





Plastiken
Die besondere Bedeutung und Anerkennung der Skulptur im Alten Ägypten
ergab sich aus ihrer Verwendung für den kultisch wichtigsten Ort.
Nach ägyptischen Vorstellungen wurde die Lebenskraft "ka"
als geistige Verkörperung des Verstorbenen in einer Statue verewigt
(Bild 1). Diese Statuen hatten die magische Funktion eines Ersatzkörpers.
Im Alten Reich ist das "ka" des Toten als lebensgroße
Statue im sogenannten Serdab 1) - einer besonderen Statuenkammer
- anwesend.
Im Mittleren und Neuen Reich thront die "ka-Statue" in der Mittelachse
des Grabes. Daneben gab es unzählige Götter- und Königsstatuen
in den Tempeln.
1) Serdab, arab. Sirdab = Keller; unzugänglicher kleiner Raum für die Statue des Verstorbenen im Oberbau von Mastabas bzw. Pyramidentempeln. Er war mit den anderen Kulträumen nur durch einen Mauerspalt in Augenhöhe verbunden.
Gestaltung der Statuen
Meist haben die ägyptischen Plastiken eine Grund- und eine Rückenplatte,
die den plastischen Raum festlegten. Zwei Typen von Statuen sind zu unterscheiden:
Sitzfiguren symbolisieren
eine Sonderstellung in der Gesellschaft. Sie thronen und sind damit herausgehoben
aus der Masse und zu einem ewigen Dasein verklärt (CHEOPS, um 2600
v.Chr.; CHEFREN, um 2550 v.Chr.). Im Unterschied dazu symbolisieren
die Stand-Schreit-Figuren
die Fähigkeit zur Bewegung. Eine gewisse Anspannung wird sichtbar,
die durch Muskulatur und geballte Fäuste unterstrichen wird (König
MYKERINOS mit seiner Frau, um 2520 v.Chr., Bild 2)
Unabhängig vom Lebensalter oder Zufälligkeiten
des Augenblickes meißelte man die Skulptur frontal aus dem Steinblock.
Arme und Beine blieben meist eng mit dem Körper und dem Steinblock
bzw. der Rückenplatte verbunden. Bei den Schreitfiguren wurde immer
das linke Bein vorgestellt. Trotz strenger und blockhafter Formen gestaltete
man im Alten Reich fast porträthaft.
Realistische und sehr intime Skulpturen entstanden, die durch naturgetreue
Wiedergabe bestimmter, auch hässlicher Persönlichkeitsmerkmale
expressiven Porträts nahe stehen.
(Amarna: von Pharao AMENOPHIS IV., ECHNATON, "Seele
des Aton" 1356-1340 v.Chr. und NOFRETETE gegründete Residenz
zur Verehrung einer einzigen Gottheit - des Sonnengottes Aton. Weil
dieser Pharao seinen Untertanen eine monotheistische Religion aufzwang,
mit den religiösen und einigen kulturellen Traditionen brach, wurde
er von der Geschichtsschreibung auch als "Ketzerkönig"
bezeichnet.)
Unter RAMSES II. kam es im Neuen Reich auch im Zusammenhang mit umfangreicher
Bautätigkeit zur massenhaften Herstellung von Königs- und Götterdarstellungen,
die wegen ihrer riesigen Ausmaße als Kolossalstatuen bezeichnet
werden. Als Fassadenskulptur
oder Osirispfeiler ragten sie über mehrere Meter hoch und sollten
schon durch die Größe Rang und Bedeutung von Göttern und
Herrschern betonen.
3000 Jahre gestalteten die Ägypter in Skulptur und Malerei außerdem Götter und Pharaonen als "Mischwesen". Wesen und Charakter eines Herrschers wurden im Menschenkopf ausgedrückt, Größe und Stärke aber im unbezwingbaren Leib des Löwen (Sphinx von Giseh, um 2550 v.Chr.). Die Statuen der Götter dagegen wurden mit Tierköpfen auf Menschenkörpern dargestellt: z. B. Anubis mit einem Schakal-, Bastet mit einem Katzen-, Amun und Chnum mit einem Widder- und Horus mit einem Falkenkopf (Bild 5). Daneben existierten eigenständige, sehr gut beobachtete Tierdarstellungen, die häufig im Zusammenhang mit der betreffenden Gottheit zu sehen waren.
Malerei
Auch Malerei und Relief waren fast
ausschließlich für Gräber und Tempel
bestimmt. Im Sinne dieses sakralen Charakters dienten die Reliefs und
Malereien nicht als Wanddekoration, sondern sie waren Bedeutungsträger
für Götterglauben, Jenseitsvorstellungen, Kult und Königsverehrung.
Im Alten Reich schildern die bemalten
Reliefs der Mastabas das irdische Leben des Grabherren als verklärte
Wirklichkeit. Erfahrungen des eigenen Lebens und des Alltags mit seiner
Familie wurden in idealisierter Form ins Jenseits übertragen. Ab
dem Mittleren Reich kamen neue Inhalte
hinzu: der siegreiche Pharao, der seine Feinde unterwirft, und, vor allem
in den Tempelreliefs, König-Gott-Szenen.
Der Pharao stand der Gottheit nun als Betender oder Opfernder in gleicher
Größe auf der gleichen Standlinie gegenüber - sozusagen
gleichberechtigt. Segnend spendete die Gottheit Lebens- und Glückssymbole
(Bild 6).
Bei den Malereien in den Felsengräbern des Neuen
Reiches beschrieben die Bilder die Reise des Pharaos zu Osiris,
dem Gott der Unterwelt, Gefahren und Schwierigkeiten, die auf dem Weg
ins Paradies zu überwinden waren, und Totenrituale,
z. B. die symbolische Mund- und Augenöffnung.
Regeln und Normen
Wie in Architektur und Skulptur blieb auch in Reliefkunst
und Malerei die Gestaltung fast 3 000
Jahre unverwechselbar. Es gab Regeln
und Normen, die jeder ägyptische "Künstler"
und Handwerker beherrschen musste. Dazu gehörten:
Wandflächen und später auch die Papyri wurden z. B. mithilfe
von sogenannten Registern
(Bildzonen) in verschieden breite Standlinien für Figuren oder Textspalten
für Hieroglyphen gegliedert. Bei Menschen und Tieren sollte das Wesentliche
der Körperteile unverzerrt in typischer Form hervorgehoben werden.
Das führte dazu, dass Figuren "aperspektivisch" dargestellt
wurden: der Kopf im Profil, Auge, Schultern, Arme und die Brust frontal,
aber vom Nabel abwärts wieder im Profil. Die ausführenden Handwerker
bedienten sich dabei eines Proportionskanons.
Mithilfe eines Quadratnetzes, das auf Grundmaßen des menschlichen
Körpers - abgeleitet von Handbreite, Fingerbreite und Elle -
beruhte, wurde die Figurendarstellung vorbereitet. Eine stehende Figur
war z. B. 18 Quadrate hoch, 6 bis zum Knie, 9 bis zum
Gesäß, 12 bis zum Ellenbogen. Einer sitzenden Figur
fehlten die 4 Quadrate vom Knie bis zum Gesäß. Durch den
Bedeutungsmaßstab
konnte die soziale Stellung von Personen ausgedrückt werden.
In der Amarnakunst wurden vorübergehend die überlieferten Inhalte außer Kraft gesetzt. Die reale Welt mit einmaligen, sogar intimen Szenen, wurde gestaltet. Individuell geprägte Darstellungen ECHNATONs, NOFRETETEs (Bild 9) bzw. der Königsfamilie geben den Wissenschaftlern bis heute Rätsel auf, so sehr widersprachen die fast karikierenden Darstellungen der Tradition.
2) Bedeutungsmaßstab: Unterscheidungen der Größenverhältnisse der Figuren vor allem bei Skulptur, Malerei und Relief in Abhängigkeit von ihrer sozialen Stellung und ihrer Bedeutung für das Dargestellte: z. B. Pharao und Götter am größten und an hervorragender Stelle der Komposition, Königinnen z. B. als Standfigur so groß wie eine königliche Sitzfigur, Diener wesentlicher kleiner, oft zwischen den Beinen der großen Figuren dargestellt.
3) Kartuschen sind in ägyptischen Hieroglyphentexten die ovale Umrahmung des Königsnamens (auch "Königsring" oder "Namensring"). Hieroglyphen (griech. hieros = heilig, glypho = gravieren; altägyptische Bilderschrift, um die Wende des 4. zum 3. Jahrtausend v.Chr. entstanden. Sie enthielt Laut-, Silben- und Wortzeichen und wurde vor allem für Monumentalzwecke verwendet.