

Eine selbstverständliche Voraussetzung der Plastik von der Prähistorie an war die Darstellung des Menschen entweder in vollständiger Gestalt ("Venus von Willendorf", um 25 000 v. Chr., Bild 1) oder konzentriert auf den Kopf bzw. die Büste.
"Schreitender Mann" von
RODIN
Mit seiner Plastik "Schreitende
Mann" von 1884 (Bild 2) ging
RODIN von diesem Prinzip ab. Er
stellte einen Menschen ohne Kopf und Arme dar, ein Fragment also, die
erste als Torso konzipierte Plastik
überhaupt. Dieses Werk kann keine bestimmte Person meinen, ebenso
wenig eine unbestimmte. Auch verzichtet es auf die Darstellung einer bestimmten
Handlung und auf gestischen Ausdruck. Obendrein ist diese Plastik ganz
offensichtlich aus nicht zusammengehörenden Körperteilen zusammengesetzt,
sie ist eine Collage.
Die Beine bilden den Unterbau, der Rumpf ist auf ihn drauf gesetzt, die
Nahtstelle dazwischen bleibt im Vagen. Detaillierte Angaben zur Anatomie
fehlen, stattdessen erkennt man überall die auf der Oberfläche
sichtbaren unverwischten Spuren der Bearbeitung. Dieser Körper glänzt
im Licht, er fängt und strahlt Licht. Der Fortfall von Armen und
Haupt erlöst die Gestalt vom Zwang zu Handlung, Erzählung und
Assoziation. Ihre Masse steht und leuchtet.
RODIN und ROSSO sind beide interessiert an Form-Auflockerung und -Auflösung, an der Verminderung von Figürlichkeit und Erzählung und arbeiten mit diesen Abstraktionsverfahren der Moderne des 20. Jahrhunderts vor. Ähnliche, aber durchaus nicht einheitliche Bestrebungen zeigen sich in anderen Bewegungen um die Jahrhundertwende, im Symbolismus und im Jugendstil.