




Denkmale im Vergleich
Vergleich zwischen AUGUSTE RODINs "Balzac", 1891-1898;
Ton/Gips/Bronze, 2,95 m hoch und
MAX KLINGERs "Beethoven", 1885-1902; verschiedene Materialien,
3,10 m hoch, Leipzig, Museum der bildenden Künste.
Zur Geschichte des Denkmals
Im Mittelalter, besonders in der Gotik,
waren es die großen Kathedralen, welche wie Magneten Skulpturen
an ihren Wänden versammelten.
Im 19. Jahrhundert waren
es die Straßen und Plätze der Städte, die - neben
den Museen und repräsentativen Gebäuden - Bildwerke aus
Stein und Bronze geradezu magisch anzogen und hier zum Aufrichten von
Denkmälern einluden.
Getragen wurden diese Denkmalsetzungen
meistens von bürgerlichen Denkmalkomitees, die das jeweilige Thema
und den Aufstellungsort bestimmten, Wettbewerbe ausschrieben, den ausführenden
Künstler auswählten und für die Finanzierung sorgten.
Überwiegend waren es bürgerliche
Persönlichkeiten und deren Verdienste um Wissenschaft, Technik,
Kunst, die für denkmalwürdig befunden wurden. Es konnten aber
auch historische Ereignisse sein, zum Beispiel siegreiche Schlachten (Völkerschlachtdenkmal
in Leipzig, 1898-1913), bedeutende Persönlichkeiten aus lange
zurückliegender Geschichte (Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald,
1831-1875, für ARMINIUS DEN CHERUSKER), aber auch Allegorisches
(Nationaldenkmal in Rom, 1885-1911; Place de la Nation in Paris,
1889-1899; die Bavaria in München, 1837-1848; die Freiheitsstaue
in New York, 1871-1884). Das Gros dieser Denkmäler jedoch war
einzelnen Personen gewidmet.
AUGUSTE RODIN, "Balzac",
1891-1898: Auftrag und Ablehnung
Die "Société des Gens de Lettres" (Vereinigung
der Schriftsteller) beschloss 1891, dem bedeutenden französischen
Romancier HONORÉ
BALZAC (1799-1850) ein Denkmal zu errichten. Mit der Ausführung
wurde der Bildhauer AUGUSTE RODIN (1840-1917) beauftragt und als
Tag der Enthüllung der 1. Mai 1893 festgesetzt. Aber der
Künstler brauchte sieben Jahre. Und als er das Werk im Salon von 1898
in der "Galerie des machines" in Paris schließlich vorstellte,
stieß er auf massiven Widerstand - und zwar sowohl in der Öffentlichkeit,
wie beim Denkmalkomitee -, das wies das Werk lakonisch ab:
"Das Komitee der Société des Gens de Lettres sieht sich bedauerlicherweise dazu verpflichtet, gegen das von Monsieur Rodin im Salon ausgestellte Grobmodell zu protestieren, indem es ablehnt, dies als Statue von Balzac anzuerkennen. Das Komitee weigert sich, ein Werk anzunehmen, das keine Ähnlichkeit mit einer Statue hat."
Aufgestellt wurde das Denkmal trotzdem, aber erst Jahrzehnte später,
1939, auf der Kreuzung von Boulevard Raspail und Boulevard Montparnasse
in Paris (Bild 1).
Tatsächlich ist RODINs Balzac ein ganz und gar ungewöhnliches
Werk. Wenn man es mit den typischen
Denkmälern des 19. Jahrhunderts vergleicht, welche die großen
Männer mit geradezu fotografischer Ähnlichkeit ausrüstete,
sie überwiegend in korrekter Zeittracht darstellte und möglichst
noch mit einer Schar allegorischer Gestalten umgab, dann kann man die
anfängliche Empörung verstehen. Auftraggeber und Publikum hatten
etwas ganz anderes erwartet - jedenfalls nicht diese wie eine Fontäne
steil aufschießende Form, die auf den ersten Blick roh und ungestalt
wirkt, wie noch in Arbeit und unvollendet.
"Er hatte das Gesicht eines Elementes; großer Schädel, das zerzauste Haar wuchs über den Kragen und die Wangen, als hätte keine Schere es je gestutzt; sehr kompakt; feurige Augen, ein kolossaler Körper. Er war groß, dick, vierschrötig in Hüften und Schultern ... Da war so viel Seele, die er mit solcher Leichtigkeit trug; das Gewicht schien ihm Kraft zu geben, anstatt sie ihm zu nehmen".In den Jahren der Arbeit an der Statue hat RODIN Dutzende verschiedener Versionen entworfen - und immer wieder verworfen, bis er endlich die Lösung fand. BALZAC hatte nämlich die Angewohnheit, in einer Mönchskutte zu arbeiten. Und so tauchte RODIN seinen Schlafrock in Gips (Bild 2), drapierte ihn auf einem Gestell und montierte einen Balzac-Kopf in den Halsausschnitt. Keine erläuternden Einzelheiten weiter, keine erzählerischen Requisiten, nur die Wucht der steil aufsteigenden Form, die Gewaltsamkeit der Materialbehandlung und die Zerklüftungen im Antlitz. Und so roh geknetet (eben wie ein Element), dass man die überlegten Feinheiten zum Beispiel in der Lichtführung übersehen könnte: die breiten Lichtbahnen der Mantelfalten, die vom Sockel empor führen hin zum Haupt, wo ein Feuerwerk von Lichtpünktchen angezündet ist. Dies ist ein BALZAC im Augenblick der Inspiration!
"Ich mußte Balzac in seinem Arbeitszimmer zeigen, atemlos, das Haar in Unordnung, die Augen gedankenverloren auf einen Traum geheftet; ein Genie, das in seinem kleinen Raum Stück für Stück eine ganze Gesellschaft erzeugt, um sie zu stürmischem Leben zu erwecken ... einer, der niemals ruht, der die Nacht zum Tag macht, der sich vergebens antreibt, um die Löcher zu stopfen, die seine Schulden gerissen haben".
"Und endlich sah er ihn. Er sah eine breite, ausschreitende Gestalt, die an des Mantels Fall alle ihre Schwere verlor. Auf den starken Nacken stemmte sich das Haar, und in das Haar zurückgelehnt lag ein Gesicht, schauend, im Rausche des Schauens, schäumend von Schaffen: das Gesicht eines Elementes. Das war BALZAC in der Fruchtbarkeit seines Überflusses ... Das war das Schaffen selbst, das sich der Form BALZACs bediente, um zu erscheinen; des Schaffens Überhebung, Hochmut, Taumel und Trunkenheit. Der Kopf, der zurückgeworfen war, lebte auf dem Gipfel dieser Gestalt ... Alle Schwere war leicht geworden, stieg und fiel."
Der andere BALZAC
Nach der Zurückweisung von RODINs Balzac-Modell durch die "Société
des Gens de Lettres" erhielt der Bildhauer ALEXANDRE
FALGUIÈRE (1831-1900) den Auftrag. In weniger als sechs
Monaten und ohne große Studien und Seelenforschungen lieferte er
ein Gipsmodell, das akzeptiert, in Stein gehauen und 1900 auf der Rue
Friedland, nicht weit vom Étoile in Paris aufgerichtet wurde (Bild 3).
Ein auf hohem Sockel im Sessel thronender Balzac, die Arme auf den Lehnen,
ein Werk ohne Temperament, ohne Dynamik, beherrscht von lauter müde
abfallenden Konturen - also konventionell. Eine zeitgenössische
Stimme dazu: "FALGUIÉREs Balzac
ist ein törichtes Ding, das vielleicht als große Sache hätte
durchgehen können, wenn da nicht der von RODIN wäre."
MAX KLINGER, "Beethoven"
Ungefähr gleichzeitig mit RODINs "Balzac" schuf der deutsche
Maler, Druckgrafiker und Bildhauer MAX
KLINGER (1857-1920) ein Beethoven-Denkmal (Bild 4). Er schuf
es aus eigenem Antrieb und ohne Auftrag. Der erste Entwurf, ein farbig
gefasstes Gipsmodell, hat sich erhalten.
KLINGER berichtet über den Arbeitsbeginn:
"Der Beethoven entstand genau so in allen Details wie er jetzt ist, nur in anderen Proportionen und anderem Material bereits 1885 in Paris und der dort fast ganz fertig gemachte und gemalte (stramm farbige) Entwurf wurde 1887 oder 1888 auf der Berliner großen Kunstausstellung refusiert [abgewiesen]. Zu dieser Zeit existierte der Victor Hugo und der Denker von Rodin noch gar nicht. Die Idee kam mir eines schönen Abends in Paris am Klavier, und so farbig bestimmt und deutlich, wie nur ganz wenige Sachen: die Haltung, die Faust, das rote Gewand, der Adler, der Sessel, die Falten - sogar die Goldlehnen."
Beschreibung des Denkmals "Beethoven"
Die Ausführung nahm 17 Jahre in
Anspruch, erst 1902 war das Werk vollbracht - und wurde zu einem
triumphalen Erfolg. Es ist ein BEETHOVEN dargestellt, der nach dem berühmten Lebendabguss des Gesichts von
1812 modelliert ist. Der Komponist sitzt über hohem und weit vorgezogenem
Sockel mit bloßem Oberkörper auf einem hochlehnigen, reich
dekorierten Sessel. Ein Tuch ist um den Unterkörper und die Beine
geschlungen, ein Adler sitzt zu seinen Füßen (Bild 5),
die Sessel-Außenseiten sind mit Reliefs geschmückt - das
Ganze ist als vielfarbige Skulptur aus ganz unterschiedlichen Materialien zusammengesetzt, die der Künstler auf langen Reisen auswählte:
Oberkörper und Füße bestehen aus Marmor aus Syra (Griechenland).
Das Gewand aus Laaser Alabaster (Tirol).
Felssockel und Adler aus Pyrenäen-Marmor.
Die Augen des Adlers aus Bernstein,
seine Krallen aus Bronze.
Die Reliefs auf den Sesselseitenlehnen und der Rückseite aus Bronze.
Die Engelsköpfe am Thronrand aus Elfenbein.
Die Mosaikstreifen des Sessels aus mit Goldfolie
unterlegten antiken Glasflüssen, Achat,
Jaspis und Perlmutt.
Also schon von diesen bunten exotischen Materialien her eine erlesene
Kostbarkeit.
Als die Skulptur 1902 im Rahmen einer Beethovenausstellung in der Wiener Sezession zum ersten Mal gezeigt wurde, erhielt es sofort
den prominentesten Platz im zentralen Saal, erregte ungeheures Aufsehen,
wurde sofort von einem eiligst gegründeten Denkmalkomitee für
das Museum der bildenden Künste in Leipzig erworben und dort in einem
nach KLINGERs Plänen errichteten Anbau aufgestellt (der Anbau wurde
im Zweiten Weltkrieg zerstört).
Deutung des Denkmals
Wie bei den Balzac-Statuen geht es auch hier um eine Darstellung im Augenblick
der Inspiration.
Mit geballter Faust sitzt Beethoven und denkt und komponiert und ringt.
Aber was soll hier der Adler? Und was die Bronzereliefs?
Der Adler ist eine Anspielung auf
Prometheus. Er war in der griechischen Mythologie einer der Titanen und
Schöpfer des Menschen. Weil er entgegen dem Willen des Göttervaters
Zeus den Menschen das Feuer brachte, wurde er an einen Felsen im Kaukasus
geschmiedet, wo ihm ein Adler die nachts immer wieder nachwachsende Leber
zerhackte - Herkules befreite ihn schließlich. Seit dem Mittelalter
galt er als Erfinder der Bildhauerei. Die Prometheus-Anspielung in KLINGERs
Skulptur deutet das Titanische und Rebellische auch in Beethoven an.
Die Bronzereliefs am Thron:
Auf einer der Seitenlehnen sind Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis
dargestellt (Bild 6), auf der anderen Tantalos, ein antiker griechischer
König, der wegen eines Vergehens von den Göttern bestraft wurde.
Er musste durstend im Wasser stehen, das zurückwich, wenn er trinken
wollte, und die über ihm hängenden Früchte schnellten zurück,
wenn er nach ihnen griff. Es geht also um das Ringen der Menschen um Erkenntnis
und um die Bestrafung von Übermut.
Auf dem Relief der Thronrückseite
sieht man im Vordergrund die schaumgeborene Göttin der Schönheit,
Aphrodite, und im Hintergrund die Kreuzigung Christi. Hier geht es um
Liebe und Schönheit als Möglichkeiten der Erlösung der
Welt (Bild 4).
Und die Engelsköpfe meinen natürlich die himmlischen Cherubin
und ihre himmlische Musik.
Ein sehr gedankenreiches, in unterschiedliche Bedeutungsrichtungen weisendes
Programm, zu dessen Verständnis hohe Bildung Voraussetzung ist.
"Das widerspricht dem eigentlichen Sinn der Skulptur. Es ist eine wundervolle Arbeit, man müßte eine Million Kopien davon machen. Aber mit Bildhauerei hat das nichts zu tun."