
Eine besondere Gruppe unter der Bevölkerung in den mittelalterlichen Städten
bildeten die Juden.
Seit der Zeit der
Karolinger etwa ab dem 8. Jh. standen die Juden unter dem besonderen Rechtsschutz
des Königs und seit dem 13. Jh. unter
dem Schutz der fürstlichen Landesherren.
Dieser Schutz bedeutete, dass die Juden gegen die Zahlung bestimmter Abgaben nach
ihren Glaubensüberzeugungen und nach ihrem eigenen Recht in den Städten
leben durften. Aus dieser Zeit wird berichtet, dass vor allem jüdische
Fernhändler, in deren Händen sich der gesamte Fernhandel mit dem
Orient befand, in manchen Städten hohes
Ansehen genossen. Da sie den Städten Nutzen brachten, wurden den jüdischen
Gemeinden, beispielsweise in Worms und Speyer, die vollen Freiheiten, sogar Wehrrechte
und -pflichten, und das Recht auf einen eigenen Friedhof gewährt.
Die
großzügige Behandlung der Juden traf jedoch nicht auf alle Städte
zu. So verwies Mainz viele der 2000 jüdischen
Einwohner im Jahre 1012 aus der Stadt. Es war die erste Judenvertreibung in Deutschland,
gewissermaßen der Auftakt der Diskriminierung
der Juden im Deutschland des Hochmittelalters.
Die katholische Kirche und die Judenverfolgung
Die Kirche trat bereits im Hochmittelalter, d. h. seit Mitte des 11. Jh., für
die strenge Isolierung der Juden von der christlichen
Bevölkerung der Städte ein. So wurden ihnen in den Städten bestimmte
Wohnviertel, sogenannte Gettos, zugewiesen.
Der Stadtrat von Frankfurt am Main siedelte alle Juden z. B. einfach in die "Judengasse"
um.Die eigentliche Judenverfolgung
in Deutschland begann jedoch unter Papst INNOZENZ III. Das von ihm einberufene
4. Laterankonzil von 1215 schrieb den
Juden zunächst eine sichtbare Ausgrenzung vor. Es zwang sie zum Tragen des
Judenhutes und des gelben
Flecks auf der Brust. Christen wurde generell untersagt, mit Juden in Tischgemeinschaft
zu leben oder als Dienstboten für sie zu arbeiten.
Das Kirchenkonzil
schloss die Juden außerdem von Handwerk und Gewerbe aus. Die Zünfte
ließen seitdem keine Juden mehr als Mitglieder zu, weshalb es im mittelalterlichen
Deutschland auch keine jüdischen Handwerker
mehr gab. Die Juden waren darauf angewiesen, ihren Lebensunterhalt durch Geldgeschäfte,
vor allem durch Geldverleih gegen
Faustpfänder und Zinsen, zu bestreiten. Dieser Beruf war den Christen verboten,
weil diese aus Glaubensgründen für verliehenes Geld keine Zinsen nehmen
durften.
Der Berufsstand des Geldverleihers
verstärkte noch die Ausgrenzung und die Aversionen der Stadtbevölkerung
gegen die Juden:
Während die Kirche Reichtümer anhäufte, verarmte
die Bevölkerung und der niedere Ritteradel. Sie waren gezwungen, bei jüdischen
Geldverleihern gegen hohe Zinsen, den sogenannten "Wucher",
Geldschulden zu machen. Konnten die Schulden nicht fristgerecht beglichen werden,
drohte der Schuldturm. Dadurch richtete sich
der Volkszorn ganz allgemein gegen die Juden.
Dass die jüdischen Pfandleiher gewaltige Steuersummen an Kaiser, Fürsten
und Städte abführen mussten, blieb den meisten Nichtjuden verborgen.
Der Volkszorn wurde durch die Kirche noch angeheizt: So nannte der Franziskanermönch
BERTHOLD VON REGENSBURG, ein damals sehr bekannter Volksredner, die Juden von
der Kanzel herunter Räuber und Diebe, die wie Heiden und Ketzer dem Teufel
verfallen seien. Auch das rechts abgebildete Relief am Naumburger
Dom (um 1250) zeigt mit der Auszahlung der dreißig Silberlinge an
Judas ein zentrales Motiv des christlichen Judenhasses.
Verleumdung und Mord
Die durch die Verteufelung
der Juden durch die Kirche ausgelösten Aversionen in der Bevölkerung
entluden sich von Zeit zu Zeit in furchtbaren, als Judenpogrome
bezeichneten Verfolgungen und Vertreibungen. Nicht selten durch Verleumdung ausgelöst,
waren solche Pogrome mit Mord und Totschlag verbunden.
So wurden in den
Städten Gerüchte über
Kindesmorde durch Juden in Umlauf gebracht. Die Juden würden die kleinen
Kinder töten, um deren Blut für ihr ungesäuertes Brot (Mazze) zu
verwenden.
Der volkstümliche Aberglaube unterstellte
ihnen außerdem den Hostienfrevel.
Juden würden Hostien, die den Christen heiligen, den Leib Christi symbolisierenden
Abendmahlbrote, mit dem Messer durchbohren und dadurch schänden. Das galt
nach dem rituellen Mord als das schlimmste Verbrechen. Die Bekämpfung solcher "jüdischen Teufeleien" gehörte
deshalb im Selbstverständnis vieler Christen zu den vornehmlichsten Aufgaben
eines guten Christenmenschen.
Im Jahre 1298 verbreitete ein
verarmter Ritter namens RINTFLEISCH im fränkischen Röttlingen das Gerücht
des Hostienfrevels. Gott, so behauptete er, habe ihn zur Vernichtung der Juden
berufen. Der Ritter erhielt bald Zulauf und zog mit einer Meute aus Kriminellen
und Totschlägern durch die schwäbischen Judengemeinden. Tausende unschuldige
Juden und Jüdinnen fielen diesem Pogrom zum Opfer.
Im
Jahre 1336 rotteten sich abermals Raubgesindel, Stadtpöbel, verarmte Bauern
und Ritter zusammen. Sie gaben sich den Namen "Judenschläger" und
trugen als Zeichen ihrer Mitgliedschaft einen Lederlappen um den Arm. Ihrer Willkür
fielen wiederum tausende Juden in deutschen Städten zum Opfer.
1347
bis 1352 brach die Große Pest über Deutschland herein und dezimierte die Bevölkerung. Da die eigentlichen
Ursachen der Pest den Menschen verborgen blieben, hatte man die Schuldigen für diese "Strafe Gottes" schnell gefunden: die Juden.
Man
warf ihnen vor, die Brunnen vergiftet und dadurch die Pest hervorgerufen zu haben.
Dank der Reinheitsvorschriften ihres Glaubens lebten die Juden in besseren hygienischen
Verhältnissen und waren eher von der Pest verschont worden. Vor allem Letzteres
wurde nun zur Begründung der Anschuldigung herangezogen.
Auf der Folter wurden von Einzelnen Geständnisse erpresst, die dann
in vielen Städten als Auftakt zu neuerlichem Massenmord genutzt wurden. Etwa
350 jüdische Gemeinden im Rheinland, in Thüringen, Bayern und Österreich
fielen in der Zeit der Großen Pest und danach der Judenverfolgung zum Opfer.