




Kulturelle Entwicklung in den Zwanzigern
(Malerei, Architektur, Film und Theater)
Im wilhelminischen Deutschland lebte die Moderne
in der Opposition. Der Expressionismus
war bereits im Kaiserreich zur vollen Blüte gelangt und beherrschte
nun die Entwicklungsjahre der Weimarer Republik.
Bildende Kunst
In der bildenden Kunst
jener Zeit gab es - oft parallel nebeneinander - verschiedene
Strömungen.
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Weimarer Republik
(1919-1933): Die "Goldenen Zwanziger Jahre" |
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| Konstruktivismus | Dadaismus |
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| Neue Sachlichkeit | Surrealismus |
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Aber um 1925 begann sich ein Trend zu neuer
Gegenständlichkeit durchzusetzen.
Die Tendenzen realistischer, gegenständlich-abbildender Malerei gewannen
Mitte der 1920er-Jahre wieder zunehmend an Bedeutung, da die radikalen
formalen Experimente des Kubismus und
Futurismus und der emotionsgeladene
Subjektivismus des Expressionismus
und Surrealismus viele Künstler
und weite Teile des Publikums stark verunsichert hatten. Kennzeichnend
war die Ausstellung "Die
neue Sachlichkeit", die 1925
zuerst in Mannheim und anschließend als Wanderausstellung mit großem
Erfolg gezeigt wurde. Die ausstellenden Maler suchten gegen die Aufgeregtheit
und das Chaos der Lebensumstände wieder eine neue, aus der ruhigen
Betrachtung der Gegebenheiten gewonnene Haltung zurück zu gewinnen.
Eine Synthese der Stil-Merkmale war jedoch aus den sehr unterschiedlichen,
vor allem auch politisch-gesellschaftlichen Auffassungen der Maler kaum
noch möglich. Das Spektrum der Malerei des 19. Jh. - zwischen
den Begriffen "Realismus" und "Naturalismus" "
spiegelte sich auch in den Positionen der gegenständlichen Malerei
der 1920er-Jahre wider. Thematisch und formal beschäftigte sich ein
Teil der Künstler wieder mehr mit einer Neuen
Innerlichkeit und knüpfte damit an bis in die Romantik zurück
reichende Bild-Traditionen an. Gegen die überbordende Dynamik und
Hektik eines Krisen geschüttelten Alltags stellten diese Künstler
im festen Bildaufbau und in der Bewegungslosigkeit der abgebildeten Figuren
eine neue ruhige Betrachtungsweise, die im klaren Blick auf die einfachen
fast banalen Themen des Lebens eine neue emotionale Sicherheit vermitteln
wollte.
Diese subjektive, weltabgewandte Innerlichkeit und die Konzentration auf
die zeitlos, unbewegliche Dingwelt führte auch zur Bezeichnung "magischer
Realismus", in der die entfernten Beziehungen zum Surrealismus bewusst
mit anklingen sollten.
Der Protest gegen die sozialen Missstände
war auch schon vor 1900 von KÄTHE KOLLWITZ (1867-1945) und HEINRICH
ZILLE (1858-1929) eindringlich formuliert worden, und auch der Expressionismus
und der Dadaismus wollten in ihrem künstlerischen Engagement die
gesellschaftlichen Verhältnisse verändern. Der
sozial-kritische Realismus der 1920er-Jahre entwickelte sich mit
der Zunahme der gesellschaftlichen Gegensätze und Spannungen zu einer
Malerei, die - nun auch als "Verismus"
bezeichnet - nicht nur das äußere Erscheinungsbild des
Elends, sondern auch die Ursachen der gesellschaftlichen Fehlentwicklungen
anschaulich aufzeigen wollte.
1926 malte RUDOLF SCHLICHTER (1890-1955) das Bildnis "Bert Brecht",
in dem er ihn mit Lederjacke und skeptischem Blick zeigt. Im "Prolet-Look"
war BRECHT in Berlin aufgetreten, um als Literat und Theatermann auch
äußerlich auf seine Verbundenheit mit der Arbeiterklasse hinzuweisen.
Das Bild "Die Stützen der Gesellschaft" 1926 von GEORGE
GROSZ (1893-1959) als beißende Kritik an den Verhältnissen
der Weimarer Republik gemalt, hat er später mit den Worten kommentiert:
"Der Verist hält seinen Zeitgenossen den Spiegel vor die Fratze. Ich zeichnete und malte aus Widerspruch und versuchte, durch meine Arbeit die Welt davon zu überzeugen, dass sie hässlich, krank und verlogen ist".
Die politischen Auseinandersetzungen bewirkten schließlich die
offene Parteinahme einiger Künstler, die nun ihre Werke als Mittel
im politischen Kampf einsetzen wollen.
Direkter und eindeutiger war JOHN HEARTFIELD in seinen politischen Fotomontagen,
die er in der "AIZ" ("Arbeiter-Illustrierte-Zeitung")
veröffentlichte. Aus den dadaistischen Collagen mit ihrer chaotisch-dynamischen
Bildstruktur entwickelte HEARTFIELD eine leicht verständliche Bildersprache,
die wie in der Foto-Montage "Millionen stehen hinter mir" von
1932 die bekannte propagandistische Behauptung HITLERs beim Wort nimmt,
und dem Betrachter so die Beziehungen zwischen Vertretern des Großkapitals
und den Nationalsozialisten anschaulich vor Augen führt.
Architektur - Bauhaus
Eine der einschneidensten Veränderungen, ja Umwälzungen der
Kultur vollzogen sich im Kunsthandwerk und bei der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen.
Das neue Kunstkonzept beherrschte bis in die Gegenwart die Architektur,
das Kunsthandwerk und die Gestaltung von Gebrauchsgütern. Der Gegenstand
sollte auf seine Urformen reduziert werden. Ästhetische Aspekte wurden
einer zweckorientierten Nüchternheit und Nützlichkeit untergeordnet.
Andererseits erfuhren Nüchternheit und Zweckdienlichkeit eine neue
Ästhetik.
WALTER GROPIUS, Vertreter des klassischen, geometrischen Stils, begründete seinen Ruhm im Bauhaus. Anfang 1919 eröffnete er das Bauhaus in Weimar. Er widmete seine Schule von Anfang an der Schöpfung eines einzigen Kunstwerkes - dem Bau. In seinem Programm vom April 1919 schrieb er:
"Architekten, Maler und Bildhauer müssen die vielgliedrige Gestalt des Baues in seiner Gesamtheit und in seinen Teilen wieder kennen- und begreifen lernen, dann werden sich von selbst ihre Werke wieder mit architektonischem Geiste füllen, den sie in der Salonkunst verloren. Die alten Kunstschulen vermochten diese Einheit nicht zu erzeugen, da sie Kunst und Handwerk trennten."
Die Ausbildung im Bauhaus richtete sich auf die Beherrschung des Materials, künstlerische Theorie und damit die Einheit von Form und Inhalt. Jeder Studierende wurde nach dem Grundkurs in den verschiedenen Werkstätten von entsprechenden Meistern ausgebildet. Das Studium im Bauhaus war experimentell, fröhlich, großartig kraftvoll. Dafür garantierten solche Lehrer wie PAUL KLEE, WASSILIY KANDINSKY, LYONEL FEININGER, GERHARD MARCKS, OSKAR SCHLEMMER, LASZLO MOHOL-NAGY, JOSEF ALBERS. Die Vielseitigkeit des Bauhauses drückt sich in der Beschäftigung mit Typographie, Möbelentwürfen, Lampen, Teppichen, Töpferei, Buchbinden und Tanz aus.
KANDINSKY z.B. entwickelte für den Unterricht die Methoden
des analytischen Zeichnens, bei dem die Gegenstände eines
Stilllebens zuerst in einem möglichst knappen Schema in ihrem Gesamtaufbau
zu erfassen sind, und die dann stufenweise in einem konstruktiven Netz
als Beziehungen von Farben, Formen und Energiespannungen dargestellt werden
sollten.
JOHANNES ITTENs Farbenlehre mit der systematischen Zuordnung der Farbbeziehungen im Farbkreis war
im Bauhaus Teil der Formlehre und ist oft auch heute noch Teil der künstlerischen
Ausbildung an Schulen und Hochschulen.
Die soziale Funktion von Architektur und Kunst wurde zur neuen Richtlinie, für die sich die künstlerische Ausbildung mit der industriellen Produktion verbinden sollte. Für die Bautätigkeit wurde deshalb schon damals die technisch-industrielle Typisierung aller Bauteile gefordert.
1925 siedelte das Bauhaus von Weimar in die Stadt Dessau (Bild 1) über. Dort errichtete GROPIUS seine berühmten Bauwerke, wie 1926 den Bau der Siedlung Dessau-Törten, Wohnblöcke in der Siedlung Siemensstadt in Berlin (1929/30), das Projekt Wannsee-Uferbebauung in Berlin (1930/31) und die Siedlung Dammerstock, Karlsruhe. Die neue Baukunst suchte nach Ganzheit, indem sie sowohl ökonomische als auch ästhetische Ansprüche in Einklang brachte. In der Praxis lehrte das Bauhaus die Gleichberechtigung aller Arten schöpferischer Arbeit und ihr logisches Ineinandergreifen innerhalb der modernen Weltordnung. Der Leitgedanke war, dass der Gestaltungstrieb weder eine intellektuelle noch eine materielle Angelegenheit ist. Er ist Bestandteil der Lebenssubstanz einer zivilisierten Gesellschaft. GROPIUS:
"Ich glaube jedoch ohne Übertreibung sagen zu dürfen, daß die Gemeinschaft des Bauhauses durch die Ganzheit ihres Versuchs dazu beigetragen hat, die heutige Architektur und Gestaltung wieder sozial zu verankern."
GROPIUS lehrte, was die meisten Deutschen nicht lernen wollten: dass
man sich der Welt stellen und sie beherrschen muss ...
Das Bauhaus hat die Weimarer Republik nur ein halbes Jahr überlebt.
Theater und Film
Neben dem Bauhaus war der Film das
berühmteste Kunstprodukt der Weimarer Republik.
In Berlin gab es zwischen den Weltkriegen neben mehreren Varietees 40
Theater und drei Opernhäuser.
Durch das neue Medium des Kinofilms erlangten Schauspieler und Regisseure
wie FRITZ LANG, MARLENE DIETRICH
oder PETER LORRE internationalen Ruhm. Solche Filme wie "Das Kabinett
des Dr. Caligari" und "Metropolis" (beide noch Stummfilmklassiker, Bild 4)
und "Der blaue Engel" spiegelten die Zerrissenheit der Weimarer
Republik wider. Das "Cabinett des Dr. Caligari" hatte bereits
am 26. Februar 1920 in Berlin Premiere. Dieser Film lebte von den gemalten
expressionistischen Dekors.
Das Theater erlebte in der Weimarer
Zeit eine neue Blüte. BERT
BRECHT mit seiner neuen Theatertheorie appellierte an die Vernunft
des Publikums und machte auf die Notwendigkeit des Klassenkampfes aufmerksam.
Seine Theaterstücke verwendeten erstmals Stilmittel der Verfremdung.
Er überwand die aristotelische Dramentheorie und begründete das epische Theater.
BRECHT demontierte traditionelle Institutionen wie die Kirche in seinem
Stück "Das Leben des Galileo Galilei" und thematisierte
in der berühmten "Dreigroschenoper" (1928) die soziale
Frage. Gegen den Krieg appellierte er mit seinem Stück "Mutter
Courage und ihre Kinder".
Hervorragender Theaterregisseur war ERWIN
PISCATOR.
Seine beiden großen Revuen, "Revue Roter Rummel" und "Trotz
alledem", kennzeichneten den Höhepunkt des politischen Massentheaters
der Weimarer Republik. Die "Revue Roter Rummel" wurde vor den
Reichstagswahlen 1924 von der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD)
als Wahlveranstaltung gezeigt. Mit der Revue "Trotz alledem"
eröffnete die KPD ihren 10. Parteitag im Juli 1925.
Von 1924 bis 1927 war er als Regisseur an der Berliner Volksbühne tätig und entwickelte einen eigenen Inszenierungsstil: Der dramatische
Text diente als Material und wurde durch Filmeinblendungen, Projektionen
und politische Losungen ergänzt. 1927
wurde die erste Piscatorbühne durch Vermittlung der Schauspielerin TILLA DURIEUX in Berlin mit der Uraufführung
von WALTER MEHRINGs (1896-1985) "Der Kaufmann von Berlin"
eröffnet.
Noch im gleichen Jahr hatte "Hoppla, wir leben!"Premiere. Als Dramaturgen arbeiteten neben MEHRING auch BERTOLT
BRECHT und ERNST TOLLER an der Piscatorbühne.
PISCATOR verwendete zum ersten Mal die Segment-Globus-Bühne, eine
drehbare Halbkugel, die sich an mehreren Stellen aufklappen lässt
und den Blick auf wechselnde Orte und Szenen freigab.
Fazit der Goldenen Zwanziger
Malerei , Belletristik, Musik - alle kulturellen Entwicklungen spiegeln
bis auf wenige Ausnahmen die Widersprüche der "Goldenen Zwanziger
Jahre" wider. Mit ihrer Ausdrucksstärke, ihrer zunehmenden Politisierung
vom GROPIUS' Bauhaus bis zur Dreigroschenoper, von SCHÖNBERGs Zwölfton-Musik bis zu FRITZ LANGs "Metropolis" spannt sich der Bogen, der den
Zwanzigern mit Recht den Namen Goldene verlieh. Nicht vergessen werden
darf aber, dass die Goldenen Zwanziger Jahre ökonomische
Katastrophen wie Inflation und Weltwirtschaftskrise beinhalteten.
Die Umwälzungen von Gesellschaft und Technik, von Kultur und Forschung
waren begleitet von enthusiastischer Fortschrittshoffnung. Teilweise wurden
diese Hoffnungen durch die USA oder Sowjetunion verkörpert.
Gleichzeitig weckten die Modernisierungen auch Ängste, die schließlich
eine Massenbasis für den Nationalsozialismus ermöglichten.