


Preußen
im Scheine seiner Gegner
Seinen Gegnern erschien Preußen
von jeher als ein Land der Unfreiheit.
Was seine Freunde Tugend, Tüchtigkeit, unbestechlichen Dienst am Staat
nannten, war für sie die präzise Maschinerie, die nicht eine Spur
von Lässigkeit erlaubt und in ihrer Vollendung ohne
jede Menschlichkeit ist.
GOTTHOLD EPHRAIM LESSING, zur Zeit des "Soldatenkönigs" Sekretär
des preußischen Generals TAUENTZIEN, schrieb in einem Brief an seinen
Freund, den in Berlin lebenden Schriftsteller FRIEDRICH NICOLAI, die vielgerühmte
berlinische Freiheit, zu reden und zu schreiben, beschränke sich nur
darauf,
"gegen die Religion soviel Sottisen (Stichelein, freche Bemerkungen) zu Markte zu bringen, als man will; lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es jetzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht: und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land von Europa ist".Bei genauerem Hinsehen waren in Preußens Alltag viele "menschliche, ja fast schon allzumenschliche Züge" zu entdecken. Zum Beispiel die Käuflichkeit und Bestechlichkeit höchster preußischer Beamter.
Preußens Beamte
Preußens Beamte wären zu allen Zeiten unbestechlich gewesen
und hätten immer nur ihre Pflicht
dem Staat im Auge gehabt, gilt als Mythos,
der in der ganzen Welt verbreitet wurde. Für die Zeit des
Soldatenkönigs traf das keineswegs zu. An seinem Hof waren alle käuflich,
auch und ganz besonders der Erste Minister, FRIEDRICH
WILHELM V. GRUMBKOW,
der Vertraute des Königs. Mit einunddreißig Jahren war er General
und mit fünfunddreißig Minister geworden. Regelmäßig
ließ er sich vom französischen
Hof Bestechungsgelder
zahlen. Als der Österreicher und zugleich kaiserlicher Gesandte GRAF
VON SECKENDORFF, das und dazu auch die Höhe der Summe herausfand,
überredete er KAISER KARL VI., die Bestechungsbeträge aus
Versailles zu überbieten.
GRUMBKOW und durch ihn der preußische König sollte für
Wien eingenommen, GRUMBKOW direkt für Wien angestellt werden. Und
tatsächlich ließ GRUMBKOW sich von Wien kaufen. Gegen Geld
lieferte er dem GRAFEN SECKENDORFF diplomatische Korrespondenzen seines
Königs aus und unterrichtete ihn, wie SECKENDORFF es wollte, über
alle Vorgänge des königlichen Familienlebens. Dies geschah nun
nicht etwa nur bei gelegentlichen Unterhaltungen, sondern ganz ausdrücklich,
sehr oft in schriftlicher Form, wozu eine Art Code
entwickelt wurde, in dem der König als "Jupiter" und die
Königin als "Olympia" figurierten.
Was Preußens Erster Minister damals tat, würde man heute als
Agententätigkeit bezeichnen. Vor
allem würde man es auch bestrafen. Im 18. Jh. am Hofe des Soldatenkönigs,
nahm man es hin. Diese Art von Diplomatie
und Spionage war damals nichts durchaus
Ungewöhnliches. GRUMBKOW trieb es nur besonders schlimm, weil er
besonders abgefeimt war; "sein ganzer Charakter
ist ein Gewebe von Lastern", schrieb FRIEDRICHS Schwester
PRINZESSIN WILHELMINE. Der sächsische Gesandte meldete:
"Er ist ein Gemisch von Bosheit, Verleumdungssucht, Niedertracht, Lüge und Unverschämtheit."
Aber bestochen waren sämtliche preußischen Minister. Sie
alle ließen sich von fremden Mächten Jahresrenten
zahlen. Auch viele kleinere Beamte und Angestellte bei Hofe waren bestochen.
GRAF SECKENDORFF bezahlte zum Beispiel auch den königlichen Schlosskastellan,
mit dem FRIEDRICH WILHELM oft über seine Pläne und Sorgen sprach.
Auch Madame RAMEN, die vertrauteste Kammerfrau der Königin, war von
SECKENDORFF gekauft. Sogar der preußische Gesandte in London, REICHENBACH,
wurde von Österreich bezahlt.
Dass seine Minister und viele Hofbeamte
von anderen Regierungen Geld nahmen, wusste der König übrigens.
Wenn ihm ein Bericht eines Ministers zu parteilich, zu sehr gekauft erschien,
schrieb er quer darüber: "Ihr liebt die
Guineen zu sehr!" (Guinee
= englische Goldmünze) Weiter ging seine Entrüstung nicht. Offenbar
war er überzeugt, sich von seinen Ministern ohnehin nicht beeinflussen
zu lassen. Da sie von fremden Mächten bezahlt wurden, erlaubte er
es sich, ihre Gehälter sehr kurz zu halten.
Kronprinz FRIEDRICH vom Wiener Hof
bestochen
Was der König sicherlich nicht wusste war, dass auch sein ältester
Sohn, Kronprinz FRIEDRICH, vom Wiener Hof Geld nahm, und gar nicht so
wenig. Zunächst waren es nur sogenannte Kredite,
die SECKENDORFF ihm gewährte.
Aber dann kam der alte PRINZ
EUGEN VON SAVOYEN, der ruhmreiche Feldherr, der in Österreich
zeitweise auch Staatskanzler, Kriegs- und Außenminister war auf
den Gedanken, FRIEDRICH "eine Pension auszuwerfen". Nicht aus
reiner Freundlichkeit, sondern um den Prinzen für Wien und die Wiener
Politik günstig zu stimmen.
In diesem Fall deckte sich die Wiener
Politik mit den Plänen FRIEDRICH WILHELMS. Das heißt, König
FRIEDRICH WILHELM meinte, es seien seine Pläne; in Wirklichkeit waren
es die Pläne des PRINZEN EUGEN, die SECKENDORFF dem Preußenkönig
geschickt eingeredet hatte. Es ging um die Verbindung
des preußischen Kronprinzen mit
PRINZESSIN ELISABETH
CHRISTINE VON
BRAUNSCHWEIG-BEVERN.
FRIEDRICH WILHELM war mit der Heirat
einverstanden, während die Königin eine Verbindung mit England
anstrebte. FRIEDRICH WILHELM aber fürchtete einen zu starken englischen
Einfluss. Auch Wien war gegen eine solche Verbindung zwischen Preußen
und England. Es befürchtete ebenfalls eine Verstärkung des englischen
Einflusses auf die innerdeutsche Politik, zumal Großbritannien
seit 1714 in Personalunion mit Hannover verbunden war. Deswegen setzte
Wien alles daran, die Pläne der preußischen Königin, die
sogar eine preußisch-englische Doppelhochzeit vorsahen, zu vereiteln
und durch eigene zu ersetzen.
Dem PRINZEN EUGEN kam es darauf an, den künftigen König von
Preußen mit einer Prinzessin aus einem den Habsburgern
gefügigen Fürstenhaus verheiratet zu wissen. Und die zu der
Zeit fünfzehn Jahre alte ELISABETH VON BRAUNSCHWEIG-BEVERN, eine
Nichte der Kaiserin, schien ihm dafür geeignet. Innerhalb der preußischen
Königsfamilie kam es zu heftigen Szenen, über die man in Wien
genauestens unterrichtet wurde. Der neunzehnjährige FRIEDRICH erklärte
sich unter dem Zureden des Vaters schließlich mit der Heirat
einverstanden.
Nach seinem Fluchtversuch
ein Jahr zuvor, der für seinen Freund
KATTE mit einem Todesurteil
und für ihn selber mit einer kurzen Festungshaft und dann mit der
Stellung eines Rats in Küstrin geendet hatte, war FRIEDRICH entschlossen,
sich seinem Vater gefügiger zu zeigen. Doch lag darin viel Verstellung.
Auch bei der Zusage zu dieser Heirat. Denn an Minister GRUMBKOW schrieb
er ganz anders:
"Ich werde sie niemals nehmen ... Mag kommen, was will, ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich bin für ein Vergehen, dessen Bedeutung man übertrieben hat, genug gestraft worden und will mich nicht dazu verpflichten, auch noch ein Unglück für künftige Zeiten auf mich zu nehmen. Für mich gibt es nur einen Ausweg, ein Pistolenschuss kann mich von meinen Leiden und vom Leben befreien. Ich glaube, der liebe Gott würde mich dafür nicht verdammen, sondern Erbarmen mit mir haben und mir zum Entgelt für ein elendes Leben die Seligkeit gewähren. So weit kann die Verzweiflung einen jungen Menschen hinreißen, dessen Blut noch nicht so abgekühlt ist wie das eines Siebzigjährigen."
GRUMBKOW teilte das natürlich
sofort dem österreichischen Gesandten mit, der seinerseits Wien von
diesem alarmierenden Brief in Kenntnis setzte. PRINZ EUGEN fürchtete,
es könne im letzten Augenblick noch alles schief gehen. Da kam er
auf den Einfall, FRIEDRICH die Freude am Leben zurückzugeben, indem
man ihn erst einmal mit Geld versorgte.
Geld konnte FRIEDRICH gut brauchen. Er hatte nämlich, was man in
Wien sehr genau wusste, nicht beträchtliche
Schulden. Schon als Fünfzehnjähriger stand er bei einem
Berliner Bankier mit siebentausend Talern in der Schuld. Diese beachtliche
Summe hatte der junge FRIEDRICH vor allem für Bücher verbraucht.
Insgeheim besaß er damals in Berlin eine Bibliothek von nahezu viertausend Bänden. Aber auch für teure Zivilkleidung hatte er eine Menge ausgegeben. Er zog sie heimlich an, weil er die Uniform,
den "Sterbekittel", wie er sie nannte, hasste. Jene siebentausend
Taler Schulden waren zwar inzwischen beglichen worden - der König,
dem die Sache bekannt geworden war, hatte sie bezahlt, zum Teil aus dem
Erlös der Bibliothek, die er verkaufte; aber FRIEDRICH hatte längst
neue gemacht.
GRAF SECKENDORFF vermutete richtig, als er dem Prinzen schrieb:
"Da ich befürchte, daß man während des Aufenthalt in Küstrin nicht umhin konnte, etliche Schulden zu machen, wird es durchaus notwendig sein, dieselben zu zahlen, bevor der König von ihrer Existenz erfährt ..."
Wien bot dem jungen FRIEDRICH eine Jahrespension von 2500 Dukaten. FRIEDRICH nahm den Vorschlag an. Doch musste man vorsichtig
sein, denn viele Leute in der Umgebung des Kronprinzen spionierten für
den König. Natürlich sollte FRIEDRICH WILHELM nicht wissen,
dass sein ältester Sohn von Wien bezahlt wurde. Deswegen schlug SECKENDORFF
dem Kronprinzen vor, mit dem Geld aus Wien nicht alle Schulden auf einmal
zu begleichen, sondern "Monat für Monat einen Teil derselben".
Seinen Freunden und Gläubigem sollte FRIEDRICH erzählen, er habe von seinem Gehalt Ersparnisse
zurückgelegt. So ließ sich das "Heiratsgeschäft"
für beide Seiten gut an. Übrigens erhielt auch FRIEDRICHS Schwester WILHELMINE Geldgeschenke aus Wien,
damit sie ihren Bruder entsprechend beeinflusse. FRIEDRICH schrieb nichts
mehr von Selbstmord und auch nichts mehr gegen seine Zukünftige.
Statt dessen brachte er sein Entzücken über die "Bücher"
zum Ausdruck, die SECKENDORFF ihm geschickt; er sei so begeistert, dass
er sie "wieder und wieder lesen" möchte. Gemeint waren
keineswegs Bücher, sondern die Dukaten. Als FRIEDRICH schrieb: "Ich sende lhnen
in einem Kuvert das Lied, um das Sie mich baten", meinte er
damit die von SECKENDORFF geforderte Quittung? Während er versprach,
dem Kaiser stets seine "Anhänglichkeit und
hohe Verehrung" zu bezeigen, gab er zugleich unumwunden zu,
schon wieder "auf dem trockenen" zu sitzen.
PRINZ EUGEN konnte also mit der Angelegenheit zufrieden sein. Alles lief
wie geplant. Aber dann sah PRINZ EUGEN sich plötzlich veranlasst,
seine Pläne ganz und gar auf den Kopf zu stellen. Aufgrund einer
neuen europäischen Konstellation, bei der Österreich sich England näherte, war man in Wien gerade an dem interessiert, was man lange
Jahre mit soviel Aufwand vereitelt hatte: an einer Verbindung FRIEDRICHS
mit einer englischen Prinzessin. PRINZ EUGEN versprach Preußens
Erstem Minister ein Gut im Wert von vierzigtausend Talern, falls es ihm
gelänge, seinen König umzustimmen. GRUMBKOW hielt das für
unmöglich und wollte mit der Sache nichts mehr zu tun haben.
Österreich greift wieder
in die Hochzeitspläne ein - vergebens
Aber der Prinz gab nicht auf. Noch am Tage vor FRIEDRICHS
Hochzeit zwang er den GRAFEN SECKENDORFF, zum König zu gehen,
um ihm den grotesken Vorschlag zu unterbreiten, nicht FRIEDRICH und ELISABETH
CHRISTINE heiraten zu lassen, sondern da ja nun schon sämtliche Hochzeitsgäste
und Familienmitglieder versammelt waren - an ihrer Stelle FRIEDRICHS
Schwester CHARLOTTE und ELISABETH CHRISTINES Bruder KARL, die allerdings
schon so gut wie verlobt waren. FRIEDRICH WILHELM ging darauf nicht ein.
Am nächsten Tag, dem 12. Juni 1733, schlossen der 21jährige
Kronprinz von Preußen und die 17 Jahre alte Prinzessin ELISABETH
CHRISTINE VON BRAUNSCHWEIG-BEVERN die Ehe, die ohne alles Glück blieb.
Auch den Österreichern hat diese Ehe nichts eingebracht. Denn da
FRIEDRICH seine Frau überhaupt nicht beachtete, ja gar nicht mit
ihr lebte - sie hat nicht ein einziges Mal Schloss Sanssouci betreten
dürfen -, hatte sie auch keinerlei
Einfluss auf seine Politik. So ist die Rechnung des PRINZEN EUGEN
nicht aufgegangen. Doch hat EUGEN FRIEDRICHS Kriege
gegen Österreich nicht mehr erlebt. Er war schon fast siebzig
Jahre alt, als die von ihm erst angeregte, dann bekämpfte, aber gewissermaßen
bezahlte Ehe zustande kam.