

Vorstufen von Schrift und Zahl
Im alten Mesopotamien wurden etwa ab dem 9. Jahrtausend v. Chr.
tönerne Rechensteine
benutzt. Es gab vier Grundformen: Kugel, Kegel, Zylinder und runde Scheiben
(Bild 1). Diese Rechensteine waren etwa 500 Jahre lang fast unverändert
im Gebrauch. Sie hatten noch viele Nachteile, z. B. konnten Steine
verloren gehen und sie waren leicht manipulierbar. Als Verbesserung dieser
Methode galt die Einführung von hohlen eiförmigen Tonbörsen.
In diese wurden die Rechensteine gefüllt und anschließend mit
Ton verschlossen. Auf ihrer Außenseite wurden Steinsiegel angebracht.
So waren die Rechensteine fälschungssicher. Als nächste Stufe
wurden nicht nur Siegel angebracht, sondern auch Abdrücke, die die
Anzahl der Steine angaben. Später wurden die Steine durch abgerundete
Tonplatten ersetzt, die auf
ihrer Vorderseite Siegel und Zahlabdruck enthielten. Sie gaben Informationen
über die Anzahl der Objekte, sagten aber nichts über deren Art,
oder ob es sich um einen Kauf, Verkauf oder Tausch handelte. Auf dieser
Stufe war so eine Zahlschrift entstanden. In der letzten Stufe vor der
eigentlichen Schriftentwicklung enthielten diese Tontäfelchen
bereits bildhafte Darstellungen, die die gezählten Gegenstände
benannten. Es wurden auch Tonkugeln mit piktografischen Zeichen gefunden.
Daraus kann man schließen, dass Tonbörsen und Tontäfelchen
parallel im Gebrauch waren.
Die ältesten "Texte"
Die ältesten Schriftdokumente,
die in der Stadt Uruk gefunden wurden, sind rechteckige Tontafeln. In
ihre noch feuchte Oberfläche wurden Zeichen mit einem Griffel eingeritzt
bzw. eingedrückt. Dazu wurden die Tontafeln
in gleichmäßige Kästchen eingeteilt. Schreibgeräte
waren zylindrische Griffel, die angespitzt wurden.
Die Analyse der gefundenen Tontäfelchen ergab, dass es sich bei den
Texten vorwiegend um wirtschaftliche Aufzeichnungen handelte. Diese Texte
enthielten keine Pronomen und generell
keine sich wiederholenden Informationen. Allgemein bekannte Informationen
wurden weggelassen.
Einige der gefundenen Tafeln enthielten Summenbildungen
verschiedener Produkte. Dabei wurde auf der Vorderseite aufgeführt,
was zu addieren war und auf der Rückseite findet sich das Ergebnis.
Es waren immer Summen von konkreten Objekten, reine Rechnungen fand man
nicht.
Die Schriftentwicklung
Die erste Form der Schrift in Mesopotamien ist die piktografische
Wortschrift. Sie enthält
sowohl naturalistische Bilder von Tieren,
Pflanzen, Geräten usw. als auch abstrakte
Symbole ohne unmittelbar erkennbaren Bezug zu realen Gegenständen.
Einige der Piktogramme zeigen Abbilder
von Rechensteinen, z. B. einen Kreis mit einem eingeritzten Kreuz.
Die Schriftzeichen (Bilder)
wurden ohne vorgegebene Reihenfolge in die eingezeichneten Kästchen
geritzt. Dies steht im Gegensatz zu Zahlzeichen, die nach ihrer Wertigkeit
geordnet wurden. Die Tafeln wurden von rechts nach links und von oben
nach unten beschriftet (Bild 2).
Der Einsatz von Piktogrammen
hat mehrere Nachteile: Jedes Zeichen bezog sich immer auf einen konkreten
Gegenstand. Das hieß, es musste eine große Anzahl von Zeichen
verwendet werden. Ein größerer Nachteil aber war die Ungenauigkeit
der Schrift. Sie enthielt viele Mehrdeutigkeiten,
da ein Zeichen für eine Reihe von Begriffen stand. In diesem Stadium
war die sumerische Schrift eher eine Gedankenstütze
als ein Mittel, um etwas zu dokumentieren und zu archivieren. Diese Schrift
diente also nicht dazu, jenen etwas mitzuteilen, die keine Kenntnis von
dem Vorgang hatten. Mit einer piktografischen Schrift war es nicht möglich,
komplexe Gedankengänge zu formulieren.
Trotzdem finden sich in den sumerischen Texten bereits erste Phonetisierungsansätze.
So werden einige Zeichen bereits als Silbenzeichen
benutzt. Damit wurde versucht, genauere Bestimmungen von Gegenständen
zu ermöglichen.
In Ägypten entwickelten sich so die Hieroglyphen,
die ein Zeichensystem mit piktografischen, ideografischen und phonetischen
Merkmalen sind.