Veränderte
Anbaumethoden
Reformen in der europäischen Landwirtschaft erstreckten sich über
einen längeren historischen Zeitraum. Sie begannen bereits im ausgehenden
18. Jahrhundert mit entscheidenden Veränderungen
im Anbau von Feldfrüchten und in den Anbaumethoden.
So wurde z. B. die Kartoffel in immer größerem Stil angebaut.
Sie erlangte als Volksnahrungsmittel in fast allen europäischen Ländern
immer mehr Bedeutung. Entscheidend war in diesem Zusammenhang auch die Abkehr
von der in der Zeit KARLS DES GROSSEN eingeführten traditionellen Dreifelderwirtschaft
und die Hinwendung zur Fruchtwechselwirtschaft.
Mehr Vielfalt im Anbau und technische Neuerungen
Auch die Vielfalt im Anbau von Nahrungsmittel-
und Futterpflanzen nahm deutlich zu. Neben der Kartoffel zählten
nun vor allem auch Zuckerrüben, Klee, Kohl, Mais, Raps, Karotten,
Buchweizen und Hopfen zu den Feldfrüchten, die angebaut wurden.
Hinzu kamen Neuerungen im technischen Bereich
der Landwirtschaft. Der Pflug mit gewölbtem Streichblech ersetzte
die Hacke und andere primitivere Geräte. Das Pferd löste den
Ochsen als Arbeitstier auf den Feldern ab, und Sä- und Dreschmaschinen
kamen zum Einsatz.
Besonders wichtig waren die Errungenschaften der Agrikulturchemie.
Mit ihren Erzeugnissen konnten die traditionell verwendeten organischen
Dünger durch neue Düngemittel ergänzt werden. So empfahlen
der frühere Hofarzt ALBRECHT
DANIEL THAER (1752-1828) und sein Schüler SPRENGEL den Einsatz
stickstoffhaltiger Dünger wie Guano, Salpetersäure und Knochenmehl,
um verbrauchte Nährstoffe im Boden zu ersetzen. JUSTUS VON LIEBIG ging
noch einen Schritt weiter. Durch systematische Pflanzenuntersuchungen
wies er die Bedeutung anorganischer Salze, wie Phosphate oder Kalisalze,
für das Pflanzenwachstum nach. Der Kunstdünger war entdeckt. All diese Erkenntnisse und Entwicklungen führten zu
erheblichen Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft.
Reformen auf dem Land
Die gekennzeichneten Veränderungen in der Landwirtschaft sind eng
mit den zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchgeführten Agrarreformen verknüpft. Vor allem die Bauernbefreiung von feudaler Abhängigkeit war die notwendige Voraussetzung für
die Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft.
Insbesondere musste die unfreie Arbeit der Leibeigenen und der an die
Scholle gebundenen erbuntertänigen Bauern durch die Arbeit freier
Bauern ersetzt werden. In den süddeutschen und südwestdeutschen
Staaten waren bereits im 18. Jahrhundert die Fronlasten der Bauern in Grundlasten umgewandelt worden. Nun konnten sich die Bauern
mit Geld von diesen Grundlasten loskaufen und sich damit von ihrer Erbuntertänigkeit
befreien. Entsprechende Gesetze wurden in Süddeutschland zwischen 1806 und 1821 erlassen. Vielfach führte aber die traditionelle
Erbteilung des Bauernlandes weiterhin zu einer Besitzzersplitterung. Sie
war ihrerseits die Ursache dafür, dass viele Klein- und Kleinstbetriebe
wirtschaftlich zusammenbrachen und eine große Auswanderungswelle
der ehemaligen Bauern u. a. nach Amerika einsetzte.
Nur in Ländern wie Bayern, in
denen das Anerbenrecht vorherrschte, konnten wenigstens großbäuerliche
Betriebe überleben. In Preußen verlief die Bauernbefreiung ganz anders. Hier überwog die gutsherrschaftliche
Verfassung. Der einzige Weg für die gutsuntertänigen
Bauern in die Freiheit war die Ablösung der Fronlasten durch
Abtretung eines Drittels des bewirtschafteten Bodens an die Gutsherren.
Dadurch wurde zwar die Freizügigkeit der ländlichen Bevölkerung
hergestellt. Vielen Bauern blieb aber die Möglichkeit einer selbstständigen
Existenz verwehrt. Sie mussten ihren Boden verkaufen, als Landarbeiter
ihr Auskommen fristen oder als Industriearbeiter in die Städte gehen.
Durch die Befreiung der Bauern von den Feudallasten erhöhte sich auch ihr Eigeninteresse an der Produktivitätssteigerung durch die Anwendung technischer und technologischer Neuerungen. So stiegen
in Preußen zwischen 1816 und 1865 die Getreide- und die Kartoffelproduktion
auf das Zehnfache an. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
konnte die Produktionssteigerung in der Landwirtschaft mit dem Bevölkerungswachstum
aber noch nicht Schritt halten. Missernten nach 1815 führten zu Hungersnöten.
Auch die Jahre 1844 bis 1848 waren Hungerjahre. Erst in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts konnte die Landwirtschaft die rasant wachsende Bevölkerung
ernähren. Die Bauern konnten sogar Überschüsse erzielen
und ihre Einkünfte durch deren Verkauf auf nationalen und internationalen
Märkten erhöhen.