

Die
Katastrophe NAPOLEONS
NAPOLEONS Russlandfeldzug
von 1812, an dem auch 100 000 Deutsche teilnehmen mussten, endete in
der Katastrophe. Die Verluste waren ungeheuer:
Von den 600 000 Mann kehrten im Winter nur 50 000 aus Russland
halb erfroren zurück. Die von den Rheinbundstaaten gestellten deutschen
Regimenter wurden fast zur Gänze aufgerieben. Die preußischen
Hilfstruppen kamen glimpflicher davon. Die Österreicher hatten fast
keine Verluste. Ihrem Kommandeur, Fürst SCHWARZENBERG, gelang es, sie
weitgehend aus den Kämpfen herauszuhalten.
Erst nach dem Untergang der Grande Armée flammte in ganz Europa
der nationale Widerstand gegen die
französische Fremdherrschaft auf.
Zuerst wechselte der preußische General YORCK
VON WARTENBURG (Bild 1) die
Fronten und zündete damit in Deutschland den patriotischen Funken
des Widerstands:
YORCK war Kommandeur der auf Seiten Frankreichs kämpfenden preußischen
Hilfstruppen. Ohne die Zustimmung des preußischen Königs schloss
er mit dem russischen General DIEBITSCH beim litauischen Ort Tauroggen
eine Übereinkunft. In dieser Konvention
von Tauroggen verpflichtete sich YORCK zur Neutralität
seiner Truppen gegenüber den angreifenden
Russen. Diese Übereinkunft gegen NAPOLEON erlangte geschichtliche
Bedeutung.
YORCK VON WARTENBURG
YORCK VON WARTENBURG (1759-1830)
war Sohn des Hauptmanns einer preußischen Infanteriekompanie in
Potsdam. Schon als 13-jähriger trat er als Rekrut in den preußischen
Militärdienst und entwickelte sich hier zu einem ausgezeichneten
Offizier und Heerführer.
Ihm wurde deshalb vom preußischen König FRIEDRICH WILHELM III.
die Führung eines Hilfskorps übertragen.
Dieses musste entsprechend der preußischen Bündnisverpflichtungen
an der Seite der napoleonischen Truppen am Russlandfeldzug
von 1812 teilnehmen.
Nach der Niederlage der Grande Armée in Russland befand sich YORCK
in einer zwiespältigen Situation: Der konservative Preuße verachtete und hasste NAPOLEON und dessen
brutale Unterdrückungsherrschaft. Dieser hatte mit den von ihm diktierten
Bedingungen im Frieden von
Tilsit Preußen tief gedemütigt, von der europäischen
Großmacht zum bedeutungslosen Mittelstaat degradiert. Für YORCK
schien deshalb der geeignete Zeitpunkt gekommen, das Joch
der Fremdherrschaft abzuschütteln. Dazu bedurfte es aber des
Befehls seines Königs, der jedoch nicht kam.
YORCK war nach den Moralregeln altpreußischer Junker aufgewachsen
und erzogen worden. So bezeichnete er beispielsweise den preußischen
Reformer FREIHERR VOM STEIN als "unsinnigen Kopf" und dessen
Mitarbeiter als "Nattergeschmeiß". Die Offiziere, die
nach Preußens Niederlage und dem Kriegspakt mit Frankreich ihren
Dienst quittierten und auf die Seite Russlands wechselten, beschimpfte
er als "Rebellen" und "Meuterer". Deshalb fühlte
sich YORCK andererseits in unbedingter Gehorsamspflicht gegenüber seinem König. Das wiederum bedeutete in seinem Verständnis,
ohne dessen Befehl als Kommandeur der preußischen Hilfstruppen auf
Seiten NAPOLEONS ausharren zu müssen.
Das Ringen um die Konvention -
YORCK und CLAUSEWITZ
In dieser Situation kamen im Dezember 1812 russische
Unterhändler in das Stabsquartier YORCKS, der mit seinen Truppen
an der Westgrenze des heutigen Lettland stand. Sie forderten den General
auf, seine Truppen mit denen des Zaren zu vereinigen oder wenigstens eine
neutrale Stellung auf dem Westufer des Njemen zu beziehen. YORCK reagierte
auf die Anfragen und Aufforderungen ausweichend. Getreu seinem Fahneneid,
verwies er auf seine königlichen Befehle.
Gleichzeitig hatte er jedoch Eilboten nach
Berlin gesandt. In der Botschaft teilte er dem preußischen
König sein Empfinden mit, dass die veränderte militärische
Lage nach dem Untergang der französischen Truppen neue politische
Entscheidungen möglich mache. Der kluge Militär hatte die Gefahr
für sein Armeekorps erkannt, vernichtet zu werden, d. h. an
der Seite von NAPOLEON unterzugehen. Außerdem bat er seinen König
um rasche Antwort auf die Vorschläge des russischen
Zaren.
Als das "Erlösungswort" seines
Königs am 16. Dezember 1812 schließlich kam, enthielt
es nicht den erwarteten Befehl, sich mit den russischen Truppen zu vereinen.
Vielmehr erhielt er die Anweisung, mit den
napoleonischen Truppen im guten Einvernehmen zu bleiben.
Zum gleichen Zeitpunkt gingen Meldungen ein, dass Kosakenschwärme
an den Grenzen Ostpreußens streiften. Er stand aber immer noch mit
seinem Korps in Lettland und war offensichtlich von den vorrückenden
russischen Streitkräften umgangen worden. Auf Befehl des französischen
Oberkommandierenden erfolgte daraufhin der getrennte Rückzug
der Franzosen und Preußen bis zum litauischen Tauroggen
am Njemen. Unter den harten Winterbedingungen war der Rückzug für
die kriegsmüden Soldaten außerordentlich mühselig und
schleppend.
Die Russen hatten während dieser
Tage ständig Kontakte mit YORCK unterhalten. Ihr Ziel war nach wie
vor, die Preußen als Bundesgenossen zu gewinnen. Die Bestrebungen der russischen Armeeführung, den preußischen
General zu überzeugen, an der Seite Russlands gegen Napoleon zu kämpfen,
wurden durch CARL VON CLAUSEWITZ unterstützt. CLAUSEWITZ,
der spätere preußische General und Militärreformer an der Seite von SCHARNHORST und GNEISENAU, kämpfte als Freiwilliger
in der Russisch-Deutschen Legion gegen die französische Fremdherrschaft.
Der Disput von YORCK und CLAUSEWITZ dauerte bis tief in die Nacht hinein.
YORCK erwog militärische und formalrechtliche Rücksichten. CLAUSEWITZ
appellierte an die patriotischen Pflichten zur Befreiung Preußens.
Am Morgen des 29. Dezember 1812 hatte sich YORCK schließlich durchgerungen und war zum Handeln entschlossen.
Kaum hatte sich jedoch CLAUSEWITZ entfernt, um den russischen
General DIEBITSCH über einen Waffenstillstand zu informieren, erhielt YORCK per Eilboten königliche
Order. Sie verlangte von ihm, unbedingt am Bündnis
mit Frankreich festzuhalten. YORCK kam wieder ins Schwanken. Ihm
wurde erneut bewusst, dass er gegen die ausdrücklichen Befehle aus
Berlin verstieß, wenn er eigenmächtig mit Russland verhandelte.
Der Durchbruch zur patriotischen Tat
Als CLAUSEWITZ am Abend erneut mit YORCK zusammentraf, wollte dieser seine
Zusage an die russische Seite widerrufen. Es gelang CLAUSEWITZ jedoch,
den preußischen General davon zu überzeugen, dass er als
Patriot handeln und das Wagnis eingehen musste, ohne Einverständnis
seines Monarchen ein Signal zum Befreiungskampf zu setzen. YORCKS alter Hass gegen den französischen Eroberer, das
Erlebnis der Verbrüderung der preußischen und russischen Soldaten
auf dem Rückzug aus Lettland, all das überzeugte ihn letztlich
von der Richtigkeit seines Tuns. Mit den Worten "Ihr habt mich!" stimmte YORCK dem Waffenstillstandsvertrag schließlich zu. Seine hinzugerufenen Stabsoffiziere und Regimentskommandeure
begrüßten seinen Entschluss, die Kampfhandlungen gegen die
russischen Truppen einzustellen.
Am 30. Dezember
1812 unterzeichneten die Generäle
YORCK und DIEBITSCH in
der Poscherunschen Mühle nahe dem Dorf Tauroggen den Vertrag, der
als Konvention von Tauroggen in die
Geschichte einging.
Das preußische Korps trennte sich nach Vertragsabschluss von NAPOLEON
und bezog einstweilen im Gebiet zwischen Memel, Tilsit und dem Kurischen
Haff neutrale Positionen. YORCK hatte
sich nicht ganz auf Russlands Seite gestellt. Dennoch verfügte
FRIEDRICH WILHELM III., allerdings vergeblich, die Absetzung
und Festnahme YORCKS sowie die Einberufung eines Kriegsgerichts. Im Volk und in der Armee wirkte YORCKS Tat jedoch als Weckruf für
Preußens Erhebung gegen NAPOLEON.