
NEBUKADNEZAR II. (babylonisch Nabu-kudurri-usur) bestieg 604 v. Chr. als zweiter König der Chaldäer-Dynastie den Thron von Babylon. Unter seiner knapp 60-jährigen Herrschaft erreichte das neubabylonische Reich den Zenit seiner Macht. Besonders eindrucksvolle Spuren hinterließ NEBUKADNEZAR als Bauherr in seiner Hauptstadt. Er baute Babylon zur eindrucksvollsten Metropole der vorrömischen Antike aus.
Die Begründung des neubabylonischen
Reiches
NEBUKADNEZARs Vater NABOPOLASSAR
hatte Babylon im 5. Jh. v. Chr. von der Fremdherrschaft
der Assyrer befreit und den Thron der Stadt am Euphrat bestiegen. Im Bündnis
mit Medien vertrieb er die Assyrer danach endgültig aus Babylonien
und löschte das Reich von Assur aus.
Die Versuche Ägyptens, Syrien,
u. a. mit Damaskus und Sidon, als Pufferstaat zu Babylon zu erhalten, führten
zum Krieg um die Vorherrschaft in Syrien. In dieser Auseinandersetzung betrat
NEBUKADNEZAR als Kronprinz von
Babylon die historische Bühne. Er besiegte in einer Entscheidungsschlacht
die Ägypter und warf die Truppen des Pharaos bis zur Halbinsel Sinai zurück.
Außerdem gewann er später Syrien und die Mittelmeerküste Palästinas
für das neubabylonische Reich hinzu, das damit seine größte Ausdehnung
erreichte (Bild 1).
NEBUKADNEZAR als Bauherr der neubabylonischen
Weltmacht
Innerhalb weniger Jahre richtete NEBUKADNEZAR in den ehemals
von Assyrien beherrschten Territorien eine Reichsverwaltung ein. Deren Hauptzweck war die Sicherung hoher Tribute und deren ungestörter
Fluss ins immer reicher werdende Babylon.
In Babylonien selbst überließ
der König jedoch den großen Adelsfamilien in den Tempelstädten
die größten Anteile an den Tempeleinkünften. Dadurch sicherte
er sich die Loyalität der Führungsschichten in den alten Stadtstaaten.
Im Jahre 601 schlug ein erneuter Angriff auf Ägypten fehl. Nach diesem verlustreichen
Debakel beschränkte sich NEBUKADNEZAR darauf, von seinem Hauptquartier in
Syrien aus seine Herrschaft über die westlich des Euphrat liegenden Teile
seines Reichs zu festigen. Er belagerte in diesem Zusammenhang dreizehn Jahre
lang die Festung Tyros am Mittelmeer.
In Palästina zerschlug er das kleine Königreich Juda und beendete die 400 Jahre währende Herrschaft der Dynastie König Davids. Die Hauptstadt Jerusalem wurde nach 1½-jähriger Belagerungszeit erstürmt. Der Tempel des Gottes Jahwe wurde zerstört. Das Königshaus selbst und 50 000 Mitglieder der jüdischen Oberschicht deportierte NEBUKADNEZAR nach Mesopotamien. Es begann die Babylonische Gefangenschaft der Judäer, die für die spätere Entwicklung des Judentums zu einer religiösen Gemeinschaft von großer Bedeutung war.
NEBUKADNEZAR
als Bauherr in Babylon
Besonderen Eifer richtete NEBUKADNEZAR auf den Ausbau von Babylon:
Die ummauerte
Fläche wurde um ein Vielfaches erweitert, u.a. um einen zweiten Stadtkern
auf dem Westufer. Die Neustadt verband er dann mit der Altstadt durch eine auf
sieben mit Naturstein verkleideten Ziegelpfeilern ruhende 120 m langen Euphratbrücke,
die zu ihrer Zeit einmalig war.
NEBUKADNEZARs ehrgeiziges Bauprogramm verwandelte
das Stadtbild der Residenz in wenigen Jahrzehnten in eine riesige Bühne zur
Machtdarstellung seines Königtums. Dabei knüpfte er in vielen Punkten
an NABOPOLASSARs Bauprogramm an. Allerdings vergrößerte er viele von
seinem Vater begonnene Bauprojekte gigantisch. Besondere Pracht erhielten viele
Repräsentationsbauten, wie beispielsweise das Ischtar-Tor, durch farbige glasierte Ziegel
an den Außenmauern und Innenwänden. Die Realisierung des Bauprogramms
wurden durch die reiche Kriegsbeute und durch Tribute aus den Provinzen und Vasallenstaaten
ermöglicht.
Die
Königspaläste
Der alte Königspalast wurde von NEBUKADNEZAR umgestaltet und monumental erweitert. Die Südburg
hinter der inneren Mauer diente als Residenz und Verwaltungszentrum. Den etwa
900 m² großen Thronsaal ließ
er innen ebenfalls mit imposanten Reliefs aus glasierten Ziegeln verkleiden.
Der Dachgarten des Palastes mit seiner aufwendigen Architektur und Bewässerungstechnik
galt in der Antike als eines der Weltwunder. Die
Hängenden Gärten, wie man den Dachgarten bezeichnete, wurden aber
nicht NEBUKADNEZAR, sondern fälschlich der Assyrerin SEMIRAMIS zugeschrieben.
Nach Norden schlossen sich die Festungskomplexe der Hauptburg und der Nordburg
an. Beide sicherten zwei riesige Vorwerke. Im Norden der Stadt errichtete NEBUKADNEZAR
außerdem einen neuen Sommerpalast.
Die
Stadtbefestigungen
Um Babylon schon in seinem Vorfeld zu sichern, ließ
NEBUKADNEZAR etwa 60 km nördlich der Stadt eine vom Euphrat zum Tigris reichende
massive Wehrmauer errichten. Ob diese Medische Mauer allerdings die von
antiken Reisenden angegebene Höhe von 30 m besaß, ist unsicher.
Die
stark erweiterte Stadtanlage wurde von einem mindestens 18 km langen, dreifachen
äußeren Mauerring umschlossen. Zum
Schutz des fast 6 km² umfassenden Stadtkerns
von Babylon diente eine weitere 8 km lange, massiv verstärkte innere Doppelmauer mit vorgelagertem breiten Wassergraben.
Die Mauern dieses inneren Gürtels waren mehr als 4 m mächtig.
Beide
Mauerringe wurden durch eine Vielzahl von Türmen verstärkt. Den Zugang
zur Stadt ermöglichten mächtige Tore, die nach den Hauptgöttern
benannt waren. Das prächtigste und wehrhafteste der acht Tore war das der
Göttin der Liebe und des Krieges geweihte Ischtar-Tor. NEBUKADNEZAR verkleidete es besonders aufwendig mit glasierten
Ziegeln, da von ihm die Prozessionsstraße der Stadt ausging. Über diese Magistrale zog beim Neujahrsfest jährlich
zweimal die von Hunderttausenden Zuschauern bestaunte Prozession der Götter
und des Königs.
Die
Kultbauten
Alle Bauten NEBUKADNEZARS wurden von einem 92 m hohen Tempelturm,
der Zikkurat, überragt. Der fünfstufige,
massiv aus Lehmziegeln errichtete Bau mit einer
quadratischen Grundfläche von 92 m Seitenlänge war das größte
Bauwerk Mesopotamiens und galt in der Antike ebenfalls als Weltwunder.
In der Bibel wird er als Turmbau zu
Babel beschrieben.
Jahrhundertelang
war dieser Tempelturm unvollendet geblieben, bis sich NEBUKADNEZAR seiner annahm
und ihn vollenden ließ. Den Turm von Babylon, der in der mesopotamischen
Ebene über 30 km weit sichtbar war, krönte nun noch ein zweistufiger
Hochtempel für den babylonischen Götterkönig und Stadtgott Marduk.
Die Zikkurat war Teil des von NEBUKADNEZAR
großzügig erneuerten und erweiterten Tempelkomplexes für Marduk.
Am Tempelkomplex begann auch die Prozessionsstraße, auf der die wichtigsten
kultischen Umzüge zu Ehren der Götter und des Königs stattfanden.
NEBUKADNEZAR, Marduk und Babylons Priester
Das Königtum Babylons stand nicht über den Göttern. Mit seinem Bauprogramm versuchte NEBUKADNEZAR
nicht zuletzt, auch seine Pflichten als Diener des Stadtgottes Marduk zu erfüllen.
Auch die anderen rituellen und kultischen Königspflichten erfüllte NEBUKADNEZAR peinlich genau. Das entsprach seinem Streben nach Erhalt
des notwendigen Gleichgewichts mit dem mächtigen Priesteradel des Landes.
So stand der König zwar während des elf Tage andauernden
babylonischen Neujahrsfestes im Mittelpunkt, doch wurden ihm zu diesem Anlass
von den Priestern auch die Grenzen seiner Macht aufgezeigt:
Am 5. Festtag
musste NEBUKADNEZAR dem Oberpriester vor dem Standbild
Marduks seine Herrschaftsinsignien übergeben und um Bestätigung
seines Königtums bitten. Danach wurde er vom Oberpriester, der ja die "Hand"
Marduks war, heftig geohrfeigt, musste öffentlich Buße tun und für
ein weiteres Jahr Marduks Gnade für sich und Babylon erbitten. Danach erst
erhielt er vom Priester sein Amt und die Amtszeichen zurück.
Am 6. Tag
musste der König die Hände der Statue Marduks ergreifen und den Gott
in seinen Tempel vor die Stadt einladen. Bei dem sich anschließenden Zug
mit den Götterstatuen über die Prozessionsstraße zum Tempel begleitete
der König Marduk und die übrigen Götter. Am 11. Tag geleitete er
sie auch zum Marduk-Tempel zurück.
Dadurch präsentierte sich NEBUKADNEZAR
der Bevölkerung als legitimer Stellvertreter
Marduks und verteilte großzügige Gaben.