BARTOLOMÉ DE LAS CASAS
Der
Spanier FRAY BARTOLOMÉ
DE LAS CASAS wurde 1474 als Sohn
eines Adligen geboren. Sein Vater begleitete CHRISTOPH KOLUMBUS auf dessen erster
oder zweiter Reise über den Atlantik nach Amerika.
LAS CASAS diente
acht Jahre lang als Kolonialoffizier in spanischen Diensten in Amerika. Seine
Anwesenheit auf der Antilleninsel Hispaniola ist seit 1502 verbürgt. Im Jahre
1511 wurde LAS CASAS in der Inselhauptstadt Santo Domingo zum Priester geweiht.
LAS CASAS bereiste viele spanische Kolonialbesitzungen Lateinamerikas, lernte
dabei über ein Dutzend Indianerdialekte und wurde so zu einem gesuchten Dolmetscher.
Während seiner Reisen erlebte er Gräueltaten
der spanischen Eroberer oder erfuhr von ihnen aus zeitgenössischen Berichten.
LAS CASAS verurteilte das. Er begann bald, als Priester seine Stimme gegen
die Verbrechen der Konquistadoren zu erheben und für eine menschliche
Behandlung der Indianer einzutreten. Wegen seines Engagements wird er auch als
der "Apostel der Indianer"
bezeichnet. Da er vieles schriftlich festhielt, wurde er zu einem der Chronisten
der spanischen Eroberungen in Lateinamerika. Folgen wir einigen Berichten von
LA CASAS.
Völkermord
Die
spanische Eroberung großer Teile vor allem Mittel- und Südamerikas
glich einem Völkermord, dem
wahrscheinlich bis zu 20 Millionen Menschen
zum Opfer fielen. Dieser Völkermord wütete besonders vom heutigen Mexiko
über die Halbinsel Yucatán und das heutige Guatemala bis in die peruanische
Andenregion.
Im Jahre 1517 betraten erstmals
Spanier unter Führung von HERNÁN CORTÉS mexikanischen Boden.
"Bei Gelegenheit dieser Entdeckung", so schrieb LAS CASAS, "ward den Indianern von denen, welche es entdeckten, großes Ärgernis gegeben; auch wurden von ihnen verschiedene Mordtaten begangen." (S. 39)
"Grausamkeit
und Blutvergießen, Menschenmord und Verheerung, Entvölkerung, Raub,
Gewalttätigkeit und Tyrannei ..." geschahen so häufig und "... auf eine so unerhörte Art", dass
sie alles von LAS CASAS bisher schon auf Hispaniola Gesehene in den Schatten stellten.
Schwert und Lanze - oder der Scheiterhaufen - richteten über indianisches
Leben. Dabei spielte es keine Rolle, "... ob Mann oder
Weib, jung oder alt".
Die spanischen Eroberungen, schrieb LAS
CASAS weiter, waren
"... nichts anderes, als gewaltsame Einfälle grausamer Wütriche, unvereinbar mit dem Gesetz Gottes und verboten ... auch nach allen menschlichen Gesetzen. Wirklichen Christen dagegen", so urteilte LAS CASAS, "hätten die indianischen Ureinwohner ... Freude und Vergnügen gemacht." (S. 40)
LAS CASAS kennzeichnete auch die Hintergründe der Verbrechen, indem er hervorhob
"daß der Vorwand, unter welchem die Spanier alle die unschuldigen Menschen ermordeten, und Länder entvölkerten ... darin bestand, daß man von ihnen verlangte, sie sollten kommen, sich unterwerfen und dem Könige von Spanien huldigen; wo nicht, so werde man sie ermorden und zu Sklaven machen. Diejenigen, welche nun nicht gleich herbeieilten, diese unvernünftige und närrische Forderung zu erfüllen und sich den Händen so ruchloser, grausamer und viehischer Menschen anzuvertrauen, die nannten sie Rebellen und Aufrührer, welche sich dem Dienste Seiner Majestät entziehen wollten." (S. 47)
Unterwerfung der Maya
FRANCISCO HERNÁN DE CÓRDOBA landete 1517 auf
der Halbinsel Yucatán und traf dort als erster auf die Hochkultur
der Maya.
| Die Maya waren Träger der am höchsten entwickelten Kultur Amerikas vor KOLUMBUS. |
Sie
verfügten über eine eigene Bilderschrift.
CÓRDOBA war auf der Suche
nach indianischen Sklaven für seine Güter auf Kuba. Das war notwendig,
weil auf Kuba die einheimischen Indianer unter Peitsche und Schwert der Spanier
schnell dahinstarben.
Die Hauptrolle bei der rücksichtslosen Eroberung
des Landes der Maya übernahm allerdings FRANCISCO
DE MONTEJO.
HERNÁN CORTÉS, der Eroberer Mexikos und der
aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán, schickte im Jahre 1519 seinen Mitstreiter
MONTEJO von Mexiko nach Spanien. In Spanien sollte dieser dem König, wie
es gesetzlich festgelegt war, ein Fünftel dessen übergeben, was die
Eroberung des Aztekenlandes den Spaniern bis zu diesem Zeitpunkt bereits eingebracht
hatte. Der spanische König KARL V. musste zufrieden gewesen sein mit dem,
was seine Männer in Neu-Spanien zusammengeraubt hatten. Denn DE MONTEJO bekam
von ihm 1527 das Recht verliehen, das Land der Maya zu erobern. Im Unterschied
zu CORTÉS in Mexiko und später zu FRANCISCO PIZARRO im Reich der Inka,
fand DE MONTEJO allerdings auf Yucatán kein Gold. Die Mayastädte mit
ihren Palästen, Tempeln und steinernen Statuen waren ihm keinen Pfifferling
wert, ganz zu schweigen von der Kunst der Maya. Er entvölkerte die blühenden
Städte, indem er ihre Bewohner an die Spanier auf Kuba und Hispaniola als
Sklaven verkaufte.
In einem Bericht von BARTOLOMÉ DE LAS CASAS lesen wir über das Wirken des FRANCISCO DE MONTEJO als Gouverneur von Yucatán:
"Dieser Barbar fing damit an, dass er die guten schuldlosen Leute, die friedlich in ihren Wohnungen lebten und niemand das geringste zuwider taten, mit dreihundert Mann, die er bei sich hatte, auf die grausamste Art bekriegte, und eine große Anzahl von ihnen ermorden ließ. Da dies Land kein Gold enthielt, - denn hätte er nur ein Stückchen Gold darin gefunden, so würde er sie in die Bergwerke geschickt haben, wo sie ohnedies umgekommen wären - so beschloss er, diese Menschen ... mit Leib und Seele in Gold zu verwandeln. Er machte demnach diejenigen, welche er nicht umbrachte, samt und sonders zu Sklaven; und da überall, wo man Sklaven witterte, eine Menge Schiffe bei der Hand waren, so ließ er dieselben schwer genug mit Menschen beladen, verhandelte sie gegen Wein, Öl, Weinessig, Speck, Kleidungsstücke, Pferde, kurz gegen alles, was entweder er oder seine Gefährten vonnöten hatten, und verfuhr hierbei nach Gutdünken. Er ließ jedem freie Wahl, unter fünfzig bis hundert Mädchen sich dasjenige auszusuchen, das ihm am besten gefiel, und nahm dann eine Arrobe Wein, Öl, Essig, oder auch wohl eine Speckseite dafür. Um denselben Preis war ein hübscher Bursche zu haben, der unter zwei- bis dreihundert andern ausgesucht ward ... Es ereignete sich unter andern, dass man einen jungen Menschen, der eines Fürsten Sohn zu sein schien, um einen Käse weggab, hundert andere Personen aber gegen ein Pferd vertauschte (S. 63) ... Die Spanier suchten die Indianer, sowohl Männer als Weiber, mit wilden Hunden auf, die ihrer Spur folgten. Da nun einst eine kranke Indianerin sah, daß sie diesen Hunden nicht entfliehen könne, und, gleich andern, von ihnen zerrissen werden würde; so nahm sie einen Strick, band sich ihr Kind, das nur erst ein Jahr alt war, an den einen Fuß, und erhing sich dann an einem Balken. Kaum war sie fertig damit, als die Hunde kamen und das Kind stückweise zerrissen; doch ward es noch vor seinem Ende von einem Ordensgeistlichen getauft." (S. 64)
FRANCISCO DE MONTEJO hatte sich
nach LAS CASAS vor allem dadurch einen Namen unter den spanischen Eroberern gemacht,
dass er seine Hunde mit den Kindern von Indianern
fütterte.Es gab
nur wenige humanistische Stimmen unter den Eroberern - aber es gab sie. Auch der Dominikaner ANTONIO
DE MONTESINOS gehörte zu ihnen.
In einer Predigt, gehalten am
Sonntag vor Weihnachten im Jahre 1511 in der Kirche von Santo Domingo, fragte
MONTESINO:
"Sind dies keine Menschen?"
"Besitzen sie nicht vernunftbegabte Seelen? Seid ihr nicht verpflichtet, sie zu lieben wie euch selbst? Das versteht ihr nicht - das fühlt ihr nicht?"
Im Jahre 1537 hatte Papst PAUL II. in einer
Bulle die Indios zu Menschen erklärt.
BARTOLOMÉ DE LAS CASAS starb im Sommer 1566 in Madrid.
REINHOLD SCHNEIDER griff den Stoff in seinem 1938 erschienenen historischen Roman "Las Casas vor Karl V. Szenen aus der Konquistadorenzeit." auf als "die Möglichkeit eines Protestes gegen die Verfolgung der Juden".
Die
zitierten Ausschnitte aus Berichten LAS CASAS stammen aus:
Bartolomé
de Las Casas: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der westindischen
Länder. Herausgegeben von HANS MAGNUS ENZENSBERGER.
insel taschenbuch
553. 1. Auflage 1981. © Insel Verlag Frankfurt am Main 1966.