


Die Wikinger, Siedler und Seefahrer
Das ursprüngliche Siedlungsgebiet der Wikinger - im Westen wurden sie Nor(d)mannen genannt, in Osteuropa und Russland als Waräger oder Rus bekannt - war Dänemark, Südschweden und Südnorwegen,
wo sie im frühen Mittelalter als Bauern ihren Lebensunterhalt bestritten.
Als hervorragende Seefahrer überfielen sie ab dem 8. Jahrhundert
n.Chr. die Küstengebiete westeuropäischer Länder, vor allem
Englands und Frankreichs.Bald fuhren sie auch über die großen
Flüsse, wie die Seine oder den Rhein ins Landesinnere, bedrohten
z. B. Paris oder plünderten 881 Köln und Trier.
Seit der Mitte des 9. Jahrhunderts tauchten sie an den Küsten Süd-
und Mittelitaliens auf, sogar an denen des westlichen Nordafrikas. Im
Vergleich hierzu waren die Fahrten im Nordatlantik, nach Island und schließlich
nach Grönland, schon aufgrund des Wetters und der Entfernungen, die
ohne Zwischenstopp bewältigt werden mussten, weitaus gefährlicher.
Schwierige Quellenlage
Es gibt eine große Sammlung isländischer und norwegischer Sagas,
in denen über einzelne Personen (Könige und Bischöfe),
die Landnahme auf Inseln und Inselgruppen, sogar die Fahrten nach Nordamerika
berichtet wird. Die Angaben in diesen Quellen,
vor allem diejenigen über die Fahrten nach Nordamerika, sind höchst
unsicher, denn sie wurden erst zwischen dem 12. und dem 14. Jahrhundert
niedergeschrieben.
Man kann sich gut vorstellen, dass bei der vorangegangenen mündlichen
Überlieferung, vor allem, wenn es sich um abenteuerliche und gefährliche
Unternehmungen handelte, oft übertrieben wurde, um die Taten der
Vorfahren als besonders großartig erscheinen zu lassen.
Relativ gesicherte Erkenntnisse haben wir über die Unternehmungen
in Westeuropa dann, wenn dort die in Klöstern aufgeschriebenen Chroniken,
Annalen oder Berichte mit den Schilderungen in den Sagas mehr oder weniger
übereinstimmen.
Vater und Sohn
Einer der wagemutigen Seefahrer war der um 950 in Südnorwegen geborene
ERIK THORVALDSSON, wegen
seiner rötlichen Haare ERIK DER ROTE genannt. Vermutlich wegen Totschlags
musste er sich ins Exil nach Island
begeben, von wo aus er das noch weiter westlich gelegene Grönland
(Bild 1) erkundete und dort einige Jahre lebte. Er nannte es grünes
Land' (englisch: Greenland).
ERIK DES ROTEN Sohn, LEIF EERIKSSON,
wurde um das Jahr 975 wahrscheinlich auf Island geboren, wuchs dann aber
in einer der auf der Südwestseite Grönlands gelegenen Wikingersiedlungen
auf und zählte bald zu den erfolgreichsten Seeleuten. Angeblich hat
er auf Wikingerschiffen Handelsgüter
nach Schottland und Norwegen gebracht, angesichts der oft rauen See und
der beträchtlichen Entfernung eine hervorragende Leistung.
LEIF ERIKSSON brach dann um das Jahr 1000 mit einem
Schiff und 30 oder 35 Begleitern nach Westen auf, um dieses Land zu erkunden.
Bei den Wikingerschiffen
(Bild 2), die für solche Fahrten benutzt wurden, handelte es sich
um bis zu 24 Meter lange und etwa 5 Meter breite hochseefähige Ruderschiffe,
bei denen man an einem Mast auch ein rechteckiges Segel setzen konnte.
Diese Schiffe sollen 60 und mehr Seeleuten Platz geboten haben.
Die kürzeste Entfernung zwischen Westgrönland und der nordamerikanischen
Insel Baffinland beträgt ca. 900 Kilometer. Wo die Mannschaft
LEIF ERIKSSONs das neu entdeckte Land betreten hat,
ist nicht bekannt. In verschiedenen Sagas ist von Helluland' (Steinland),
vielleicht das heutige Labrador, Markland'(Waldland), möglicherweise
Neufundland und Vinland
(Weinland), ebenfalls Neufundland die Rede. Manche
Historiker vermuten, LEIF ERIKSSON sei an der festländischen Küste
entlang noch weiter nach Süden gesegelt, bis in die Gegend von Boston.
Weiter entfernt gelegene Ziele wie New York oder gar der Mississippi gehören
eher zum Bereich des Wunschdenkens.
Idyllisches Vinland
Angesicht eines im Vergleich zu Grönland wie auch
Island milden Klimas und der dortigen Vegetation
wird das neue Land überschwänglich beschrieben: Zu ihrem Erstaunen
sahen die Wikinger saftige Wiesen, ausgedehnte Wälder und kleine
Flüsse, in denen es von Lachsen nur so wimmelte. Ein Seemann aus
LEIFs Mannschaft, angeblich ein Deutscher, habe auf einer Erkundungstour
wilden Wein entdeckt, woraufhin diese Gegend, in der die Wikinger an Land
gingen, Vinland genannt wurde.
LEIFund seine Mannschaft verbrachten
den Winter in diesem so wundersamen Land, um dann im darauffolgenden
Frühjahr nach Grönland zurückzusegeln. Auf der Rückfahrt
sollen sie neben Weintrauben vor allem Holz für den Schiffbau
mitgebracht haben, das es in Grönland nicht gab, sieht man einmal
von Birken und den Stämmchen verschiedener Buscharten ab.
LEIF ERIKSSON starb ca. 1020.
In den ersten Jahrzehnten nach der Entdeckung von
Küstenstreifen des nordöstlichen Nordamerika gab es noch eine
Reihe weiterer Expeditionen
von Wikingern zu dem neu entdeckten Land. An einer von diesen soll
auch LEIFs Bruder THORNWALD teilgenommen haben. Die Siedlungen sind schließlich
nach Konflikten mit den Einheimischen aufgegeben worden.
Ausgrabungen in
L'Anse aux Meadows
1961 gab es eine aufsehenerregende Entdeckung an der
Nordspitze Neufundlands. Von den norwegischen Archäologen HELGE und
STINE INGSTADT wurden die Überreste einer Wikingersiedlung
aus dieser Zeit ausgegraben.
Neben den Fundamenten einiger Häuser fanden sie auch eine kleine
Schmiede. Dies war der Beweis, dass Fremde', wenn auch nur für
wenige Jahre, hier gelebt haben mussten, kannten doch die Einheimischen
die Verarbeitung von Eisen nicht. Offenbar wurde diese Siedlung als eine
Art Basislager für die Erkundung der näheren und weiteren Umgebung
benutzt. 1968 wurde L'Anse aux Meadows von der UNESCO zum Weltkulturerbe
erklärt und ist heute eine Touristenattraktion.
