
Europäische
Politik nach 1871
Nach 1871 hatte sich die europäische Politik trotz der mitteleuropäischen
Nationalstaatsgründungen im Wesentlichen
nicht geändert. Es gab eine führende
Staatengruppe von fünf,
mit Italien sechs, großen Mächten. Jedoch hatten sich die Gewichte
innerhalb dieser Gruppe verschoben. Frankreich
verlor die führende Rolle, die es zwischen 1856 und 1866 gespielt hatte,
war aber weiterhin ein bedeutender Faktor
für die kontinentale Politik. Russland
begann, sich wieder Europa zuzuwenden und damit insbesondere dem Balkan.
Österreich-Ungarn musste sich mit
der veränderten Situation in Mitteleuropa abfinden und verlagerte seine
Aktivitäten auf den Balkanraum.
Das Deutsche Reich brauchte ein Jahrzehnt,
um von den anderen europäischen Mächten akzeptiert zu werden und
deren Misstrauen abzubauen. Großbritannien
war mehr denn je an einem Gleichgewicht der Kräfte auf dem Kontinent
interessiert.
Bündnisverträge
zwischen einzelnen Staaten sollten nach 1871 in einem verwickelten System
politisches und militärisches Gleichgewicht
herstellen, um Kriege zu vermeiden. BISMARCK
brachte dies auf eine gleichsam mathematische Formel: Solange dieses unsichere
Mächtegleichgewicht
bestehe, gelte die Regel, dass man immer versuchen müsse, einer von
drei Partnern gegenüber den zwei anderen zu sein. Wichtigstes Ziel
bei allen Bündnisüberlegungen war für BISMARCK die politsche
und militärische Isolierung Frankreichs.
Der Berliner Kongress 1878
Der dritte russisch-türkische
Krieg auf dem Balkan endete mit
einem totalen russischen Sieg bei San
Stefano im März 1878. Auf einer europäischen Konferenz
sollte der Versuch unternommen werden, den entstandenen Konflikt zwischen
den europäischen Flügelmächten
Russland und England sowie den kontinentalen Konflikt zwischen Österreich-Ungarn
und Russland durch einen Interessensausgleich zu verhindern. Konferenzort
sollte Berlin sein.
Dies war die Chance für die deutsche
Regierung, sich endgültig vom Verdacht des Friedensstörers zu
befreien. Da das Deutsche Reich keine
direkten Interessen auf dem Balkan hatte, bot der Berliner
Kongress 1878 BISMARCK die Möglichkeit, als Vermittler
zwischen den Mächten aufzutreten. Der Kongress wurde ein voller Erfolg
für die Politik BISMARCKS. Er schuf von sich das Bild eines "ehrlichen
Maklers", der auf gerechten Ausgleich der unterschiedlichen
Interessen bedacht war. Dadurch konnte er das noch vorhandene Misstrauen
bei den anderen europäischen Mächten gegenüber dem jungen
deutschen Nationalstaat zerstreuen.
Die Ergebnisse des Berliner Kongresses waren Ausgangspunkt
für die weiteren politischen Entwicklungen. Als Folge der Entscheidungen
von Berlin entstanden nun Bündnisse und Bündnissysteme,
die traditionelle gleichgewichtspolitische Ziele verfolgten. Ideologische
Elemente spielten hierbei keine Rolle. Hauptakteur bei den Bündnisabschlüssen
war das Deutsche Reich.
Zweibund, Dreibund und Drei-Kaiser-Vertrag
In den folgenden Jahren schuf BISMARCK ein Bündnissystem,
das das Zentrum der europäischen Mächteordnung bildete. Im Mittelpunkt
stand der am 7. Oktober 1879 abgeschlossene Bündnisvertrag
mit Österreich-Ungarn, der Zweibund.
Um ihn gruppierten sich der Drei-Kaiser-Vertrag
vom 18. Juni 1881 zwischen Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn
sowie der 1882 geschlossene Dreibund
zwischen Österreich-Ungarn, Italien und Deutschland.
Zu Beginn der 80er-Jahre hatte dieses System der Bündnisse seinen
Höhepunkt erreicht. Es war Ausdrucksweise
einer in den traditionellen Vorstellungen des 19. Jh. denkenden Diplomatie,
die auf Ausgleich
der Mächteverhältnisse zielte. Europa wurde dabei als Mächte-Europa
verstanden und nicht als eine sich gegenseitig unterstützende Rechtsgemeinschaft.
Der gesellschaftliche Wandel in den
europäischen Nationen blieb dabei unberücksichtigt. Gerade diese
Veränderungen schufen aber neue Interessen, die berücksichtigt
werden wollten. Dies erforderte auch Veränderungen
im politischen Denken.
BISMARCK hatte ein äußerst kompliziertes Bündnissystem
geschaffen, das schon durch die zeitliche Befristung
der Verträge nicht auf Dauer angelegt war. Es handelte sich eigentlich
nur um ein völlig unzureichendes System mit dem Ziel, den allgemeinen
Krieg zu vermeiden. Das System hatte zwei Grundsätze:
Der seit 1882 einsetzende Wettlauf um die Beherrschung der außereuropäischen Welt bot hier neue Chancen und vergrößerte zunächst den Spielraum der Diplomatie. Solange die Mächte in offene Räume ausweichen konnten, ließen sich kontinentale Konflikte ohne Krieg austragen.
Gründe für das Scheitern
der Bündnisse
Mit Ausbruch des serbisch-bulgarischen Krieges auf dem Balkan im September
1885 zog aber eine neue schwere Krise
herauf, die das von BISMARCK so sorgfältig
konstruierte Bündnisgeflecht fast zum Einsturz brachte. Serbien war
der Schützling Österreichs einerseits und Bulgarien der Russlands
andererseits. Jedoch konnten beide Mächte die nationalen
Bewegungen ihrer Verbündeten nicht mehr kontrollieren und näherten
sich einer offenen Konfrontation. Beide
Mächte waren aber Bündnispartner Deutschlands im Drei-Kaiser-Vertrag,
und durch den Zweibund mit Österreich-Ungarn wäre das Deutsche
Reich bei einem russischen Angriff auf die Donaumonarchie zum Beistand
auf Seiten Österreichs verpflichtet gewesen. Ein Beispiel, das aufzeigt,
wie kompliziert das von BISMARCK geschaffene Bündnissystem war und
auch wie anfällig, wenn Deutschland die Kontrolle über die Partner
verlor.
Die Krise beschränkte sich
jedoch nicht nur auf den Balkan, sondern brach an mehreren
Stellen zugleich aus: mit Frankreich, als der französische
Revanchismus wieder auflebte; in Europas Südwesten zwischen Italien
und Frankreich, die einen erbitterten Wirtschaftskrieg
führten. Die Krise konnte erst 1887 endgültig beigelegt werden
dank dem gemeinsamen Interesse der Führungskreise in den europäischen
Staaten an der Aufrechterhaltung des Friedens und einem wahren Balanceakt
der Diplomatie.
Diesen Balanceakt setzte BISMARCK
auch in vertragsmäßige Form um, wobei ihm zugutekam, dass
der Drei-Kaiser-Vertrag und der Dreibund
1887 ausliefen. Da eine Verlängerung des Drei-Kaiser-Vertrags unmöglich
erschien, rückte nun der Dreibund
in den Vordergrund. Dabei gelang es
BISMARCK, England näher an den Dreibund heranzuziehen. Er erreichte
sogar die Bildung eines sogenannten Mittelmeer-Dreibundes
zwischen Italien, England und Österreich. Darin garantierten diese
Mächte die Unabhängigkeit
der Türkei und den Schutz der
Meerengen. Damit hatte BISMARCK über einen Umweg das Gleichgewicht
zwischen den beiden Flügelmächten Europas, England und Russland,
mit dem kontinentalen Gleichgewicht verknüpft.
Der Rückversicherungsvertrag
Dies war jedoch ein künstliches System
abstrakten Machtdenkens. Einziges Ziel hierbei war die Kriegsvermeidung.
In dieses System wurde nun durch den sogenannten Rückversicherungsvertrag
vom 18. Juni 1887 Russland mit eingefügt. BISMARCK wandte hierbei
die wesentlichen Bestimmungen des abgelaufenen Drei-Kaiser-Vertrags einfach
auf Deutschland und Russland an. Die Neutralitätsverpflichtung
blieb erhalten, solange nicht Deutschland oder Russland die Angreifer
waren. Damit war das Deutsche Reich gegen die russische Unterstützung
bei einem französischen Angriff geschützt. Seine Verpflichtungen
Österreich-Ungarn gegenüber durch den Zweibund
waren formell unberührt.
Die realen Wirkungen
des Rückversicherungsvertrags waren von vornherein begrenzt.
Er muss wohl als ein unzulänglicher Notbehelf
betrachtet werden, der noch einmal das bereits bröckelnde Grundverständnis
der gesamten Politik BISMARCKS verdeutlicht: die Verhinderung
eines Bündnisses zwischen den beiden Nachbarländern des Reiches
im Osten und Westen.
Durch diesen Vertrag konnte die Entfremdung
zwischen Russland und Deutschland
nicht aufgehalten werden. Sie war vielmehr zu diesem Zeitpunkt schon in
vollem Gange und hatte vor allem wirtschaftspolitsche Gründe. Die
Nichtverlängerung des Vertrags 1890 durch die deutsche Reichsregierung
war nur Ausdruck hierfür.
Das oft gebrauchte Bild BISMARCKS als Jongleur
mit den fünf Kugeln der Mächte zeigt sehr deutlich auch die
Gefahren für
dieses System auf. Sollte ihm auch nur eine Kugel seiner Kontrolle
und damit seinen Händen entgleiten, fielen auch alle anderen Kugeln
zu Boden. Dies bedeutete, dass das ganze Bündnissystem BISMARCKS
zusammenbrechen musste, wenn ein Stück daraus herausgetrennt wurde.
Genau dies geschah dann in den folgenden Jahren auch, sodass letztendlich
dem Deutschen Reich als Bündnispartner nur Österreich-Ungarn
blieb.
Mit dem Rücktritt
BISMARCKS brach das von ihm geschaffene Bündnissystem nicht automatisch
zusammen. Aber die Änderung in der Außenpolitik nach 1890,
die auf eine weltpolitische Teilhabe an der Macht, einen "Platz an
der Sonne", abzielte, beschleunigte den Zusammenbruch.