



AUGUSTE RODIN - Stationen seines
künstlerischen Wirkens
Der am 12. November 1840 in Paris geborene AUGUSTE RODIN stand nach seinem
Studium an der École des Arts Décoratifs in Paris zunächst
unter dem Einfluss von ANTOINE-LOUIS BARYE und vor allem JEAN-BAPTISTE
CARPEAUX.
Seine Aufnahmegesuche an die École des Beaux-Arts wurden abgewiesen,
seine erste erhaltene Plastik "Mann mit zerbrochener Nase" stieß
auf Ablehnung.
Ab 1864 führte er Aufträge
für den Bildhauer ALBERT-ERNEST CARRIER-BELLEUSE aus. Auf einer Reise
nach Florenz und Rom (1875) beeindruckten
ihn besonders die Werke MICHELANGELOs.
Ein zweites wichtiges Bildungserlebnis wurde eine Reise zu den französischen
Kathedralen der Gotik
(1877), über die RODIN Jahre später eine Abhandlung verfasste
("Die Kathedralen Frankreichs", 1914).
Ab 1880 fand RODIN zunehmend Bewunderer seiner Kunst - besonders
der Dichter RAINER MARIA RILKE gehörte dazu, der 1905 sein Privatsekretär
wurde - und er erhielt öffentliche Aufträge.
1883-1893 verband RODIN eine enge Beziehung mit der Bildhauerin CAMILLE
CLAUDEL, die sich in zahlreichen erotisch motivierten Arbeiten widerspiegelt,
zum Beispiel in "Der
Kuss" (Marmor, 1886).
RILKEs Frau CLARA RILKE-WESTHOFF gehörte neben ÉMILE-ANTOINE
BOURDELLE zu seinen Schülern.
Als RODIN am 18. November 1917 in Meudon (südwestlich von Paris)
starb, sahen viele Bildhauer ihn als "neuen MICHELANGELO"
und den Erneuerer der modernen
Kunst an. Die meisten seiner Werke - neben Marmorarbeiten und Bronzegüssen
auch Zeichnungen, Radierungen und Gemälde - befinden sich heute
im Musée Rodin in Paris, dem ehemaligen Hôtel Biron, das
ihm seit 1908 als Atelier diente.
Begründer
der modernen Plastik
Bereits RODINs erste erhaltene Plastik "Mann mit zerbrochener Nase"
(Bronze, 1864) zeigt einen bis dahin unbekannten Realismus. Den leblosen akademischen Historismus des 19. Jahrhunderts überwand
RODIN endgültig mit der lebensgroßen Jünglingsgestalt "Das
eherne Zeitalter" (Bronze, 1876; Paris, Musée Rodin; Bild 12).
Die Plastik war eine Allegorie der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen
Krieg 1870/71, die bei ihrer Ausstellung einen Skandal auslöste: Man
warf RODIN vor, den anatomisch perfekt modellierten Körper direkt vom
lebenden Modell abgegossen zu haben. Um diese Vorhaltungen zu widerlegen,
arbeitete RODIN die Figur "Johannes der Täufer" (Bronze,
1878).
1880 erhielt RODIN den Auftrag für das "Höllentor" für das Musée des Arts Décoratifs in Paris. An diesem
monumentalen Werk mit mehr als 200 Figuren arbeitete er bis zuletzt;
doch das Werk blieb unvollendet.
Die Oberfläche der Skulpturen RODINs ist bewegt und zerklüftet, sodass ein reiches
Spiel von Licht und Schatten malerisch-impressionistische Wirkungen erzeugt,
ohne formauflösend zu wirken. Oft wird der Reiz des Skizzenhaften,
Unvollendeten und Zersplitterten gesucht, manchmal sind die Figuren nur
teilweise aus dem Block herausgearbeitet, zum Beispiel "Danaide"
(1885).
Indem RODIN mit dem Torso die Fragmentierung
einer menschlichen Figur zur künstlerischen Konzeption, zum eigenständigen
Motiv erhob, verwarf er bewusst die jahrhundertealte Forderung nach Unversehrtheit
einer bildhauerischen Arbeit.
Gern wird ARISTIDE MAILLOL RODIN als künstlerischer Antipode gegenübergestellt. Mit seinen Plastiken, zumeist weibliche Akte von heiterer Gelassenheit, zielte er auf stark vereinfachte Formen und geschlossene Silhouetten. Dem impressionistischen Oberflächenreiz der Figuren RODINs stellte MAILLOL eine klare, in sich geschlossene Plastizität gegenüber, die das Vorbild der klassischen Skulptur des antiken Griechenlands nicht verleugnet.
"Der Denker""RODIN, Bildhauerkünstler, wird beauftragt, für die Summe von 8000 Francs das Modell eines für das Musée des Arts décoratifs bestimmten Schmucktores in Basrelief auszuführen, das die Göttliche Komödie'; Dantes darstellt."So lautete ein an den Künstler gerichtetes Schreiben vom August 1880, mit dem er einen ehrenvollen und lukrativen Staatsauftrag erhielt. Doch das Museum wurde nie erbaut; an seiner Stelle, direkt am Ufer der Seine in Paris, errichtete man vielmehr einen prachtvollen Bahnhof. Dieser aber birgt heute just das Museum, in dem AUGUSTE RODINs Entwurf für das nie ausgeführte "Höllentor" aufbewahrt wird: das Musée dOrsay.