Kunst
Das Staatliche Bauhaus
Das Staatliche Bauhaus in Dessau: Teil der Glasfassade im Eingangsbereich des Bauhauses in DessauWILHELM WAGENFELD zusammen mit KARL J. JUNCKER: Glaslampe; 1923/24, Dessau, MeisterhäuserWILHELM WAGENFELD zusammen mit KARL J. JUNCKER: Stehlampe mit stumpfkegeliger Glasglocke, Dessau, Bauhaus WILHELM WAGENFELD zusammen mit KARL J. JUNCKER: Tischlampe mit stumpfkegeliger Glasglocke, Dessau, BauhausLampe mit Leuchtstoffröhre, Dessau, Bauhaus: Mischbatterie am Waschbecken im Meisterhaus, Dessau, BauhausMischbatterie Badewanne, Dessau, BauhausDas „goldene Zimmer“ im Kandinsky-Haus: MARCEL BREUER: Clubsessel, Freischwinger, 1927, Dessau, BauhausEines der MeisterhäuserAtelierfenster MeisterhäuserDie Schalter und Steckdosen im Meisterhaus sind vom Design her an die Lampen WAGENFELDs/JUNCKERs angelegt: Laubenganghaus in Dessau, 1929/30, Archtekt: HANNES MEYERSiedlung Törten, Architekt: WALTER GROPIUSDas Gebäude des „Konsumvereins in Dessau und Umgebung“ in der Siedlung Törten, Architekt: WALTER GROPIUS
Gründungsphase
Aus der Vereinigung der Weimarer Kunstakademie und der Weimarer Kunstgewerbeschule als einem „Zentrum zur Beratung von Industrie und Gewerbe“ entstand 1919 das „Bauhaus“ als wichtigste Kunstschule im 20. Jhd. (Bild1). Gründer war der Architekt WALTER GROPIUS. Das Bauhaus erlangte seine Bedeutung aus einer neuen Form künstlerischer Zusammenarbeit.
Es entwickelte sich zu einem Zentrum moderner funktionaler Gestaltung. An der Schule lehrten so bedeutende Künstler (Maler, Architekten, Designer) wie

Ideen und Konzepte
Es trafen verschiedene Ideen und Konzepte zusammen:
Jeder Studierende wurde in jedem Fach von zwei Lehrern, einem Künstler und einem Handwerker, unterrichtet. Diese schöpferische Doppelstrategie wurde erst 1925 nach dem Umzug von Weimar nach Dessau (Bild 1 und 2) aufgegeben, da inzwischen eine neue Lehrergeneration herangebildet worden war, die zugleich die Fähigkeiten eines Künstlers, Handwerkers und industriellen Formgestalters in sich vereinigen konnte und in Lehrstellen und in den Meisterrat berufen wurde.

Erste Stufe war die von ITTEN entwickelte Vorlehre mit Naturstudium, Kompositionsstudien in verschiedenen Materialien und den Analysen der Werke der alten Meister mit Skizzen zum Bildaufbau und Farbauszügen.
PAUL KLEE beschrieb in seinem „Pädagogischen Skizzenbuch“ von 1925 die Beziehungen von Linien, Flächen und Richtungen und beschäftigte sich in seiner Lehre mit den Kräften und Funktionen der bildnerischen Elemente.
WASSILY KANDINSKY entwickelte für den Unterricht die Methoden des analytischen Zeichnens, bei dem die Gegenstände eines Stilllebens zuerst in einem möglichst knappen Schema in ihrem Gesamtaufbau zu erfassen sind und die dann stufenweise in einem konstruktiven Netz aus Beziehungen von Farben, Formen und Energiespannungen dargestellt werden.

Die zweite Stufe war die Werklehre in den Werkstätten, die nach drei Jahren mit einem Gesellenbrief beendet werden konnte. Das Bauhaus wollte aber keine Handwerkerschule sein, sondern bejahte den Einsatz von Maschinen und suchte bewusst die Verbindung zur Industrie. Die neu gegründete Bauhaus GmbH übernahm dabei den Verkauf der in den Werkstätten geschaffenen Modelle für die industrielle Produktion. Besonders die Möbelwerkstatt unter MARCEL BREUER (1902–1981) und die Metallwerkstatt unter MOHOLY-NAGY mit ihren Entwürfen für Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände hatten bedeutende Erfolge.

Die dritte Stufe in der Ausbildung war die Baulehre mit praktischer Arbeit auf Baustellen. Die besonders Befähigten, die auf dem Probierplatz des Bauhauses die Werk- und Formlehre weiterentwickelten, erhielten den Meisterbrief. Die praktische architektonische Ausbildung sollte durch Kurse zur Theorie der technischen Ingenieur-Wissenschaften, wie Statik, Mechanik, Physik, Chemie und anderer für den Bau relevanter Bereiche, ergänzt werden. Vor allem die modernen Baustoffe wie Glas, Stahl und Beton sollten, verbunden mit neuen, kühnen Konstruktionsmethoden, einen organisch-funktionellen „Bauleib“ ohne Dekor und Verspieltheiten schaffen. Die starre Symmetrie sollte zugunsten einer rhythmischen Balance aufgegeben werden.

„Der neue Baugeist bedeutet: Überwindung der Trägheit, Ausgleich der Gegensätze“ (W. GROPIUS). Die soziale Funktion von Architektur und Kunst wurde zur neuen Richtlinie, für die sich die künstlerische Ausbildung mit der industriellen Produktion verbinden sollte. Für die Bautätigkeit wurde deshalb schon damals die technisch-industrielle Typisierung aller Bauteile gefordert.

Umzug nach Dessau
Mit dem Umzug nach Dessau 1925 ergab sich die Notwendigkeit, ein neues Gebäude für das Bauhaus zu errichten, das im Auftrag der Stadt nach den Bauplänen von GROPIUS in einjähriger Bauzeit fertig gestellt wurde. Richtige Sonnenlage, kurze Verkehrswege, funktionale Zuordnung einzelner Abteilungen und Variationsmöglichkeiten der Raumabfolgen für notwendige Veränderungen waren die Leitmotive des Entwurfes.

Zu den weiteren wichtigen Aktivitäten gehörte die Bühne am Bauhaus, die OSKAR SCHLEMMER leitete. Seine Zeichnungen über das Verhältnis der menschlichen Figur zum Raum, die geometrischen Figurinen und die mechanistische Choreografie für sein „Triadisches Ballett“ zeigen die Komplexität der kreativen Arbeit am Bauhaus. Zu besonderen Anlässen waren auch speziell inszenierte Feste und Bauhausabende mit Musik und Vorträgen ein Ausdruck für eine neue Form von Lebensgemeinschaft, in der Lehren und Lernen, Leben und Arbeiten zu einer neuen Gesellschaft und zur Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse für alle führen sollten.

Die große Breitenwirkung der Bauhaus-Idee, die von ihrer Bedeutung auch in der Gegenwart noch immer nichts verloren hat, erklärt sich auch aus den zahlreichen Veröffentlichungen des Bauhaus-Verlages. Die erfolgreiche Schriftenreihe wurde von der Werkstatt für Buchgestaltung und Typografie und der erst später eingerichteten fotografischen Werkstatt mit modernsten technischen Verfahren realisiert. Die Bauhaus-Künstler gaben den Veröffentlichungen mit der Gestaltung der Titelblätter und mit dem neuen Layout ein unverwechselbares Gesicht.

In der Ausstellung „Kunst und Technik, eine neue Einheit“ wurden schon 1923 in Weimar die Ergebnisse der Arbeit am Bauhaus erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Nach vielen weiteren Ausstellungen wurde schließlich 1938 die Ausstellung „Bauhaus 1919 bis 1928“ im Museum of Modern Art in New York zu einer umfassenden Bilanz der Wirkung der Bauhaus-Idee, die nun ihre weltweite Ausstrahlungskraft unter Beweis stellen konnte.

Das Bauhaus konnte zwar den ersten reaktionären politischen Anfeindungen in Weimar durch seinen Umzug 1925 nach Dessau entgehen. 1933 wurde es von den Nationalsozialisten als „Brutstätte des Kulturbolschewismus“ geschlossen. Die prägende Wirkung des Bauhauses auf Kunst und Kultur des 20. Jahrhunderts konnte durch die Maßnahme aber nicht unterdrückt werden, da die Künstler, die am Bauhaus unterrichtet hatten, in die USA emigrierten und dort in beratender oder in leitender Funktion an der Gründung neuer Hochschulen für Architektur und Gestaltung mitwirkten.

Entwicklungsphasen (nach R. WIEK, 1982)
Die drei Entwicklungsphasen des Bauhauses sind:

1. Die Gründungsphase 1919–1923
Nach Beendigung des Vorkurses begann die Ausbildung der Studenten in speziellen Werkstätten, z. B. Druckerei, Töpferei, Metallwerkstatt, Wandmalerei, Glasmalerei, Tischlerei, Bühnenwerkstatt oder Weberei. Die Werkstätten wurden geleitet durch einen Meister des Handwerks und einen Meister der Form. Die Unterordnung des Handwerksmeisters unter den Formmeister führte jedoch zu sozialen Spannungen. Es entstanden Designunikate, welche die ersten Versuche einer neuen Produktästhetik darstellten.

1923 veranstaltete das Bauhaus die erste große öffentliche Ausstellung der erarbeiteten gestalterischen Lösungen. Die Produkte basierten auf einem künstlerischen Entwurf, der die Funktionalität in den Vordergrund stellte und sich schon an einer möglichen industriellen Herstellung orientierte. Die neuen Architekturkonzepte einer funktionalen und rationalisierten Bauweise zeigte das Musterhaus „Am Horn“.

2. Konsolidierungsphase 1923–1928
Die Schule entwickelte sich zu einer Lehr- und Produktionsstätte für industrielle Prototypen. Die Entwürfe sollten sich an den industriellen Produktionsbedingungen und den Bedürfnissen breiter Bevölkerungsschichten orientieren. Mit der Entwicklung der Stahlrohrmöbel von MARCEL BREUER (Bild 10) 1925 gelang ein entscheidender Schritt zu funktionsgerechten massenproduzierbaren Möbeln. Ziel der Gestaltungsarbeit waren preiswerte Produkte mit hoher Funktionalität. Im Zuge dieser Entwicklung kam es zur Zurückdrängung zweckfreier künstlerischer Experimente zugunsten angewandter Gestaltungsaufgaben. Typisierung, Normierung, serielle Herstellung und Massenproduktion veränderten das Profil der Schule, so dass es zwischen den Lehrern zu unterschiedlichen Auffassungen kam und J. ITTEN das Bauhaus verließ.

Der Schweizer Architekt HANNES MEYER (s. a. Bild 14) begründete eine wissenschaftlich fundierte Architekturausbildung. 1924 beschloss der thüringische Landtag die Schule finanziell nicht mehr zu unterstützen, da sie mit ihrem sozialpolitischem Engagement den konservativen rechten Mehrheitsparteien nicht entsprach.
1925 erfolgte der Umzug nach Dessau.

3. Desintegrationsphase 1928–1933
1928 wurde HANNES MEYER Direktor des Bauhauses. Unter seiner Leitung gab es zahlreiche Reformen, z.B. die Schaffung neuer Fachgebiete (Fotografie, Plastik, Psychologie) und die Einrichtung einer Bauabteilung als Kern der Ausbildung. Die Errichtung der Meisterhäuser (Bilder 11–13) und der Siedlung Dessau-Törten (Bilder 15, 16) verdeutlichten die Idee des Baus als Gesamtkunstwerks unter der Prämisse der sozialen Bestimmung von Architektur und Design. Das ursprüngliche Konzept der freien künstlerischen Entwicklung entsprach nicht mehr der den neuen Anforderungen. Die Künstler KLEE, KANDINSKI, MUCHE, MOHOLY-NAGY und SCHLEMMER sahen sich in den neuen vorrangigen Bauaufgaben und der Hinwendung zur industriell- technischen Gestaltung nicht mehr verwirklicht und verließen das Bauhaus.
1930 emigrierte HANNES MEYER aus politischen Gründen nach Moskau und der Architekt MIES VAN DER ROHE übernahm bis zur Schließung des Bauhauses 1933 durch die Nationalsozialisten die Leitung.

Bedeutung des Bauhauses
Die Bedeutung des Bauhauses für die moderne Architektur und das moderne Design ist bis in die Gegenwart ablesbar:

Das Bauhaus nach 1933
Mit der Institutsschließung am 11. April 1933 wurde die Entwicklung der bedeutendsten Schule für Architektur, Design und Kunst des 20. Jahrhunderts in seinem Ursprungsland abgebrochen. Doch gerade durch die Behinderung und Unterdrückung in Deutschland fand das Ideengut des Bauhauses multiplikativ erweiterte Wirkungsmöglichkeiten. Viele Lehrer und Schüler emigrierten ins Ausland, wo sie ihre künstlerischen und pädagogischen Bestrebungen fortsetzten.

Wichtigstes Zielland des Exodus bildeten die USA. Hier bestand großes Interesse an den Programmen und Leistungen des Bauhauses. Es waren weniger politische als berufliche Erwägungen, die den Entschluss zur Auswanderung reifen ließen. Der Großteil der Bauhäusler reiste auf Einladung namhafter Lehrinstitute in die USA, mit der Erwartung, bessere Möglichkeiten für die Realisierung ihrer Visionen vorzufinden.

Es entwickelte sich eine Vervielfältigung der Bauhausprinzipien. Die immigrierten Künstler waren nicht mehr an einem Ort vereint, sondern strömten mit ihren Ideen ins ganze Land. Jeder für sich entdeckte eigene Betätigungsfelder mit mehr oder weniger starken Auswirkungen auf die amerikanische Kultur.

Den Grundstein für die Bauhausrezeption im Exil legte die 1938 im Museum of Modern Art in New York stattfindende Ausstellung „Bauhaus 1919–1928“. Die Präsentation ihrer Ideen und Werke ebnete den Einwanderern den Weg und kündigte zugleich den Durchbruch der Moderne in den USA an. Als Botschafter dieser neuen kulturellen Bewegung setzten sich die Bauhauskünstler zum Ziel, eine zeitgemäße Architektur und Gestaltung in ihrer neuen Heimat durchzusetzen.

Eine Leitfigur der Moderne im Bereich der Architektur war WALTER GROPIUS. Seine Reputation in Praxis und Theorie verhalf ihm 1937 zu einer Professur an der renommierten Harvard University. Im darauf folgenden Jahr übernahm er die Leitung der Architekturabteilung der Graduate School of Design. Gemeinsam mit MARCEL BREUER betrieb GROPIUS ein Büro für Bauwesen und konnte seine Karriere als einer der großen Architekten des 20. Jh. ausbauen.
Mit LUDWIG MIES VAN DER ROHE kam 1938 eine weitere führende Persönlichkeit der deutschen Baukunst in die USA. Er übernahm bis 1958 den Direktionsposten der Architekturabteilung des Armour Institute of Chicago, aus dem später das Illinois Institute of Technology hervorging. Sowohl als akademischer Lehrer wie auch als Architekt berühmter Hochhausbauten in Chicago und New York spielte MIES VAN DER ROHE eine entscheidende Rolle in den Vereinigten Staaten. Er gilt als maßgebender Repräsentant des Internationalen Stils.

Nicht nur auf dem Gebiet moderner Architektur gewann die Bauhausnachfolge in den USA an Bedeutung, sondern auch als fortschrittliche Ausbildungsstätte von Künstlern und Designern.

LÁSZLÓ MOHOLY-NAGY gründete 1937 in Chicago das New Bauhaus, welches heute unter dem Namen Institute of Design existiert. Es war die unmittelbare Nachfolgeschule des unter nationalsozialistischem Druck aufgelösten Bauhauses. Hier wurde das von GROPIUS in Weimar und Dessau entwickelte Ausbildungsprogramm fortgeführt. Hinzu kamen verstärkt naturwissenschaftliche und humanistische Inhalte sowie der Einsatz maschineller Techniken. Durch ein diszipliniertes Experimentieren mit Materialien, Techniken und Formen wollte MOHOLY-NAGY die gestalterischen Fähigkeiten seiner Studenten beflügeln.
Er erweiterte das Lehrprogramm und nahm zusätzlich zu Malerei und Skulptur auch Fotografie, Film, Musik und Dichtung in den Kunstunterricht auf. Die von ihm eingeführte systematische Berufsausbildung in den Disziplinen Grafikdesign und Fotografie geschah erstmalig in den USA.

Ebenso großen Einfluss auf die amerikanische Kunstpädagogik hatte JOSEF ALBERS (1888–1976), der 1933 einen Lehrauftrag am neu gegründeten Black Mountain College in North Carolina übernahm. ALBERS versuchte die Konzepte des Bauhauses weiterzuführen, sie aber zugleich den veränderten Bedingungen, dem anderen Kontinent und der anderen Zeit anzupassen. Bei der Integration der europäischen Moderne in die amerikanische Kultur spielte das Black Mountain College eine bedeutende Rolle. Es bot den Freiraum für die Entwicklung und Realisierung experimenteller Aktivitäten und Ereignisse in allen Bereichen der Kunst.
Mit der Serie „Homage to the Square“ entwickelte JOSEF ALBERS ein bedeutendes malerisches und theoretisches Werk über die optische Wirkung der Farbe, das ihn zu einem der wichtigsten Künstler seiner Zeit machte. In seiner konsequenten Beschränkung auf Form und Farbe gehörte er zu den Wegbereitern experimenteller Kunstformen in Amerika.

Was die Bauhausnachfolgeschulen einte, war in erster Linie die am historischen Bauhaus entwickelte Lehrmethode. Diese vom deutschen Institut in die USA übertragende und weiterentwickelte Methodik stellte den bis dahin herrschenden Akademismus der Beaux-Art-Tradition eine zeitgemäße Alternative entgegen. Die kunstpädagogischen Konzepte des Bauhauses sind weltweit in die Ausbildungsprogramme von Kunst- und Gestaltungsschulen übernommen worden.

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