Architekturstile des 20. Jahrhunderts: Rationale Architektur
Aus Sicht der Architektur
ist das 20. Jh. das Zeitalter der "Modernen Architektur".
Nach einer zu Beginn des Jahrhunderts als "Väter der Moderne"
bezeichneten, vom Frührationalismus und Funktionalismus geprägten
Phase folgte zunächst die Phase der "Klassischen Moderne",
die durch avantgardistische, gegen den Historismus gerichtete Architekturströmungen
gekennzeichnet war.
Die in der 2. Hälfte des 20. Jh. entstandenen unterschiedlichsten
Richtungen der Architektur wurden als sogenannte
"Nach-Moderne"
zusammengefasst. Vor allem galten die Prinzipien der Klassischen Moderne
und des International Style nicht mehr unangefochten. An ihre Stelle traten
eine Vielzahl unterschiedlicher Bautypen und Stile. Forderungen nach mehr
Symbolkraft, deutlichem Bezug zu historischen Vorbildern, Infragestellung
der Gesetze der Tektonik u. a. prägen bis in die Gegenwart diesen
Entwicklungsabschnitt. Neue Theorien und Anschauungen über Architektur,
wie sie z. B. im Minimalismus und Dekonstruktivismus, aber auch im
ökologischen Bauen sichtbar wurden, setzten sich durch. Neue Technologien
ermöglichten neue Gestaltungs- und Formfindungsprozesse. Bauteile und
ganze -systeme wurden industriell vorgefertigt und erst am Einbauort montiert,
Versorgungssysteme nicht mehr versteckt, der Entwurf vom Reißbrett
zum Computer verlagert.
Architekturströmungen der Phase
der Nach-Moderne (ca. 1968-Gegenwart) waren und sind:
- Antirationale Architektur,
- Postmoderne,
- Ökologische Architektur,
- High-Tech-Architektur,
- Dekonstruktivismus,
- Rationale Architektur.
Rationale Architektur
Rationale Architektur
(Ratio: lat. = Vernunft, Verstand) versteht die Baukunst als objektive Wissenschaft,
die auf Logik und Gesetzmäßigkeit beruht. Der Begriff und seine
theoretischen Grundlagen wurden erstmals 1966 vom italienischen Architekten
ALDO ROSSI formuliert. Diese
Stilrichtung lehnt die Überbewertung des Funktionalismus der Klassischen
Moderne zugunsten einer ganzheitlichen Entwurfslösung ab (Bild 1).
Theoretische Bestrebungen der "Architettura razionale" fußen
auf dem Studium von Architekturgeschichte, Gebäudetypen und Stadtentwicklung.
Dadurch sollen baukünstlerische Gesetzmäßigkeiten als "kollektives
Gedächtnis" erkennbar und schöpferisch kombiniert angewendet
werden. Elementare Bauformen wie Säulen, Pfeiler, Balken, Wände,
Giebel, Arkaden und die Betonung von Achsen und Symmetrie bestimmen die
streng formalen Bauten.
Dieser Stil wird von den Theoretikern der Rationalen Architektur nicht als
Fortsetzung oder Wiederbelebung des Rationalismus der zwanziger Jahre des
20. Jh verstanden. Für den "architektonischen Laien"
ist diese Position nicht immer nachvollziehbar.
Zu den
Architekten der Rationalen
Architektur gehör(t)en u. a.:
- ALDO ROSSI (1931-1997, Bild 1),
- GIORGIO GRASSI (* 1935),
- MARIO BOTTA (* 1943),
- BRUNO REICHLIN (* 1941),
- FABIO REINHARDT (* 1942),
- JOSEF PAUL KLEIHUES (* 1933, Bild 2),
- OSWALD MATHIAS UNGERS (* 1926).