






"Der Plastiker, der uns ergötzt,
Weil er die großen Männer setzt,
Grauschwärzlich, grünlich oder weißlich,
Schon darum ist der löb- und preislich,
Daß jeder, der z. B. fremd,
Soeben erst vom Bahnhof kömmt,
In der sonst unbekannten Stadt
Gleich den bekannten Schiller hat."
WILHELM BUSCH, "Maler Klecksel" (1884)
Der Unterrichtung und Bildung dienten in der Bildhauerkunst des 19. Jahrhunderts vor allem die in seinem Verlauf immer zahlreicher werdenden Denkmäler. Die meisten wurden einzelnen verdienten Persönlichkeiten gesetzt (z. B. Luther-Denkmal in Wittenberg von GOTTFRIED SCHADOW, 1817-1821; Dürer-Denkmal in Nürnberg von CHRISTIAN DANIEL RAUCH, 1837-1840, Bild 1)..
Viele aber verewigten auch bedeutende historische Ereignisse (siegreiche Schlachten oder Kriege) oder dienten der politischen Propaganda: Die Bavaria in München 1838-1845, die Siegessäule in Berlin 1873, das Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald 1875, das Niederwalddenkmal 1883, die Freiheitsstatue in New York 1886, das Kyffhäuserdenkmal 1891-1896, das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig 1898-1913 (Bild 2). Nicht selten wurde dabei die Unterstützung durch die Baukunst in Anspruch genommen, sodass, wie in Leipzig, riesig große Monumente entstanden.Denkmäler für einzelne bedeutende
Personen wurden bereits 1773 von dem schweizer Philosophen und Ästhetiker
JOHANN GEORG SULZER (1720-1797) gefordert. Ein Denkmal sollte nun
nicht mehr das Vorrecht von Herrschern sein, sondern auch bedeutenden
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gelten, wie Feldherren,
Gelehrten, Musikern, Dichtern, Wissenschaftlern, Philosophen usw.
SULZER berief sich bei seiner Forderung auf das Beispiel der Antike. Nach
deren Muster auf Plätzen errichtet, sollten sie "das
Andenken jedes verdienstvollen Bürgers des Staats für die Nachwelt
aufbehalten, ... um die Menschen zum Verdienst und zur bürgerlichen
Tugend aufzumntern." ("Allgemeine Theorie der schönen
Künste" 1773, Stichwort "Denkmal").
Der Grundgedanke einer Verbindung von Kunst und Moral fiel beim aufgeklärten
Bürgertum des späten
18. und des frühen 19. Jahrhunderts auf fruchtbaren Boden. In
Deutschland stand um 1800 nur ein gutes Dutzend solcher von SULZER gewünschte,
dem "Verdienst" und der "Tugend" gewidmete Denkmäler.
1883 waren es bereits über 800. Diese Inflation blieb nicht
ohne Gegenreaktion. Über die "Monumentensucht"
seiner Zeit klagte schon 1837 der Philosoph ARTHUR SCHOPENHAUER (1788-1860).
Andere äußerten sich drastischer: "Denkmalpest",
"Denkmal-Bettel", "Denkmalwut", "Denkmalsbetrieb",
"Denkmalseuche", "Denkmalindustrie", "Denkmalmisere".
Das Denkmal und seine künstlerische
Qualität
Denkmäler sind teuer. Wenn der Staat nicht mit finanzierte, waren
Geldsammlungen nötig.
Es wurden - etwas ganz Neues - Wettbewerbe ausgeschrieben für
den besten Entwurf. Jurys stimmten nach oft jahrelangen Auseinandersetzungen
ab. Was am Ende auf den Sockel gehoben wurde, war meist ein Kompromiss
und selten von hoher künstlerischer Qualität. Darum haben ganz
wenige Denkmäler bis heute anhaltende Akzeptanz gewonnen. Das liegt
an der großen Schwierigkeit, Individualität und Idealität
überzeugend zu verbinden.
Das Goethe-Schiller-Denkmal
Der Konflikt lässt sich an der Entstehungsgeschichte
des Goethe-Schiller-Denkmals in Weimar verfolgen: Schon 1825 hatte
man dort den Wunsch, dem Dichterpaar
JOHANN WOLFGANG VON GOETHE (1749-1832) und FRIEDRICH SCHILLER (1759-1806)
ein gemeinsames Denkmal zu stiften. Aus den Plänen wurde aber nichts.
Drei Jahre nach GOETHEs Tod kam die Idee wieder auf. Man beauftrage den
Berliner Bildhauer CHRISTIAN
DANIEL RAUCH (1777-1857), doch vierzehn Jahre lang geschah nichts.
1849, anlässlich von GOETHEs 100.Geburtstag, mahnte man RAUCH, und
der präsentierte nun einen Entwurf: GOETHE und SCHILLER nebeneinander
stehend als Heroen in antikem Gewand. Einspruch von König LUDWIG I. von Bayern,
der einen erheblichen finanziellen Beitrag leistete: "Deutsches
Kostüm!" RAUCH winkte ab. Der Dresdener Bildhauer ERNST
RIETSCHEL (1804-1861) übernahm den Auftrag. Das Denkmal wurde
im September 1857 auf dem Platz vor dem Nationaltheater
enthüllt. Da steht es heute noch: GOETHE und SCHILLER in zeitgenössischer
bürgerlicher Tracht. SCHILLER mit langem, weit aufgeschlagenem Django-Mantel,
jugendlich, bewegt, visionär; GOETHE mit kürzerem aber nicht
zugeknöpftem Rock verhaltener, gesammelter, gesetzter, wirklichkeitszugewandter.
Mit der Rechten halten sie gemeinsam einen Lorbeerkranz, GOETHEs Linke
fasst kameradschaftlich SCHILLERs Schulter. Am Sockel wurde die die Inschrift:
"Dem Dichterpaar / Goethe und Schiller / das
deutsche Vaterland" angebracht. GOETHE und SCHILLER begegnen
uns hier als deutsche Bürger, in realitätsnaher und zugleich
idealer Verkörperung (Bild 3).
Probleme der Denkmalsplastik
Es blieb aber ein Problem
der Denkmalsplastik: Kann man Genialität
überhaupt darstellen und wie? Kann man die inspirierte Geistigkeit
einer bedeutenden Persönlichkeit durch Körperstellung und -haltung,
durch Gestik und Mimik in Verbindung mit einem passenden Gewand zum Ausdruck
bringen?
"Will man die Stadt mit Skulpturen verzieren, so ist mannigfache Gelegenheit: man kann das Fronton [die Fassade] der Bibliothek mit Reliefs, ihre Nischen mit Statuen füllen, man kann die Brunnen mit Tritonen und Neptunen verzieren u.dgl. Aber man wolle nicht aus Goethes geweihter Person eine Zierpuppe der Stadt machen: man setze ihn nicht in die Allee auf einen Lehnstuhl in antikem Pudermantel, eine Rolle in der Hand, als wolle er gemüthlich sich frisieren lassen und die Zeitung dazu lesen; oder lasse ihn in pensiver [nachdenklicher] Stellung dastehn, als könne er den Reim nicht finden. Helden kann man eine heroische Stellung geben, aber dem Poeten nicht: daraus entspringt die Verlegenheit."
Mit klassizistischen oder realistischen Mitteln war aus dieser Klemme
nicht herauszukommen. Also weder mit Idealisierung
noch mit Wirklichkeitstreue.
Aber ebenso wie die impressionistischen Maler inzwischen die Effizienz
des Pinselstrichs als Möglichkeit entdeckt hatten, ihren Bildern
Vibration, Lebendigkeit, Frische zu verleihen, so fanden jetzt die Bildhauer
die Chancen einer gelösten, aus ihrem Arbeitsmaterial, der Tonmasse,
entwickelten Modellierweise.
Meister, in dieser Art zu modellieren, waren einige französische
Künstler, unter ihnen bezeichnenderweise auch Maler: HONORÉ
DAUMIER (1808-1879), EDGAR DEGAS (1834-1917). Sie werden überboten
von dem Bildhauer AUGUSTE RODIN
(1840-1917, Bild 5). Mit ihm beginnt die Epoche
der Moderne in der Plastik. Er war vor allem Modelleur und arbeitete
vorzugsweise in Ton. Die Übertragung in Marmor oder in ein größeres
Format überließ er Gehilfen. Seine späteren Werke lassen
überkommene Positionen weit hinter sich und stoßen in eine
Zukunft vor, in welcher das Material
der Bildhauerkunst selbst zum Thema wird, wenn bei RODIN auch noch
getragen von einer wenigstens ungefähren Abbildlichkeit.
Das Denkmal für die Bürger
von Calais
Das Denkmal für die Bürger
von Calais (1884-1895, Bild 6) erinnert an die Opferbereitschaft
einiger Einwohner zur Zeit der Belagerung der Stadt durch englische Truppen
im Mittelalter. Mit Kutten bekleidet,
den Schlüssel der Stadt zwecks Übergabe an den Feind in Händen,
stehen sie als unzentrierte Gruppe zusammen,
unterwegs in den sicheren Tod (sie wurden jedoch am Ende begnadigt). Mit
einer gelösten Modellierweise, welche die Chancen einer groben Oberfläche
zur Verlebendigung nutzt und dabei anatomische Details vernachlässigt,
gelingt es RODIN, jenes lange zurückliegende Ereignis zu vergegenwärtigen.
Sein ursprünglicher Plan war es, die sechs Männer auf einen
hohen Sockel zu stellen und so
zu einem weithin sichtbaren Zeichen für bürgerliche Tugend werden
zu lassen. Am Ende entschied er anders, er wollte sein Werk ohne Sockel,
die Männer sollten mitten im Leben sein. Das Denkmalkomitee
lehnte ab, setzte einen Sockel durch und ein eisernes Geländer (vor
einigen Jahren wurde RODINs Idee wenigstens teilweise verwirklicht und
die Gruppe auf einen niedrigeren Sockel gestellt).
RODINs Erleuchtung: Es kommt nicht
auf korrekte Anatomie, Kostüm, Gesten oder Details an, sondern auf
die Dynamik der großen Form.
Er tauchte einen Schlafrock
in flüssigen Gips, drapierte ihn auf ein Gestell und montierte in
den Halsausschnitt einen der vielen Bildnisköpfe BALZACs aus dem
Atelier: Figürlich fällt die Sache auseinander, aber künstlerisch
hält sie. Künstlerisch ist RODINs "Balzac" ein genialer
Wurf: Die Gestalt des Dichters schießt wie eine Fontäne steil
vom Sockel auf und lehnt dabei leicht schräg am Raum. Die Faltenzüge
der Kutte bilden energische Volumenbahnen, die Licht fangen und führen.
Am Gipfel der Plastik leuchtet das Haupt; hier strahlt Licht dank zahlloser
Volumenpartikel als blendender Glanz. Die ganze Figur
ist ein Erektil, Zeugnis höchster schöpferischer Potenz.
Völlige Vergeistigung
des Materials - aber nicht dünnblütig klassizistisch,
sondern äußerst vital. Elektrizität dichterischer Inspiration
als aus dem Material entwickelter plastischer (und nicht gegenständlicher)
Impuls (Bilder 7 und 8).
Ein überlebensgroßer Bronzeguss von RODINs "Balzac" wurde erst 1939 am Boulevard Raspail, schräg gegenüber vom berühmten Künstlertreff, dem Café Le Dôme, aufgestellt.