Die Schriften der Ägypter
Die
altägyptische Bilderschrift, die Hieroglyphen,
waren schwer handhabbar. Die Hieroglyphenschrift
fand deshalb vor allem bei der inschriftlichen Ausgestaltung herrschaftlicher
oder religiöser Steinmonumente Anwendung, z. B. in Tempeln oder Grabmälern.
Die alltägliche anfallende umfangreiche Verwaltungsarbeit des ägyptischen Staates bedurfte jedoch einer schneller schreib- und lesbaren Schrift. Als geeignete Schriftarten standen der pharaonischen Verwaltung hierfür seit 3000 v. Chr. die hieratische und seit 700 v. Chr. die demotische Kursivschrift zur Verfügung.
Die massenhafte
Anwendung dieser Kursivschriften in der Verwaltung, aber auch im privaten Bereich
und in der Literatur war jedoch an Bedingungen geknüpft. Vor allem war ein
leichter, leicht zu beschreibender, in der Herstellung preiswerter und dauerhaft
zur Verfügung stehender Schreibstoff als Schreibgrundlage erforderlich.
In Ägypten erfüllte der Papyrus
alle diese Anforderungen an eine Schreibgrundlage. Dieses lange Zeit wichtigste
Schreibmaterial der Antike war zugleich eine der Grundlagen für die Entwicklung
der Hochkultur Ägyptens.
Papyrus
Papyrus ist die lateinische Fassung der Bezeichnung Papyros, die die Griechen
dem Schreibstoff der Ägypter gaben. Möglicherweise wandelten die Griechen
dabei das ägyptische Wort "pa-per-ao", welches "dem Pharao
gehörend" bedeutete, dafür ab. Von Papyrus abgeleitet ist auch
die deutsche Bezeichnung Papier.
Allerdings ist das aus dem Grundstoff Holz
hergestellte Papier ein gänzlich anderes Produkt als der ägyptische
Papyrus.
Die
Papyruspflanze
Die zu den Zyperngräsern zählende Papyrusstaude (Cyperus papyrus, Bild 1) ist eine Sumpfpflanze.
Die heute in Ägypten fast völlig ausgerottete Art prägte das Bild
der altägyptischen Flusslandschaft von der Südgrenze bis zur Nilmündung.
Weit verbreitet war Papyrus vor allem im Nildelta und wurde so auch zur Wappenpflanze
Unterägyptens.
Die Papyrusstauden bildeten hier in stehenden Gewässern
und in den Uferbereichen langsam fließender Gewässer zusammen mit Binsen
ein mehr als mannshohes, schwimmendes und kaum passierbares Pflanzendickicht.
Das Betreten dieses Dickichts war nicht gefahrlos, da es zu den beliebtesten Aufenthalts-
und Jagdräumen des Nilkrokodils zählte. Dennoch zog es die Ägypter
nicht nur zur Papyrusernte, sondern auch zur beliebten Entenjagd in die Ufersümpfe.
Die Ernte
Junge Pflanzen,
die eine bestimmte Minimallänge nicht unter- und eine bestimmte Maximallänge
nicht überschritten, lieferten den besten Rohstoff für Papyrus in hochwertiger
Qualität. Deshalb wurde der Papyrus auch mit großer Wahrscheinlichkeit
nicht ganzjährig geerntet. Die Erntesaison
dürfte wahrscheinlich mit der Getreideernte im April und Mai zusammengefallen
sein.
Die Papyrusstauden wurde geschnitten, nachdem sich die Blütenstände
geöffnet hatten. Die Stängel mit ihrem dreieckigen Querschnitt wurden
vom Boot aus abgeschnitten und zu tragbaren Bündeln geschnürt. Ihr Weitertransport
musste recht schnell erfolgten, da die Qualität des Schreibmaterials nicht
unwesentlich von der Frische des Rohstoffs abhing.
Die
Herstellung von Papyrus
Im ersten Arbeitsgang wurde die harte Haut des Papyrus von den Stängeln abgeschält. Das freigelegte
fast weiße, schwammige und klebrige Mark wurde danach in möglichst
dünne, etwa 20 bis 50 cm lange Streifen geschnitten. Die Streifen wurden
dann längs auf tuchbedeckten Stein- oder Holzplatten 20 bis 40 cm breit als
Basalschicht nebeneinandergelegt. Darüber legte man nun eine Deckschicht
von quer angeordneten Streifen entsprechender Länge und deckte die beiden
Streifenlagen mit einem Tuch ab. Durch Hämmern mit einem Schlegel wurde jetzt
Druck erzeugt. Dadurch trat aus den Markstreifen der sehr stärkehaltige Saft
aus, der die Streifenlagen gleichzeitig miteinander fest verklebte.
Durch
das Trocknen "verschmolzen" die Streifenlagen lücken- und übergangslos
zu einem Papyrus-Rohblatt mit
noch rauher Oberfläche und unregelmäßigen Rändern.
Das
wurde beim nächsten Arbeitsgang dann auf das gewünschte Format zurechtgeschnitten.
Außerdem wurden die Papyrusblätter mit geeigneten Steinen abgerieben
und dadurch glatt geschmirgelt.
Um "Bücher" mit längeren
zusammenhängenden Texten schreiben zu können, wurden abschließend
jeweils mehrere Papyrusblätter hintereinander mit dem Pflanzensaft verklebt
und zu Papyrusrollen aufgerollt.
Ein
wichtiger Verwendungszweck - Papyrusbücher
Die bis zu einem
halben Meter dicken und teilweise über 20 Meter langen Streifen dienten als Buchrollen. Das längste heute
noch erhaltene Papyrusbuch misst sogar 41 Meter. Es befindet sich im Britischen
Museum in London.
Das Beschreiben der Rollen erfolgte mit schwarzer Tinte. Die Schreiber bedienten sich einfacher Binsen als Schreibgeräte.
Überschriften wurden sorgfältig mit roter Tinte hervorgehoben. Aufschriften
oder angeheftete Etiketten verrieten den Inhalt der Rollen.
Die Buchrollen
wurden seitenweise beschrieben und gelesen, von rechts nach links und von oben
nach unten. Zum Lesen wurde immer eine Seite von links abgerollt und nach der
Lektüre nach rechts aufgerollt.
Jeder größere ägyptische
Tempel besaß eine als "Haus der Buchrollen" bezeichnete Bibliothek.
Dank der Strapazierfähigkeit und Biegsamkeit des Papyrus hielten die Buchrollen
auch der hohen Beanspruchung bei regelmäßiger Benutzung stand. Doch
auch bei vielen Privatleuten gab es kleine Sammlungen, die in
Krügen aufbewahrt wurden.
Die größte Sammlung von
Papyrus-Buchrollen barg allerdings die berühmte, schon in hellenistischer
Zeit in Ägypen gegründete königliche
Bibliothek von Alexandria. In den über 700 000 Papyrusrollen ihres
Bestandes war ein Großteil des gesamten Wissens der Welt der griechischen
und ägyptischen Antike "aufbewahrt".
In der trockenen Wüstenluft Ägyptens waren die Papyrusblätter nahezu zeitlos haltbar. Papyrustexte zählten zu den wichtigen Grabbeigaben der Ägypter. Da nicht nur die Königsgräber, sondern auch die Privatgräber der Bevölkerung außerhalb der feuchten Ackerflächen in der Nilaue angelegt wurden, ist deshalb eine ungeheure Zahl schriftlicher Quellen aus altägyptischer Zeit erhalten geblieben.
Papyrus
als Wirtschaftsgut
Die Herstellung von hochwertigem, unter dem Einfluss
des Sonnenlichts nicht vergilbendem Papyrus erfolgte in Spezialwerkstätten.
Da sich Papyrus auch außerhalb Ägyptens sehr großer Beliebtheit
erfreute, stieg es neben dem Getreide zu einem wichtigen Exportgut Ägyptens auf.
Herstellung und Handel zählten aber zu den Monopolen
des königlichen Schatzhauses.
Obwohl Papyrus in großen
Mengen erzeugt wurde und sein Rohstoff in fast unerschöpflichen Mengen vorhanden
war, gab es das fertige Produkt nicht im Überfluss. Bereits beschriebene
Papyri wurden deshalb von den Schreibern zu allen Zeiten abgewaschen oder abgeschabt,
um sie erneut beschreiben zu können. Diese Vorgehensweise deutet auch auf
hohe Preise und gelegentliche Knappheiten auf dem Papyrusmarkt hin.
Konkurrenz
als Schreibstoff erhielt der ägyptische Papyrus erst im 2. Jh. v. Chr. in
Gestalt des Pergaments. Dieses nach
seinem Ursprungsort Pergamon benannte Produkt bestand aus hauchdünner Tierhaut.