Entrechtung, Gettoisierung, Vernichtung
Der
Prozess der nationalsozialistischen Judenverfolgung
verlief von der schrittweisen Entrechtung,
über die Ausgrenzung und Gettoisierung
bis zur physischen Vernichtung. Für die
überwiegende Mehrheit der deutschen Juden waren Mitte der 30er-Jahre allerdings
weder die Entwicklung noch das Ausmaß des Antisemitismus vorauszuahnen.
Die deutschen Juden verstanden sich fast ausnahmslos
als deutsche Staatsbürger und integraler
Bestandteil der Gesellschaft. Sie hatten gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil
von unter 1 % überproportional viele Soldaten im Ersten Weltkrieg gestellt
und waren im sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Leben der
Weimarer Republik fest verankert. Durch eine Reihe diskriminierender
Gesetze und antisemitischer Aktionen
wurden sie nun von den Nationalsozialisten immer weiter ausgegrenzt. Den Anfang
machte am 7. April 1933 das Gesetz zur "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums",
das die Juden aus dem Staatsdienst ausschloss. Mit den Nürnberger Gesetzen
verloren die deutschen Juden u. a. das Staatsbürgerrecht. Eine Vielzahl
weiterer Gesetze und antisemitischer Aktionen machte die Situation der deutschen
Juden immer unerträglicher.
Dennoch entschloss sich, abgesehen von einer
ersten Auswanderungswelle 1933,
nur eine geringe Zahl von ihnen zur Emigration. In den 30er-Jahren blieb die Zahl
der jüdischen Auswanderer relativ konstant bei etwa 23 000 Menschen
pro Jahr. Die größte jüdische Interessenvertretung, der "Centralverein
deutscher Juden", wie auch die jüdischen Wohlfahrtsorganisationen
waren bestrebt, das Leid der Juden in Deutschland zu mildern. Bereits 1933 entstand
unter dem Vorsitz von LEO BAECK eine Dachorganisation - die "Reichsvertretung
der deutschen Juden". Sie versuchte vergeblich, Einfluss auf die nationalsozialistische
Politik zu nehmen und deren judenfeindliche Ausrichtung abzuschwächen. Als
sich Ende 1935 immer deutlicher abzeichnete, dass die nationalsozialistische Politik
die Vertreibung der deutschen Juden beabsichtigte, widmete sich die "Reichsvertretung"
verstärkt den Fragen der Auswanderung. Im Juli 1939 verlor die "Reichsvertretung"
den Rest an Eigenständigkeit und wurde als "Reichsvereinigung der Juden
in Deutschland" der nationalsozialistischen Sicherheitspolizei (dem von REINHARD
HEYDRICH geleiteten "Reichssicherheitshauptamt") unterstellt.
Emigration
Eine Emigration kam für die Mehrheit
der deutschen Juden lange Zeit nicht in Frage, da sie den Verlust der oftmals
über Generationen in Deutschland aufgebauten Existenz bedeutet hätte.
Deshalb versuchten sie, trotz der eskalierenden Judenfeindschaft, der fortschreitenden
Entrechtung und Pogrome, in Deutschland durchzuhalten. Die Auswanderung wurde
zudem durch mehrere Faktoren erschwert.
Von der Jahreswende 1938/39
bis zum Verbot der Auswanderung aus Deutschland
im Oktober 1941 gelang etwa 150 000 deutschen
Juden die Ausreise. Die SS, der kurz nach der Reichspogromnacht die Judenpolitik
übertragen wurde, drängte - gegen den Widerstand von NSDAP und
Auswärtigem Amt - auf die Vertreibung der Juden. Dazu wurden verschiedene
Pläne entworfen. Anfang 1940 kursierte der Plan, einen halbautonomen Judenstaat
in der Gegend von Lublin im annektierten Polen ("Generalgouvernement")
einzurichten. Im Sommer 1940 wurde die Ansiedlung der deutschen Juden in Madagaskar
erwogen.
Doch mit den Vorbereitungen des Angriffs auf die Sowjetunion erwiesen sich
diese politisch sowieso nicht realisierbaren Pläne als Makulatur. Die nationalsozialistische
Politik gegen die Juden steuerte stattdessen auf deren Vernichtung zu. Vorbereitende Maßnahmen für den Völkermord an den europäischen
Juden bestanden in der von ADOLF EICHMANN organisierten Deportation deutscher Juden in das "Generalgouvernement" und der Einrichtung von Gettos. Das erste und neben dem Warschauer
auch größte Getto wurde in
Lodz errichtet und in der Nacht zum 1. Mai 1940 komplett abgeriegelt.
Im Herbst 1940 wurde auch das Warschauer Getto durch eine Mauer gänzlich von der Stadt isoliert. Im April 1941 entstand
das Getto in Lublin. Die Verwaltung der Gettos
oblag den von den Nationalsozialisten eingesetzten "Judenräten".
Sie waren in ihren Entscheidungen jedoch vollständig abhängig von den
nationalsozialistischen Regionalbehörden. Gleiches galt für die noch
im Deutschen Reich existierenden jüdischen Organisationen. Die nationalsozialistischen
Behörden instrumentalisierten die jüdischen Verbände wie etwa die
"Reichsvereinigung", um Daten und Statistiken über die jüdische
Bevölkerung zu erhalten und um ihre Anordnungen weiterzuleiten und durchzuführen.
Auf diese perfide Weise machten die Nationalsozialisten jüdische Institutionen
zu Erfüllungsgehilfen ihrer Vernichtungspolitik.
Jüdischer
Widerstand
Die erzwungene Kooperation mit den deutschen Dienststellen
hat Überlebende der Shoah und Historiker wie RAUL HILBERG und HANNAH AHRENDT
zum bitteren Urteil bewogen, die Juden hätten sich widerstandslos in ihre
Vernichtung gefügt. Doch gab es - trotz ständiger Lebensgefahr
- beeindruckende Zeugnisse jüdischen Widerstands.
Ein erstes Fanal setzte am 7. November 1938 in Paris HERSCHEL GRYNSPAN (dessen Vater
deportiert worden war), mit seinem Attentat auf den deutschen Diplomaten VOM RATH.
Dieses Attentat nahmen das nationalsozialistische Regime zum Anlass für die
Reichspogromnacht vom 9./10. November.
In Berlin hatte sich 1938/39 um HERBERT
BAUM eine jüdische Widerstandsgruppe gebildet. Die Mitglieder
dieser "Gruppe
Baum" entstammten dem jüdischen
Mittelstand, waren überwiegend Facharbeiter mit sozialistischer
oder kommunistischer Gesinnung. Die Gruppe warb unter jüdischen
Zwangsarbeitern für den Kampf gegen das nationalsozialistische
System und war vor allem in den Siemens-Werken stark vertreten. Insgesamt
umfasste die Gruppe etwa 70 Mitglieder.
Zusammen mit einer weiteren Gruppe um WERNER STEINBRINK unternahm sie
am 18. Mai 1942 einen Anschlag auf die Ausstellung
"Sowjetparadies" im Berliner Lustgarten. Mit dieser
Ausstellung wollte das nationalsozialistische Regime nach der erfolgreichen
sowjetischen Winteroffensive (Dezember 1941 bis März 1942) den
Hass der deutschen Bevölkerung auf die Sowjetunion anstacheln.
Nach der Durchführung dieser von einem Spitzel an die GESTAPO verratenen
Aktion, wurden fünf Widerständler verhaftet, gefoltert und
schließlich zum Tode verurteilt. Für jeden der fünf
Verhafteten dieser Widerstandsgruppen wurden zudem 100 völlig unbeteiligte
Juden aufgegriffen und ins KZ Sachsenhausen verbracht, wo man 250 von
ihnen noch am selben Tag erschoss.
Weniger bekannt als die "Gruppe Baum" ist die in Luckenwalde
bei Berlin operierende "Gemeinschaft für Frieden und Aufbau", die im
September 1943 gegründet wurde. Sie engagierte sich vor allem für
untergetauchte Juden, denen sie Verstecke, Lebensmittel und Papiere
beschaffte. Weiterhin suchte sie Kontakt zu Kriegsgefangenen. Sechs
ihrer Mitglieder wurden in Konzentrationslagern ermordet.
Ein dritter Widerstandkreis war der "Chug
Chaluzi" ("Pionierkreis"), der in der Tradition
der zionistischen Jugendbewegung stand. Seine Mitglieder konzipierten
Fluchtrouten für Juden und kümmerten sich um das Überleben
jüdischer Kinder und Jugendlicher im Berliner Untergrund.
Neben diesen Widerstandsaktionen und der Beteiligung von Juden an
den Partisanen- und Résistancegruppen in den vom nationalsozialistischen
Deutschland besetzten Ländern (u. a. Serbien, Frankreich),
darf auch der stille
Widerstand nicht unterschlagen werden. So versuchten Juden trotz
drohender Todesstrafe ihre Tradition und Kultur im Geheimen fortzuführen.
In die Konzentrations- und Vernichtungslager deportierte Juden schmuggelten
Botschaften nach draußen, um andere vor der drohenden Ermordung
zu warnen.
Auch das Verhalten
der von SS und deutschen Behörden kontrollierten "Judenräte"
reichte von willfähriger Befolgung der Anordnungen bis zum Widerstand. So
zwang in Lodz der jüdische Getto-Vorsteher CHAIM RUMKOWSKI sämtliche
Bewohner, in die Züge nach Auschwitz zu steigen. Dagegen regte sich im Getto
von Wilna (Litauen) Widerstand. Eine Partisanenbewegung von mehreren hundert
Kämpfern wurde gegründet, die die anderen Getto-Insassen vergeblich
zum bewaffneten Kampf aufforderte und schließlich durch die Kanalisation
aus dem Getto in die Wälder floh, um sich anderen Partisanenverbänden
anzuschließen. Nach Aufständen in
den Vernichtungslagern Sobibor und Treblinka im Oktober 1943 ordnete HEINRICH HIMMLER die Ermordung aller noch im Raum Lublin
verbliebener Juden an.
Den bekanntesten und massivsten jüdischen Widerstand leisteten
die Insassen des Warschauer
Gettos. Nachdem der größte
Teil der bis zu 500 000 Gettobewohner bereits in das Vernichtungslager
Treblinka deportiert worden waren, organisierten die verbliebenen, zur
Zwangsarbeit benötigten Insassen - insgesamt etwa 50 000 -
den bewaffneten Widerstand. Als die endgültige Räumung des
Gettos bevorstand, brach am 19. April 1943 der Kampf gegen SS- und Wehrmachtseinheiten aus. Die Gettobewohner kämpften
mit dem Mut der Verzweiflung und zwangen die SS, täglich mehr Verstärkung
und schwerere Waffen herbeizurufen. Drei Wochen dauerte die ungleiche
Schlacht, bis der Kommandeur der deutschen Einheiten, SS-Polizeigeneral
JÜRGEN STROOP, nach Berlin melden konnte:
"Das ehemalige jüdische Wohnvietel Warschau besteht nicht mehr. ... Gesamtzahl der erfassten und nachweislich vernichteten Juden beträgt insgesamt 56 065."
Am Ende blieb vom Warschauer Getto nur ein rauchendes Trümmerfeld. Die Waffen der Täter hatten gesiegt - wie bei allen anderen Aufständen in den Gettos und Lagern, in Sobibor oder Treblinka. Doch die Botschaft der Opfer, sich nicht wie "Lämmer zur Schlachtbank" führen zu lassen, hat überdauert.