






Die
"Goldenen Zwanziger" - Kunst und Kultur
So bedrückend und grau die politische Kultur der Zwanzigerjahre auch war, Kunst und Kultur dieser Epoche präsentierten
sich glanzvoll und experimentierfreudig. Nicht umsonst sind diese Jahre
als die "Goldenen Zwanziger" in der Erinnerung lebendig geblieben.
Dabei waren diese Jahre nur für einen kleinen, relativ wohlhabenden
Personenkreis wirklich "golden". Große Teile der Bevölkerung
lebten in ärmlichen Verhältnissen und mussten sich um ein ausreichendes
Auskommen sorgen. Mit der 1929 eintretenden Weltwirtschaftskrise endete die Partystimmung sehr plötzlich, und die Themen in Kunst und
Kultur wurden zunehmend politisch und
beschrieben die Not und das soziale Elend der Bevölkerung.
Kunst
Prägend für die Kunst
der Nachkriegszeit waren die avantgardistischen
Stilrichtungen, z. B. Expressionismus, Dadaismus und Surrealismus.
Ihre Vertreter, etwa MAX ERNST oder PAUL KLEE, fanden beim Publikum großen
Anklang, weil sie als Protest einer
jungen Generation gegen Selbstentfremdung und den Verlust der Humanität verstanden wurden. Andere Maler wie OTTO DIX, MAX BECKMANN oder GEORG
GROSZ schufen - beeinflusst von der Massenkultur und den neuen technischen
Medien Film und Hörfunk - Gemälde, die ein nüchternes Bild
von der Bewältigung des Alltags malten. Sie prägten mit ihrer "neuen
Sachlichkeit" besonders die
zweite Hälfte der Zwanzigerjahre. In der Bildhauerei waren die expressionistischen
Plastiken von ERNST BARLACH und KÄTHE KOLLWITZ prägend.
Architektur und Design
Auch in Architektur und Design
fand die "neue Sachlichkeit"
Eingang und drückte sich durch einfache gerade Formen aus, die Schönheit
und Funktionalität miteinander
verbanden. Stilprägend wurde hier die von WALTER GROPIUS 1919 in
Weimar gegründete Hochschule für Gestaltung, das sogenannte
"Bauhaus", in dem Maler und
Designer wie WASSILY KANDINSKY, PAUL KLEE, MARCEL BREUER, MARIANNE BRANDT
und später LUDWIG MIES VAN DER ROHE lehrten und arbeiteten. Auch
der Komponist PAUL HINDEMITH hielt hier Gastvorlesungen. Im Bauhaus sollten
Architektur, Malerei, Design und handwerkliche Kunst zusammengeführt
werden. 1925 musste das Bauhaus nach Dessau,
der Hauptstadt des Landes Anhalt, umziehen, weil die bürgerliche
Regierung in Thüringen dem Projekt die staatliche
Unterstützung entzogen hatte.
Theater
Mit der Errichtung der demokratischen Weimarer Republik fanden auch die Zensur und das Kunstdiktat des Kaiserreichs
ein Ende. Viele Theaterintendanten, -regisseure und Dramaturgen stellten
ihr Schaffen in den Dienst einer politischen
Idee, so begeisterten sich etwa ERNST TOLLER, ERWIN PISCATOR und
BERTOLT BRECHT für sozialistische Ideale und verpackten diese in gesellschaftskritische
Theaterstücke - besonders
BRECHTS (Text) und KURT WEILLS (Musik) "Dreigroschenoper" wurde
in der ganzen Republik gefeiert. Prägend für die vielfältige
und lebendige Theaterszene der Republik waren vor allem die Berliner Bühnen
und Regisseure wie MAX REINHARDT und LEOPOLD JESSNER, die sehr experimentell arbeiteten und auch expressionistische Elemente in die Aufführungen einbrachten. Ab Mitte der Zwanzigerjahre
hielt der neusachliche Stil auch im
Theater Einzug, z. B. mit der antimilitaristischen Tragikomödie
"Der Hauptmann von Köpenick" von CARL ZUCKMAYER.
Kino
Die neuen künstlerischen Ausdrucksformen fanden auch Eingang in den
zeitgenössischen Kinofilm. Richtungsweisend wurden die Stummfilme von WILHELM MURNAU (Nosferatu - Symphonie des Grauens, 1922) und
FRITZ LANG (Dr. Mabuse, 1922, Metropolis, 1926). Sie schufen neue Bilderwelten
im Film, indem sie die Formensprache des Expressionismus übernahmen. Kulissen wurden zum Beispiel perspektivisch verzerrt
gebaut, um beim Publikum eine unwirkliche und bedrückende Atmosphäre
zu erzeugen. Die Kostüm-,
Revue- und Lustspielfilme der Zeit erreichten ein Massenpublikum,
denn 1930 existierten in Deutschland rund 5 000 Kinos und bereits
1925 wurden täglich fast 2 Millionen Kinokarten verkauft. Nach den
Studios in Hollywood wurde die Universum Film
AG (Ufa) die zweitgrößte Filmproduktionsgesellschaft
der Welt. Der erste große deutsche Tonfilm "Der blaue Engel"
verhalf MARLENE DIETRICH zu Weltruhm. Alle Gattungen des Kinofilms, die
auch heute noch gebräuchlich sind, also z. B. Horror-, Abenteuer-,
Science-Fiction- oder Spionagefilme, entstanden in den Zwanzigerjahren.
Literatur und Journalismus
Auch die deutsche Literatur der Zwanzigerjahre erreichte Weltniveau. THOMAS MANN machte 1924 mit dem "Zauberberg" Furore und erhielt
1929 den Nobelpreis für Literatur. Auch der "Steppenwolf"
von HERMANN HESSE und ERICH MARIA REMARQUES "Im Westen nichts Neues"
wurden weltweit gelesen. Die Liste der bedeutenden
Autoren dieser Epoche ist lang, FRANZ KAFKA, ARNOLD ZWEIG, ANNA
SEGHERS, JOSEPH ROTH und ERICH KÄSTNER gehören ebenso dazu wie
HANS FALLADA, ÖDÖN VON HORVÁTH, LION FEUCHTWANGER, ALFRED
DÖBLIN sowie HEINRICH und KLAUS MANN. ERNST JÜNGER ("In
Stahlgewittern") und OSWALD SPENGLER ("Der Untergang des Abendlandes")
verfassten ebenfalls in dieser Zeit ihre kulturpessimistischen und antidemokratischen
Schriften, die bei den Nationalsozialisten starke Beachtung fanden.
Die Journalisten EGON ERWIN
KISCH ("Der rasende Reporter"), KURT TUCHOLSKY (Zeitung "Die
Weltbühne") und CARL VON OSSIETZKY ("Die Weltbühne")
schrieben packende und anspruchsvolle Reportagen zu sozialen und politischen Themen. Die Presse nahm eine Spitzenposition
unter den Medien ein. 1928 erschienen
über 3 350 verschiedene Tageszeitungen, heutzutage gibt es in Deutschland "nur" etwa 360 Tageszeitungen.
Sport
Auch in sportlicher Hinsicht tat sich in der Weimarer Republik so einiges. Autorennen zählten zu den populärsten Sportveranstaltungen, die Rennen auf der 1921 bei Berlin fertiggestellten Automobil-Verkehrs-
und Übungsstraße (Avus) zogen Massen von Besuchern an. 1926 wurde dort der erste Große Preis
von Deutschland ausgetragen. Die Fahrer stellten mit den bis zu 240 Stundenkilometern
schnellen Rennwagen der Firmen Mercedes-Benz, Bugatti, Alfa Romeo Geschwindigkeitsrekorde
auf und wurden umjubelte Stars. Fußballspiele verloren allmählich ihren Ruch als Volksbelustigung der Arbeiterklasse
und lockten an den Wochenenden Hunderttausende in die Stadien. Radrennen und Boxkämpfe zogen ebenfalls
die Zuschauer in Scharen an - die Boxkämpfe MAX SCHMELINGS konnten
Millionen von Zuschauern im Radio verfolgen.
Rundfunk
Das Radio begann sich seit Mitte
der Zwanzigerjahre als Massenmedium durchzusetzen. Am 29. Oktober 1923 wurde um 20 Uhr die erste öffentliche
Rundfunksendung in Deutschland aus dem Berliner Vox-Haus ausgestrahlt.
Schon 1924 gab es dann zahlreiche Rundfunkanstalten, die 1925 in einer Dachorganisation, der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft,
zusammengefasst wurden. Die Zahl der Rundfunkempfänger erhöhte sich von 1924 bis 1932 rasant, von etwa 10000 auf rund 4
Millionen Geräte. Im Radio war vor allem Unterhaltungsmusik zu hören, wie beispielsweise die Schlager der Comedian
Harmonists oder die Chansons der Schauspielerin und Sängerin
CLAIRE WALDOFF. Ein Drittel der Sendezeit entfiel jedoch auf Wortbeiträge,
also Nachrichtensendungen, Reportagen, Vorträge, Hörspiele und
Dichterlesungen.
Musik und Tanz
Neben dem Radio waren auch Tanzveranstaltungen
äußerst beliebt. Getanzt wurden in den zahlreichen Tanzlokalen
vor allem die amerikanischen Modetänze
"Shimmy" und "Charleston" zu den Jazzklängen
von DUKE ELLINGTONS "Chocolate Kiddies" oder JOSEPHINE BAKERS "Charleston Bigband" und zahlreicher anderer Bands. Zum Charleston
trugen die Herren Anzüge und die Damen Kleider, die bis zum Knie
herunterreichten und die mit glitzernden Pailletten und bunten Glasperlen
verziert waren. Die französische Tänzerin und Sängerin
JOSEPHINE BAKER gastierte 1927 in Berlin und rief mit ihren "wilden"
Tänzen und ihrer "leichten" Bekleidung - sie trug
einen Rock aus Bananen - große Aufregung hervor.
Auch in der ernsten Musik
wurden neue Wege beschritten. Die Komponisten PAUL HINDEMITH und ARNOLD
SCHÖNBERG experimentierten mit neuen Tonsprachen. Bei HINDEMITH hielt
die antiromantische und nüchterne "neue Sachlichkeit" Einzug,
SCHÖNBERG entwickelte darüber hinaus die sogenannte Zwölftontechnik,
welche die Grenzen der Tonalität sprengt und daher für Laien
schwierig zu hören ist. Die Musik von RICHARD STRAUSS bewegte sich
dagegen noch in der klassisch-romantischen
Tradition und brachte sie zu einem Abschluss.
Schattenseiten
Während man sich während des Kaiserreichs noch sehr zugeknöpft
gegeben hatte, gab man sich jetzt in den Großstädten frivolen
Vergnügungen hin. In kleinen Zirkeln, Cabarets
und großen Revuen wurden Nacktvorstellungen
gegeben, und die Prostitution blühte,
verursacht freilich durch die große Armut vieler Menschen. Auch
der Konsum von Drogen wie Kokain, Opium
und Haschisch war in Szenekreisen weitverbreitet, da Drogen nicht gesetzlich
verboten waren und die verheerenden Auswirkungen
des Drogenkonsums nicht zur Kenntnis genommen wurden.
Emanzipation der Frau
Die Emanzipation der Frau
machte in den Zwanzigerjahren ebenfalls Fortschritte. Mit der Weimarer
Republik war das Wahlrecht auch für
Frauen eingeführt worden, und die Anonymität der Großstädte
erlaubte es den Frauen, neue Lebensmodelle
auszuprobieren. Die sich etablierende sexuelle
Freizügigkeit ermöglichte den Frauen, öffentlich
über ihre Bedürfnisse und Wünsche zu diskutieren und zu
schreiben. Die Schriftstellerin VICKI BAUM ("Menschen im Hotel")
beschrieb die "neue Frau"
als selbstbewusst und den Männern privat wie beruflich ebenbürtig.
Arbeiterkultur
In den Zwanzigerjahren war auch die traditionelle Arbeiterkultur
noch lebendig, aber der klassische Lebensweg eines sozialistischen Arbeiters,
der von der Sozialdemokratie von der Wiege bis zur Bahre versorgt und
betreut wurde, war nicht mehr die Regel. Arbeiterlieder,
Arbeitertheater, Arbeiterliteratur und -zeitungen dienten jetzt
nicht mehr nur zu Bildungs- und Propagandazwecken, sondern wurden vor
allem in der Endphase der Weimarer Republik zu Kampfmitteln
gegen das rechtsnationalistische Lager eingesetzt, das mit den gleichen
Mitteln agierte.
Gleichschaltung unter dem Nationalsozialismus
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten
1933 endete auch die kulturelle und künstlerische Vielfalt der Weimarer
Republik. Viele Künstler wurden verfolgt
und ihre Werke verbrannt oder verboten, wenn sie von den Nationalsozialisten
für "entartet" gehalten wurden. Wie alle anderen Bereiche
des gesellschaftlichen und politischen Lebens wurde auch der Kunstbetrieb
in der NS-Zeit gleichgeschaltet.