

"Der Architekt ist hochverehrlich
(Obschon die Kosten oft beschwerlich),
Weil er uns unsre Erdenkruste,
Die alte, rauhe und berußte,
Mit saubern Baulichkeiten schmückt,
Mit Türmen und Kasernen spickt."WILHELM BUSCH, "Maler Klecksel" (1884)
Eine der wichtigsten Leistungen der Architekturtheorie der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war es, die Hierarchisierung der Bauaufgaben gemäß der feudalen Gesellschaftsordnung zugunsten einer neuen Ordnung aufzugeben, in der der Charakter des Gebäudes die wichtigste unterscheidende Kategorie wurde. Da ein Schloss oder eine Kirche nicht mehr, sondern anderen Charakter haben konnte als etwa ein Gefängnis oder eine Scheune, war die Rangordnung der Gebäudetypen untereinander relativiert.
Aufgabe der Baukunst im 19. Jahrhundert
Die Aufgaben der Baukunst werden in den nun erscheinenden Architekturzeitschriften
diskutiert (z. B. im "Allgemeinen Magazin der Bürgerlichen
Baukunst" ab 1789), wo Probleme des Handwerks, der Bauphysik und
der Bauökonomie ebenso behandelt werden wie Fragen der Philosophie
und Ästhetik der Baukunst.
Darüber hinaus werden an den königlichen und fürstlichen
Akademien bereits seit der Mitte
des 18. Jahrhunderts Architekturklassen nach dem Vorbild der Pariser
"Académie Royale d'Architecture" eingerichtet, die nicht
nur der Ausbildung dienen, sondern auch über den "guten Geschmack"
in der Baukunst zu wachen haben.
So heißt es im "Reglement
für die Akademie der bildenden Künste und mechanischen Wissenschaften
zu Berlin" von 1790, dass alle Bauprojekte dem Oberhofbauamt der
Akademie zur Prüfung vorgelegt werden sollen, damit das
"über die wahren und einfachen Grundsätze des Schönen"
und "über die besten Mittel zur Verbreitung
des guten Geschmacks" entscheiden könne.
FRIEDRICH WEINBRENNER - Wegbereiter
einer neuen Architektenausbildung
Der Architekt FRIEDRICH
WEINBRENNER (1766-1826) z. B. gründete 1800 in Karlsruhe
eine private Bauschule mit einem umfassenden Lehrprogramm: Sprachen, Erdbeschreibung
und Geschichte, römische und griechische Baukunst; daneben Geometrie,
Mathematik, Mechanik; dazu geometrische, perspektivische und architektonische
Zeichenlehre sowie Theorie der Baukunst.
In solchen universalen Unterrichtsprogrammen geht es darum, Architekten-
und Ingenieursausbildung zu vereinigen. Denn in der Mitte des 18. Jahrhunderts
hatten sich das Bauwesen in einen
technischen und einen ästhetischen Zweig geteilt. Das innovative
Potenzial lag allerdings auf Seiten der Ingenieure, besonders nach der
Einführung der neuen Baumaterialien Eisen und Glas - das zeigte
sich erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Daneben blieben die von der Antike überlieferten und auch in der Renaissance und im Barock eingesetzten Säulenordnungen (dorisch, ionisch, korinthisch) weiterhin in Geltung.