es auch den Sparern und Rentnern. Viele Menschen wurden
bettelarm und mussten von der staatlichen Wohlfahrt
leben. Hunger war ein ständiger Begleiter.
Die Reichen wurden dagegen noch reicher, denn sie kauften dem Mittelstand
für lächerlich geringe Beträge Grundbesitz und andere Sachwerte
ab und sorgten so für die Verarmung eines großen Teils der Mittelschicht. Der Großindustrielle HUGO STINNES kaufte sich auf diese
Weise während der Inflation ein riesiges Imperium an Bergwerken,
Stahlwerken, Banken, Zeitungen und Hotels zusammen. Nach der Inflation
brach dieses "Herzogtum Stinnes" allerdings wieder zusammen.
Ursachen der Inflation
Die Gründe für die Inflation sind teilweise schon in den Kriegsjahren zu suchen. Das Kaiserreich hatte den Krieg durch Kredite und Anleihen finanziert, die
allmählich zurückgezahlt werden mussten. Darüber hinaus
musste das Reich nach Kriegsende riesige Ausgaben für die Demobilisierung der Wehrmacht verkraften und ein Heer von Arbeitslosen und Flüchtlingen
mit Sozialleistungen unterstützen.
Außerdem hatten 1923 die Franzosen im Rahmen ihrer Politik der
"produktiven Pfänder" das Ruhrgebiet besetzt. Deutschland sollte mit diesem Pfand gezwungen werden, seinen
Entschädigungszahlungen nachzukommen, die im Versailler
Vertrag festgelegt worden waren. Die deutsche Regierung hatte als
Reaktion zum Streik und passiven
Widerstand gegen die französische
Besatzung aufgerufen und musste nun die Streikenden finanziell
unterstützen. Der sogenannte "Ruhrkampf" verschlang Unsummen
und musste deshalb im September 1923 von den Deutschen abgebrochen werden.
Um das alles bezahlen zu können, griff die Reichsregierung zu einem
Trick. Sie ließ einfach mehr Geldscheine drucken und erhöhte
damit die im Umlauf befindliche Geldmenge. Aber je mehr Geld im Umlauf war, desto weniger war es wert, d. h.
man konnte sich weniger dafür kaufen. Wer nur irgendwie konnte, kaufte
für sein Geld Sachwerte, zum Beispiel Immobilien.
Das Ende der Inflation
Im November 1923 hatte sich die Inflation totgelaufen, es wurde nun als
Hilfswährung die sogenannte Rentenmark
zum gesetzlichen Zahlungsmittel. Die
Rentenmark wurde mit Hypotheken auf
den deutschen Grundbesitz, die Industrie und die Banken abgesichert. Eine
Rentenmark hatte den Gegenwert von einer Billion Papiermark. Auf dieser
Grundlage konnte sich die Wirtschaft
wieder erholen, die Preise sanken, und es gab auch wieder mehr Waren.
Allerdings hatten viele Menschen durch die Inflation ihr gesamtes Hab
und Gut verloren. Sie waren von der Politik der demokratischen Parteien
enttäuscht und wurden langfristig zum Wählerpotenzial
für die extremen Parteien. 1924
wurde die Rentenmark durch die bis 1948 gültige Reichsmark
ersetzt.
Der Dawesplan
Die Inflation des Jahres 1923 machte den alliierten Siegermächten
deutlich, dass Deutschland wirtschaftlich
völlig zerrüttet war und
seinen Verpflichtungen zur Zahlung der Reparationen
nicht mehr nachkommen konnte. In Frankreich wurde außerdem im Mai
1924 eine neue Regierung gewählt, die sich an einer Verständigung
mit dem Deutschen Reich interessiert zeigte.
Neuregelung der Reparationen
Ein Gutachten einer Sachverständigenkommission
unter der Leitung des amerikanischen Wirtschaftsexperten und Bankiers
CHARLES DAWES machte den Vorschlag, die Zahlung der Reparationen neu zu
regeln. Zwar nannte der sogenannte Dawesplan
keine endgültige Reparationssumme,
aber er begrenzte die jährlich von Deutschland zu zahlenden Raten.
Im ersten Jahr sollte Deutschland eine Milliarde Goldmark bezahlen, dann
stiegen die Ratenzahlungen, um im fünften Jahr die Summe von 2,5
Milliarden Goldmark zu erreichen. Der Plan sah außerdem einen sogenannten Wohlstandsindex vor, d. h.,
Deutschland sollte noch mehr Geld aufbringen, wenn die Wirtschaftslage
dies erlauben würde. Dieser Fall trat aber nie ein.
Da die Übertragung (Transfer) der deutschen Wiedergutmachungszahlungen
in ausländische Währungen Probleme verursachen konnte, wurde
ein Reparationsagent in Berlin eingesetzt.
Er sollte die deutschen Zahlungen überwachen und dafür sorgen,
dass die deutsche Wirtschaft nicht gefährdet wurde (Transferschutz).
Zusätzlich erhielt Deutschland eine Anleihe
in Höhe von 800 Mio. Mark, um damit seine erste Rate bezahlen zu
können.
Folgen des Dawesplans
Der Dawesplan hatte positive Auswirkungen
für die Weimarer Republik, denn die Wirtschaft
konnte sich nun stabilisieren. Überdies begann sich das deutsch-französische
Verhältnis zu entspannen, Frankreich versprach, das Ruhrgebiet innerhalb
eines Jahres zu räumen. Ferner wurde der Abschluss eines deutsch-französischen
Handelsvertrages angebahnt.
Zu den Nachteilen des Plans gehörte,
dass die endgültige Reparationssumme nicht festgelegt worden war
und dass die deutsche Verschuldung
im Ausland erheblich anstieg.
Der Dawesplan wurde am 28. August 1924 vom Reichstag angenommen und trat
am 1. September 1924 in Kraft. Er wurde erst 1930 durch den sogenannten
Youngplan ersetzt.