Kunst
Der Torso
Venus von WillendorfAUGUSTE RODIN, "Schreitender Mann"MEDARDO ROSSO, "Das Fleisch der andern"

Eine selbstverständliche Voraussetzung der Plastik von der Prähistorie an war die Darstellung des Menschen entweder in vollständiger Gestalt ("Venus von Willendorf", um 25 000 v. Chr., Bild 1) oder konzentriert auf den Kopf bzw. die Büste.

"Schreitender Mann" von RODIN
Mit seiner Plastik "Schreitende Mann" von 1884 (Bild 2) ging RODIN von diesem Prinzip ab. Er stellte einen Menschen ohne Kopf und Arme dar, ein Fragment also, die erste als Torso konzipierte Plastik überhaupt. Dieses Werk kann keine bestimmte Person meinen, ebenso wenig eine unbestimmte. Auch verzichtet es auf die Darstellung einer bestimmten Handlung und auf gestischen Ausdruck. Obendrein ist diese Plastik ganz offensichtlich aus nicht zusammengehörenden Körperteilen zusammengesetzt, sie ist eine Collage. Die Beine bilden den Unterbau, der Rumpf ist auf ihn drauf gesetzt, die Nahtstelle dazwischen bleibt im Vagen. Detaillierte Angaben zur Anatomie fehlen, stattdessen erkennt man überall die auf der Oberfläche sichtbaren unverwischten Spuren der Bearbeitung. Dieser Körper glänzt im Licht, er fängt und strahlt Licht. Der Fortfall von Armen und Haupt erlöst die Gestalt vom Zwang zu Handlung, Erzählung und Assoziation. Ihre Masse steht und leuchtet.

Der Italiener MEDARDO ROSSO
Eine Gegenposition zu RODIN nimmt der Italiener MEDARDO ROSSO (1858-1928) ein. Er schuf keine Denkmäler. Sein Œuvre umfasst nicht mehr als dreißig Werke, entstanden zwischen den 1880er-Jahren und 1906. Köpfe und Figuren sind meist alle eher klein und häufig aus Wachs (Bild 3). Der "Buchmacher" (1884) zeigt einen Mann auf der Rennbahn, wie öfters bei ROSSO eine Szene aus dem großstädtischen Leben . Gegeben ist sie ‚en plain air', also im vollen Licht. Sie wächst leicht aus der Masse des Sockelgrundes heraus schräg in den Raum. Fast ist es, als sei sie der Dünung des Materials entquollen, so ungestalt bleibt sie. Details fehlen. Ein Gesehenes wird mit einer Modellierung, die zwar nachlässig erscheint, in Wirklichkeit aber mit größter Sorgfalt auf diese Flüchtigkeit hinarbeitet, gestaltet als ein Bild der Ganzheit. ROSSO ist nicht interessiert an einer Übersetzung in eine feststehende, kanonisch-klassische und akademisch-regelmäßige Form. Der "Buchmacher" soll nicht Statue oder Standbild sein. Er soll in der Atmosphäre und im Fluidum von Gesehenheit und Erinnerung erscheinen und damit im Modus von Vorläufigkeit. Darum fehlen alle Einzelheiten, denn sie hätten das Werk festgehalten bei den Dingen.

RODIN und ROSSO sind beide interessiert an Form-Auflockerung und -Auflösung, an der Verminderung von Figürlichkeit und Erzählung und arbeiten mit diesen Abstraktionsverfahren der Moderne des 20. Jahrhunderts vor. Ähnliche, aber durchaus nicht einheitliche Bestrebungen zeigen sich in anderen Bewegungen um die Jahrhundertwende, im Symbolismus und im Jugendstil.

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