Geschichtsbegriff
Der Geschichtsbegriff wird sowohl in der Wissenschaft als auch umgangssprachlich häufig in einem
doppelten Sinne gebraucht. Gemeint ist
- entweder das vergangene Geschehen in der
Entwicklung der menschlichen Gesellschaft (die Geschichte)
oder
- deren Erforschung und Darstellung (die
Geschichtswissenschaft).
Diese Doppeldeutigkeit
des Begriffes widerspiegelt das komplizierte Verhältnis zwischen Geschichte
als objektivem, d. h. tatsächlichem Entwicklungsprozess der menschlichen
Gesellschaft, und seiner subjektiven Wahrnehmung durch Wissenschaftler oder Betrachter.
Die Kompliziertheit dieses Verhältnisses ist vor allem dadurch bedingt, dass
Geschichte als tatsächliches Geschehen in der Vergangenheit stattfand und
es nur durch die Erinnerung noch lebender Zeitzeugen, durch seine Widerspieglung
in Kunstwerken oder durch ideelle und materielle Quellen zugänglich gemacht
werden kann. Insofern ist Geschichte so etwas wie ein großes Gedächtnis
der Menschheit über ihre Vergangenheit. Geschichte kann in diesem
Sinn auch als ein Bild von ihr - als ein Geschichtsbild - definiert werden. Ein solches entsteht, wenn sich wissenschaftliche oder
auch andere (z. B. religiös begründete) Vorstellungen von Einzelnen
oder ganzen Menschengruppen über das gesellschaftliche Geschehen in der Vergangenheit
zu bestimmten Auffassungen über die Geschichte verdichten.
Objektives
Geschichtsbild
Das Verhältnis von Geschichte als realer Prozess
der Menschheitsentwicklung in der Vergangenheit und als Auffassung von ihm wirft
die Frage auf, ob es ein objektives Geschichtsbild
überhaupt geben kann. Diese Frage wird auch von heutigen Geschichtswissenschaftlern
unterschiedlich beantwortet. Viele von ihnen halten sich an den bedeutenden deutschen
Historiker LEOPOLD VON RANKE (1795-1886), der forderte, zu "zeigen,
wie es eigentlich gewesen" ist.
Diese genial einfache Formulierung
kann als eine grundlegende Zielstellung für
die geschichtswissenschaftliche Forschung und darüber hinaus für jegliche
Beschäftigung mit Geschichte gelten.
Geschichtsdefinition
Geschichte ist die Gesamtheit der Veränderungen
der menschlichen Gesellschaft oder einzelner Teilbereiche, wie sie durch
das Denken und Handeln Einzelner oder gesellschaftlicher Gruppen in der Vergangenheit
erfolgte, sich in der Gegenwart fortsetzt und auch in der Zukunft erfolgen wird.
Geschichte vollzieht sich in Raum und Zeit.
Das schlägt sich auch in einer Periodisierung
des Geschichtsprozesses nieder.
Zumeist wird die Geschichte in vier große
Epochen aufgeteilt. Man unterscheidet:
- Vor- und Frühgeschichte,
- Altertum,
- Mittelalter,
- Neuzeit und ihre jüngste
Phase, die Zeitgeschichte.
Diese Aufgliederung ist vor allem für
die europäische Geschichte charakteristisch.
(In anderen Regionen der Welt werden oft andere Begriffe und Periodisierungen
verwendet.)
Neben der Periodisierung des Geschichtsprozesses wird auch eine
Einteilung nach inhaltlichen Bereichen vorgenommen. Damit wird die Vielschichtigkeit
und Vielseitigkeit der geschichtlichen Entwicklung unterscheidbar gemacht. Solche
Teilbereiche der Geschichte
sind:
- politische Geschichte,
- Kulturgeschichte,
- Territorialgeschichte,
- Sozial- und Wirtschaftsgeschichte,
- Rechts- und Verfassungsgeschichte,
- Religions- und Kirchengeschichte.
Nutzen
der Geschichtsbeschäftigung
Die Frage nach dem Nutzen
der Geschichtsbeschäftigung
hat sowohl allgemein praktische wie
auch gesellschaftliche und sogar sehr individuelle Gründe.
- Die Beschäftigung
mit Geschichte ist nicht nur eine Frage der Allgemeinbildung, vergangene Prozesse
und Ereignisse zu kennen und zu verstehen. Sie ist auch wichtig für das Verständnis
der Gegenwart, für das Bewerten aktueller Entwicklungen, Erscheinungen
und Handlungsweisen.
Nützt es beispielsweise, etwas über den Marshallplan
oder gar über den Dreißigjährigen Krieg zu wissen? Würde
es nicht reichen, sich bei Bedarf an Nachschlagewerke zu halten? Das würde
sicher nicht dafür reichen, Fakten und Zusammenhänge zu verstehen, die
in Büchern, Zeitungsberichten, Rundfunk- und Fernsehsendungen, aber auch
in privaten und öffentlichen Gesprächen angesprochen werden. - Kenntnisse
über die Geschichte und Einsichten in ihr Wesen, vor allem über die
geschichtliche Bedingtheit unserer Existenz (Geschichtsbewusstsein)
sind in unserer Zeit unerlässlich für das selbstständige
Denken und Handeln der Menschen als mündige Bürger. Das hängt
damit zusammen:
- Die Kenntnis der Leistungen der vor uns lebenden
Menschen ermöglicht es, die heutigen wirtschaftlichen, wissenschaftlichen
und geistig-kulturellen Fortschritte real einzuschätzen
und weiter auszugestalten.
- Die Einsicht, dass die heutigen Menschen
nur ein Glied in der unendlichen Kette der Generationen sind, lässt unsere
Verpflichtung für die Bewahrung des Überkommenen,
besonders für die Sicherung der Existenzbedingungen der uns nachfolgenden
Generationen besser erkennen.
- Kenntnisse über die Geschichte
erschließen Möglichkeiten, aus der Vergangenheit
für die Gegenwart und die Zukunft zu lernen. Auch wenn die Geschichte
keine Auskünfte für die Beantwortung der Fragen der Gegenwart parat
hält, ist es aber möglich, aus den Erkenntnissen der Vergangenheit die
Eigenart gegenwärtiger Entwicklungen und sich stellender Handlungsnotwendigkeiten
zu erfassen. So ist es im Besonderen möglich, aus geschichtlichen Fehlentwicklungen
Lehren zu ziehen.
- Die Auseinandersetzung
mit der Geschichte befähigt zur Einschätzung
gegenwärtiger Ereignisse und Prozesse. So können beispielsweise
durch geschichtliche Vergleiche die Vorschläge und das Agieren politischer
Parteien oder Erklärungen von Politikern und Persönlichkeiten des öffentlichen
Lebens sachkundiger bewertet werden.
Geschichtsbewusstsein ist somit
die Grundlage und zugleich Veranlassung, die Aufforderung des großen deutschen
Philosophen IMMANUEL KANT zu verwirklichen:
"Habe Mut, dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!"
Geschichte macht Spass
Für Geschichtswissenschaftler und Geschichtslehrer ist die Beschäftigung
mit der Geschichte berufliche Tätigkeit, Neigung und Hobby.
Aber auch
für einen Fußballfan, eine Chorsängerin oder für einen Bankangestellten
kann die Beschäftigung mit Geschichte interessant sein. So kann es einem
Fußballfan durchaus wichtig sein und Freude bereiten, die Geschichte
des Vereins genauer zu erkunden, dessen Anhänger er ist. Und es gibt
nicht wenige Menschen, die sich mit der Geschichte ihrer Familie, ihres Betriebes
oder Berufszweiges, der Kirche ihres Heimatortes oder ihrer Theatergruppe beschäftigen
- aus Erkenntnisfreude und mit Spaß.