

Dem religiösen Judentum ist diese an die Tempelzerstörung erinnernde Klagemauer (Bild 1,2) eminent wichtig. Da sich oberhalb der Klagemauer auf dem Gelände des ehemaligen jüdischen Tempels mit der Al Aksa Moschee und dem Felsendom wichtige islamische Heiligtümer befinden, ist der alte Tempelbezirk Jerusalems heute ein Brennpunkt des Nahostkonfliktes.
Der Tempel SALOMOS
SALOMO errichtete den ersten Jahwetempel
mit Hilfe phönizischer Handwerker. Vermutlich geschah dies am Platz
des alten kanaanäischen Tempels von Jerusalem, und zwar westlich
des heutigen moslemischen Felsendoms. Das Vorbild für den
Tempel lieferte die syrische Tempelarchitektur.
Das dreiteilige Gebäude wurde als Langhaus
mit vorgezogenen Seitenwänden (Anten)
errichtet. Die Vorhalle (Ulam) zwischen
den Anten und dem Langhaus trennte ein prächtiges Tor, das Nicht-Priestern
den Blick in das Heilige (Hekal), die
Halle des Tempelinneren verwehrte. Das Allerheiligste (Debir)
im hinteren dritten Teil des Langhauses teilte nochmals eine Doppeltür
von der Halle ab. Den Raum hinter der Doppeltür, in dem Jahwe als
unsichtbar anwesend galt, war nur dem Hohen
Priester zugänglich. Er betrat ihn nur am höchsten Feiertag,
dem Versöhnungstag Jom Kippur.
Das Allerheiligste galt als Wohnung
Jahwes. Dort thronte er mit der aus nomadischer Zeit stammenden Bundeslade als Fußschemel unsichtbar auf einem riesigen von Flügelwesenstatuen
(Cherubim) bewachten Sitz.
Den Vorraum erleuchteten auf beiden Seiten fünf goldene Leuchter.
Zum wertvollen Tempelinventar gehörten ferner ein goldener Schaubrottisch
für 12 eine Woche ausliegende Brote und ein Altar, auf dem täglich
Weihrauch verbrannt wurde.
Den Tempeleingang flankierten
zwei frei stehende Bronzesäulen, Boas (Kraft) und Jachin (Festigkeit). Den
Tempel selbst umgab ein geschlossener Doppelhof. Gewöhnliche Israeliten
durften als Laien nur den Vorhof betreten. Allein die Priester hatten
Zutritt zum Haupthof. Dort befanden sich vor dem Tempel ein steinerner
Altar für Brandopfer das "eherne Meer", ein von Stierstatuen
getragenes riesiges Bronzebecken zur rituellen Reinigung der Priester.
Der zweite Tempel
Nach dem Ende des Exils begann
unter der Leitung des davididischen Prinzen SERUBABEL 520 v. Chr. in Jerusalem der Wiederaufbau
des Tempels. Die Einweihung erfolgte 515 v. Chr. Unter HERODES,
der weite Teile Palästinas als römischer Klientelkönig
beherrschte, kam es zu einem völligen Umbau und einer großflächigen
Erweiterung von Tempel und Tempelgelände. So entstand für kurze
Zeit der prächtigste und größte
Tempelkomplex der römischen Antike, mit dem HERODES die Jersalemer
Priesterschaft mit einer höchst eindrucksvollen Bühne für
die kultischen Zeremonien beschenkte. HERODES begann den Bau 19
v. Chr. vollendet war er erst 64 n.
Chr., sechs Jahre vor seiner endgültigen Zerstörung.
Um eine rituelle Verunreinigung des Tempelgeländes bei den Bauarbeiten
auszuschließen, ließ HERODES die Tempelarbeiten von 1000 eigens
zu Bauhandwerkern ausgebildeten Priestern ausführen.
Da die Bundeslade 587 v. Chr. von den Babyloniern geraubt und verloren
war, blieb das Allerheiligste des zweiten Tempels leer. Nur ein Vorhang
trennte es vom Vorraum ab. Das wichtigste Inventarstück waren ein
neuer Schaubrottisch und eine Menorah,
ein großer goldener siebenarmiger Leuchter, den Jerusalems römischer
Eroberer TITUS 71 n. Chr. als wichtigstes Beutestück in seinem Thriumph
über Judaea zeigte. Die
Menorah ist noch heute eines der wichtigsten religiösen Symbole des
Judentums. Das Allerheiligste des Herodestempels war völlig leer.
HERODES ließ den Tempel aus
weißem Marmor erbauen. Die Westfassade
war 50 m hoch und ebenso breit. Teile der Fassade und das Dach waren mit
Gold verkleidet, so dass antike Betrachter im Sonnenschein den
Eindruck einer hellglänzenden schneebedeckten Bergkuppe gewannen.
Allein um die riesigen schweren Tempeltore
zu schließen, benötigte man 200
Männer. Das gesamte Tempelareal des HERODES umfasste 144 000
m². Um eine plane Fläche für die Erweiterungen zu gewinnen,
wurde der Nordteil des Tempelberges
planiert, im Süden waren bis zu 38 m
hohe Aufschüttungen nötig. Um sie zu stützen wurden
gigantische Mauern errichtet, zu deren westlichen Abschnitten die Klagemauer
zählt.
Den herodianischen Tempel umgab eine Vielzahl von Höfen. Je näher
zum Tempel sie lagen, desto höher musste die rituelle Reinheit der
Besucher sein.
Trotz aller Versuche, den Tempel zu fördern und Priester und Bevölkerung zu gewinnen, fürchtete HERODES den Tempel, an dem die Massen unkontrollierbar zusammenströmten, als potenziellen Ausbruchsherd von Revolten. Zur Bewachung des Areals und zur Demonstration seiner Macht verstärkte HERODES daher die im Norden an den Tempelbezirk grenzende Burg Antonia. Deren Festungstürme überragten die Mauern des Tempelbezirks als steinerne Mahnung.
Kult und Kultpersonal
An der Spitze des Kultpersonals
stand der Hohe Priester. Den täglichen
Kult versahen eine erbliche
Priesterschaft. Ihnen unterstanden mit den Leviten ein ebenfalls erblicher niederer Klerus,
der Hilfsdienste leistete und z. B. Musiker, Sänger, Wächter
und Verwalter stellte. Die Leviten stellten die Masse
des Tempelpersonals, erhielten aber nur einen sehr kleinen Teil
der überwiegend aus Opfern und Opfertierverkauf stammenden Tempeleinnahmen.
Sie waren oft gezwungen, profane Nebenberufe auszuüben.
Die wichtigsten Opfer, die die Priester
als Dank der gesamten jüdischen Kultgemeinde an ihren Gott darzubringen
hatten, waren zwei tägliche Brandopfer (Tamid), am Morgen und am frühen Nachmittag. Sie durften unter gar
keinen Umständen ausbleiben und für die Juden war es eine religiöse
Katastrophe, als vor der Wochen vor der Tempelzerstörung des Jahres
70 n. Chr. wegen des Fehlens geeigneter Lämmer im belagerten Jerusalem
eingestellt werden mussten. Aber auch jeder Israelit und jede jüdische
Gruppe konnte Opfer als Ausdruck von Frömmigkeit darbringen lassen.
Bei speziellen Sühne- und Vergebungsopfern wurde nur das Fett verbrannt;
Teile verzehrten die Opferteilnehmer in gemeinsamem Mahl.
Die Opfer bestanden überwiegend aus Tieren wie Stieren, Schaf- und
Ziegenböcken und, von den Ärmeren bevorzugt, Tauben. Sie hatten
völlig makellos zu sein und wurden rituell zum Opfer erklärt,
gereinigt, geschlachtet, zerlegt und verbrannt. Dazu wurden Wein, Mehl
und Öl geopfert.
Dreimal im Jahr, zu den großen jüdichen Wallfahrtsfesten
waren Jerusalem und der Tempel Ziel gewaltiger Pilgermassen aus den jüdischen Gebieten Palästinas und den Diasporagemeinden im Mittelmeerraum. Über 100 000 Pilger dürften die Stadt zur Zeit des HERODES regelmäßig förmlich überschwemmt. haben. Geldwechsler (im Tempel durfte nicht mit rituell unreinem griechischem oder römischem Geld bezahlt werden) und Opferverkäufer verwandelten das Umfeld des Tempels dann in einen riesigen Markt. Nicht zuletzt die vehemente Kritik daran führte um 30 n. Chr. zur Konfrontation zwischen JESUS und den Tempelautoritäten.
Das Ende von Tempel und Kult
Während des jüdischen Aufstandes gegen Rom (68-72 n. Chr.)
war der von Aufständischen besetzte Tempel ein Hort des Widerstandes
gegen die römischen Belagerer Jerusalems. Als die Römer Jerusalem
70 n. Chr. stürmten, ging der Tempel gegen den ausdrücklichen
Befehl des TITUS in Flammen auf. Da Rom den Wiederaufbau verbot, besaß
das Judentum seitdem keine Kultstätte mehr. Jüdischer Gottesdienst
existiert seitdem nur als opferfreier
Wortgottesdienst in der Synagoge.